Geschichten spinnen beim Platte putzen

Berliner Abende Niemand konnte ahnen, dass dies ein Jahrhundertsommer werden würde. Schon lange, bevor sich die Schönwetterperiode mit Hitzerekorden und ...

Niemand konnte ahnen, dass dies ein Jahrhundertsommer werden würde. Schon lange, bevor sich die Schönwetterperiode mit Hitzerekorden und landwirtschaftlichen Notständen ankündigte, waren Pläne gemacht. Als weise hat sich der Entschluss, das Land nicht zu verlassen und sich an Ort und Stelle zu bilden, herausgestellt. Weniger klug war das Versprechen an die halb- und großwüchsigen Kinder, während der Ferien Zimmer zu renovieren. Anstatt kühler und verregneter Sommertage gingen die gerade noch erträglichen Sommerabende drauf, wenn die Zimmertemperaturen knapp unter 30 Grad lagen und der Schweiß nicht mehr in Strömen, sondern nur noch in schmalen Bächlein floss.

Die Wünsche der Kinder waren nicht exorbitant, sondern orientierten sich an pragmatischen Erwägungen und preiswerten Visionen. Auf jeden Fall aber sollten sämtliche Tapeten von den Wänden, bis nur noch der graue Beton der Luxusplatte aus den Sechzigern zu sehen sein würde. In allen anderen Räumen hatten wir schon die Ursprünge des sozialistischen Wohnungsbaus freigelegt, uns an den Kritzeleien und Inschriften der Bauarbeiter ergötzt und den Beton so lange gewaschen, bis die Krater und Unebenheiten zur Geltung kamen. Uns gefällt´s. Andere haben so ihre Schwierigkeiten mit dem Ambiente. Der häufigst gesagte Einstiegssatz fremder Menschen, die an unserer Wohnungstür klingeln, lautet: "Ach, Sie sind gerade beim Renovieren." Aber damit kann man ja was anfangen, es taugt zumindest als Gesprächsbeginn.

In diesem Sommer also haben wir viele Abende lang die Wände der Kinderzimmer abgekratzt. Es war eine Reise in die Vergangenheit, ein wohnungsbaupolitischer und sozialpolitischer Exkurs.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohnte einst da, wo wir jetzt hausen, ein Minister der Deutschen Demokratischen Republik. Sprichwörtlich ist bei den Alteingesessenen noch ein exorbitanter Zimmerspringbrunnen, den dieser Minister besessen haben soll und der möglicherweise Grund dafür war, dass zwei Wände mit einem unzerstörbaren und wasserabweisenden Spritzputz bekleistert sind, von dem wir nicht wissen, ob er vielleicht konstituierend für den ganzen Block ist und als tragende Wand gedacht war.

Doch nicht nur dafür hätte das einstige Regierungsmitglied gerade zu stehen, würden wir seiner habhaft. Gefunden haben wir unter der harmlosen Raufasertapete in den Kinderzimmern einen dunkelgrünen und einen grell orangenen Anstrich, der sich wie Latex anfühlte, wie eine geistige Ausgeburt des Drehbuchschreibers der ersten Enterprise-Folgen aussah und die Widerstandsfähigkeit eines Ebola-Virus besaß. Wir haben uns die Finger blutig gespachtelt und den Mond angeheult, sind uns bei jedem Stück Blümchentapete, das unter dem SM-Anstrich hervorlugte, in die Arme gefallen und haben darüber philosophiert, ob Gott vielleicht am achten Tag und aus Rache über die Innenausstattung von Plattenbauwohnungen nachgedacht hat.

Aus dem feuchten und klebrigen Latexanstrich ließen sich kleine Flummis formen, mit denen wir hysterische Turniere veranstalteten. So gingen die Abende ins Land und der DDR-Minister erneut in die Geschichte ein.

Die Krönung aller Arbeit war die Rekonstruktion einer Zimmertür, die offensichtlich dazu dienen sollte, dem Minister einen abhörsicheren Raum für seine Arbeit zu gewährleisten. Dunkelrotes Kunstleder, mit knapp hundert goldköpfigen Polsternägeln befestigt, diente dem Schmuck und erster Lärmdämmung. Darunter, mit rund hundert kleinen und silberköpfigen Nägelchen fixiert, befand sich eine dicke Schicht grauschwarzer Putzwolle. Unter der Putzwolle hatte der Minister, mit rund hundert etwas größeren silberköpfigen Nägeln eine Sperrholzplatte angebracht, unter der wiederum eine Lage Nesselstoff durch rund hundert kupferköpfige Reißzwecken mit der Tür verbunden war.

Nachdem wir all dies entfernt hatten sah die Tür aus, als hätte jemand ein Testprogramm für seine Spielzeugkalaschnikow laufen lassen. Die Menge der nun notwendigen Spachtelmasse wäre ausreichend gewesen, sich eine neue Tür zu basteln.

Was immer der Minister abends und hinter dieser schalldichten Tür gemacht hat, es kann nichts Gutes gewesen sein. Vielleicht aber brauchte er auch nur einen Raum, in dem der Zimmerspringbrunnen nicht zu hören war.

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00:00 22.08.2003

Ausgabe 39/2020

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