Geschichte wird gemacht

1914 Unsere Historiker tun sich schwer, über die These von der Alleinschuld der Deutschen neu nachzudenken. Sie hat stets gut funktioniert

Lange ist’s her: Als die SED anfing, den Philosophen Ernst Bloch zu drangsalieren, warfen sie ihm Revisionismus vor, wogegen sich der Professor empört zur Wehr zu setzen versuchte. Im Streit um den Kriegsausbruch 1914 bezeichnet der Historiker Heinrich August Winkler diejenigen, die – in Deutschland seit jüngstem, in der internationalen Forschung seit langem – nicht mehr von der Hauptschuld des Deutschen Reiches sprechen, auch als „Revisionisten“. Das ist bös gemeint. Also worum geht der Streit?

Seit Anfang der 1960er Jahre setzte sich hierzulande die Lehrmeinung des Hamburger Historikers Fritz Fischer durch: Deutschland habe im Jahr 1914 „nach der Weltmacht“ gegriffen. Das sei an den Kriegszielen und an der militaristischen Ausrichtung der damaligen Politik abzulesen gewesen. Dass die Kriegsziele erst nach Kriegsausbruch zur Sprache kamen und was in der sogenannten Julikrise des Jahres 1914 in Paris, London und St. Petersburg geschah, war für Fischer dabei nicht wichtig. Ihm ging es vor allem um eine „selbstkritische Geschichtsschreibung“.

Dieser Aspekt ist für etliche deutsche Historiker bis heute noch immer so bestimmend, dass sie sich vehement zu Wort meldeten, als andere – wie der Australier Christopher Clark mit Die Schlafwandler oder der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler mit Der große Krieg – Bücher vorlegten, in denen die Schuld am Krieg auf mehrere Hauptstädte verteilt wurde. Der vor kurzem verstorbene Hans-Ulrich Wehler griff in seiner wohl letzten Rezension über Die Büchse der Pandora von Jörn Leonhard die Historiker Clark und Münkler zeilenreich an und schob dann auch noch anerkennende Worte für Fritz Fischer ein. Das alles konnte nach Streit aussehen, war dann aber doch keiner.

Hatte man in Berlin Angst?

Denn die Differenzen liegen heute im Unterschied zu früher nicht mehr bei der Frage der „Alleinverantwortung“, sondern eher bei der der „Hauptverantwortung“. Und die möchten einige immer noch für das Berlin des Kaisers annehmen. Der Sachverhalt 1914 ist, kurz gefasst, dieser: Nach dem Attentat in Sarajevo drängte Berlin die Politik in Wien mit einem sogenannten Blankoscheck. Das hieß: wenn Krieg, dann jetzt. Und wir sind dabei. Die Deutschen fürchteten sich nämlich vor den gegen sie gerichteten Kriegsabsichten Russlands und Frankreichs; sie kannten sie gut. Ihre Friedensbemühungen hatten das Ziel, England draußen zu halten. Das misslang, auch täuschte London Berlin lange über seine Politik. Ein siegreiches Reich auf dem Kontinent konnte London nicht dulden.

Die Franzosen wollten den Krieg. Daran hätte sich zwar etwas ändern können, aber der, der es hätte ändern wollen, der Sozialist Jean Jaurès nämlich, wurde 1914 ermordet. Die Russen brauchten den Krieg zur Stabilisierung des Inneren. Beide Mächte würden in wenigen Jahren Deutschland an militärischen Kräften weit übertreffen; zur Phraseologie der Hauptschuld-Vertreter gehört seit langem das Reden von den „panikartigen Einkreisungsvorstellungen“ (Heinrich August Winkler) der deutschen Politik. Und das in einer Zeit, in der von Nikita Chruschtschow bis Wladimir Putin russischen Politikern zugestanden wird, besondere Sicherheitsängste zu haben. Zuletzt auch wegen der Erinnerung an Napoleon.

Das alles sind Rückzugsgefechte. Oder um mit dem amerikanischen Wissenschaftsphilosophen Thomas S. Kuhn zu sprechen, Kämpfe um ein Paradigma, das für deutsche Historiker auch die Herrschaft über eine ziemlich ertragreiche Bonanza bedeutet: Schüler, Bücher, Fernsehauftritte. Um sich bei den Fakten nicht gegenüber internationalen Historikern zu blamieren, wird in Deutschland eine Art neue Wesensschau formuliert: Der Deutsche im Kaiserreich war eben so, dass bei ihm alles zum Krieg drängte. Seit langem schon. Deshalb trägt Deutschland auch die Hauptschuld. Mit solch volkspädagogischem Ehrgeiz stehen diese Leute in der Tradition deutscher Geschichtswissenschaft als Legitimationsbeschafferin jeweiliger Mehrheitsmeinung.

Eine Ausnahme bildet die in England lehrende Annika Mombauer, deren Interview mit der Süddeutschen allerdings mehr dem Auftritt eines Comedians ähnelt. Auf die Frage, weshalb Deutschland sich vor dem stärker werdenden Russland fürchtete, antwortet sie: „Wegen der aggressiven Außenpolitik der Regierungen des deutschen Kaisers.“ Das ist hübsch. Und zur Frage, ob Deutschland wirklich nach der Weltmacht gegriffen habe, bemerkt sie: „Darüber kann man lange streiten. Die Kriegsziele der Reichsführung sind für die Vorkriegszeit nicht gut belegt.“ Das ist noch besser.

