Geschichte muss bleiben

East Side Gallery Der Protest gegen den Abriss von Berliner Mauerresten weist über sich hinaus: Hier zeigt sich auch ein neues historisches Bewusstsein
Martin Sabrow | Ausgabe 10/2013

Die Berliner Mauer kostete mindestens 136 Menschen das Leben, verunglückt beim Sprung aus dem Wohnungsfenster, ertrunken im Wasser der Spree, verblutet im Sand des Grenzstreifens. Was bringt in diesen Tagen Tausende Berliner Bürger dazu, dagegen Sturm zu laufen, dass im Bezirk Friedrichshain ein paar bemalte Betonsegmente dieses verwitterten Monstrums um wenige Meter versetzt werden?

Ihr Ruf „Die Mauer muss bleiben“ richtet sich gegen das Versagen der städtischen Behörden, die sich unfähig zeigen, ein weltweit bekanntes Geschichtssymbol vor dem Vermarkungsinteresse eines Bauherrn zu schützen. Allerdings ist es keineswegs das erste Mal, dass stehengebliebene Mauerstücke oder Wachtürme im Interesse der städtischen Infrastruktur versetzt wurden. Neu ist der öffentliche Protest und nicht die Haltung der Stadtpolitik. Auch in diesem Fall war die Landesdenkmalschutzbehörde durchaus einbezogen, und sie hat in einer eigenständigen Güterabwägung am Ende der Verschiebung eines 19 Meter langen Mauerteils zugestimmt, das schließlich nicht zum Nutzen der historischen Eventkultur dort errichtet worden war, dessen einziger Zweck die Abriegelung von Verkehrswegen war.

Die Verstörung über den drohenden und nur durch den Bürgerprotest vorläufig gestoppten Mauerabbruch resultiert nicht so sehr aus der Bräsigkeit von Senat oder Bezirk; sie entspringt vor allem einem radikalen Vorstellungswandel, der sich vor unseren Augen vollzogen hat. Von Anfang an war die Mauer ein doppeltes Symbol. Sie zeugte von der einschüchternden Unterdrückungsmacht der SED-Herrschaft; aber sie leistete eben auch den täglichen Offenbarungseid einer Weltordnung, die die Menschen nur mit Zwang an sich zu binden vermochte.

Auch nach ihrem Fall verband sich mit der Mauer ein doppeltes Pathos: Die Mauerspechte zertrümmertem mit jedem Schlag ein weiteres Relikt des Kalten Krieges, dessen Zerstörung den Weg zu Freiheit und Frieden öffnete. Und sie trugen mit jedem bemalten Mauerrest zugleich eine Reliquie nach Hause, die Kraft durch unmittelbare Berührung mit der Vergangenheit spendete. Als Symbol der überwundenen Teilung stehen einzelne Betonfertigteile dieses Bauwerks in der ganzen Welt. Als welthistorische Zeugnisse aber entfalten sie die Aura ihrer Authentizität nur an ihrem originalen Standort – jede Verlegung nimmt ihnen den Nimbus der Unmittelbarkeit, auf dem der Neohistorismus unserer Tage fußt, der die Zukunftsorientierung des Fortschrittszeitalters abgelöst hat.

Authentizität ist die Sehnsucht unserer Gegenwart, die in der Zeitreise das Abenteuer findet, das die Erkundung fremder Räume in der Ära der Globalisierung immer weniger bietet. Aber es müssen originale Schauplätze sein und echte Objekte, wenn sie uns in Bewegung setzen sollen, und darum pilgern in Berlin täglich Heerscharen zu einem Checkpoint Charlie, an dem es außer Staffage wenig zu sehen gibt, und drängen sich um originale Fluchtgegenstände im einem privaten Museum, dessen didaktische Konzeption alle heutigen Standards unterschreitet. Unsere Erinnerungskultur schert sich dabei erstaunlich wenig darum, um welche Vergangenheit es dabei jeweils geht. Auch böse Orte haben ihre Aura, und der Weg durch die deutsche Vergangenheit kann ohne Schwierigkeiten von Weimar nach Buchenwald führen oder in Potsdam von Sanssouci zum KGB-Gefängnis Leistikowstraße oder in Berlin vom Brandenburger Tor zur Gedenkstätte Hohenschönhausen.

Wichtig ist allein die empfundene Originalität, mag sie auch mühsam konserviert sein oder behutsam restauriert, notfalls auch simpel rekonstruiert. Der Denkmalsbegriff unserer Zeit akzeptiert heute neben der Echtheit des Materials auch die Originalität von Gestalt und Lage. Der Wiederaufbau der Stadtschlösser von Potsdam und Berlin kann daher auf dieselbe Authentizitätsübertragung rechnen, wie sie die Münchner Residenz oder die Dresdner Frauenkirche erreicht haben. Sie glückt um so leichter, je mehr Relikte des Verlorenen im nachempfundenen Neubau Verwendung finden und ihm ihre Aura spenden. Aber sie glückt keineswegs immer, wie zum Beispiel die halberzige Neuerrichtung des Braunschweiger Stadtschlosses als Einkaufszentrum belegt.

Gleichviel, ob das Engagement der Bewahrung von Kriegsschäden an Berliner Hausfassaden gilt oder dem Erhalt der letzten Gaslaternen oder eben der Rettung der East Side Gallery, immer geht es um eine historische Geborgenheit, die nicht etwa reaktionäre Wiederholung meint, sondern Identität auch durch kritische Aufarbeitung stiftet. Der Senat muss sich nicht schämen, dass ihn diese Entwicklung überholt hat, der er vor wenigen Jahren und unter der Ägide eines PDS-Senators mit einem ausgereiften Mauergedenkkonzept vorbildhaft Rechnung getragen hat. Aber er muss sich Versagen vorwerfen lassen, wenn er ihr jetzt nicht nacheilt und an einem städtischen Entwicklungsplan festhält, der Berlins Magnetkraft als Hauptstadt der Historie nicht angemessen in Rechnung zu stellen vermag.

Martin Sabrow ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam und zählt zu den wichtigsten deutschen Historikern

11:30 21.03.2013
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