Tatsächlich kann man zeigen, dass es für die deutsche Politik vor Kriegsausbruch keine Kriegsziele gab; das unterscheidet sie von Paris und St. Petersburg. Und wenn Frau Mombauer die Kriegsziele des sogenannten Septemberprogramms (1914) als „dauerhafte Unterjochung Kontinentaleuropas“ beschreibt, vermeidet sie klug hinzuzufügen, dass dieses Programm weitgehend vom späteren Außenminister Walther Rathenau stammt, der 1922 von Rechtsextremisten ermordet wurde. Von Unterjochung kann bei dem Programm kaum gesprochen werden.

So sehr Clark und Münkler kritisiert werden, so heftig wird dagegen für das Buch des Freiburger Historikers Jörn Leonhard geworben. Wehler attestierte ihm, „Beginn einer neuen Epoche der Weltkriegsgeschichte“ zu sein. Nun wird jeder an historischer Literatur Interessierte zustimmen, dass die 1.150 Seiten seines Buches Die Büchse der Pandora eine schöne Lektüre bieten. Aber was ist das Neue daran? Vielleicht, dass der Autor ein unübersehbares Desinteresse an Schlachtverläufen zeigt. Wenn man aber bedenkt, welche Bedeutung die Schlacht bei Tannenberg vom August 1914 und der Mythos von Tannenberg bis 1945 für die Deutschen und Paul von Hindenburg, den Oberbefehlshaber dort, hatten, kann sich über die knappe und inkompetente Darstellung nur wundern.

Noch kurioser aber ist es, daß die Seeschlacht am Skagerrak, die größte Seeschlacht der Geschichte, bei Leonhard überhaupt nicht vorkommt. Churchill hatte den englischen Oberbefehlshaber, John Jellicoe, als jenen Mann bezeichnet, der den Krieg allein an einem Tag verlieren könnte. Auch Jellicoe kommt bei Leonhard nicht vor. Nun könnte man einwenden, dass die Schlachten alle bedeutungslos gewesen seien, weil die Deutschen ja doch trotz ihrer Siege den Krieg verloren hätten. Und heißt es nicht schon von Clausewitz, Ziel des Krieges müssten bessere Voraussetzungen für die Politik sein? Schon richtig, das misslang den Deutschen. Nur: Werden wir demnächst in der Darstellung des Punischen Krieges auf Cannae verzichten müssen, weil Hannibal am Ende doch verlor?

Was wollten die Briten?

Leonhard interessiert sich mehr für Literatur, etwa Robert Musil, zitiert auch aus dem Brief einer Stettiner Hausbesitzerin. Nicht vorkommen aber lässt er Walter Flex mit seinem Der Wanderer zwischen beiden Welten. Das Buch erschien im Krieg, der Autor fiel 1917, bis 1963 wurde eine Millionenauflage erreicht. Der Wanderer wurde Kultbuch der „Bündischen Jugend“ des „Wandervogel“. Ohne diese Jugendbewegung ist Langemarck nicht verständlich und auch nicht, wie ein Teil der deutschen Jugend, zumal an den Universitäten, durch die Nationalsozialisten einzufangen war. Jene deutschen Historiker der Fischer-Nachfolge, die einen Wirkungszusammenhang zwischen 1914 und 1933 plausibel machen wollen, müssten sich gerade an dieses Buch halten, das von den Nazis nicht geschätzt wurde.

Warum tut Leonhard das nicht? Weil sein Buch im Münchner C.H.-Beck-Verlag erschienen ist? Und dort war auch bis Anfang der sechziger Jahre Flex erschienen. Eines der erfolgreichsten Bücher dieses zu Recht hochgerühmten Verlages, soll offenbar aus dem Gedächtnis gelöscht werden. Der Verlag muß es freilich nicht im Programm halten, darf sich auch davon distanzieren. Aber ein Historiker mit Anspruch darf es nicht verschweigen.

Geschichtsdebatte

Im Gegensatz zu Jürgen Busche ist Michael Jäger nach wie vor von Hauptschuld der Deutschen überzeugt, deine eine Sache werde sich nie ändern: Vertragsbruch bleibt Vertragsbruch

Es geht bis in die Details: Auch der Historiker der kaiserlichen Flottenpolitik Eckart Kehr wird mit einem Buch von 1930 immer noch jedem vorgehalten, der den Bau der Kriegsflotte nicht als Englands Motiv ansieht, in den Krieg einzutreten. Londons Weg in den Krieg hat soeben der amerikanische Historiker McMeekin präzise nachgezeichnet. Dagegen ist Clark milde.

Der einstige englische Außenminister Edward Grey, besser bekannt als Sir Edward Grey, fand zur Frage der Kriegsursache in einer Rede vor dem Oberhaus im Jahr 1924 folgende Worte: „Im Jahre 1914 war Europa an dem Punkt angelangt, an dem jedes Land außer Deutschland die Gegenwart fürchtete, und Deutschland fürchtete die Zukunft.“ Dazu freilich hatte die Regierung in Berlin mit Blick auf Frankreich und Russland allen Grund.

06:00 29.10.2014
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