Waldemar Kesler
29.07.2012 | 09:00

Geschlossene Gesellschaft

Heimbericht Die Comic-Reportage „Im Land der Frühaufsteher“ schildert den Alltag in Sachsen-Anhalts Asylbewerberunterkünften

Geschlossene Gesellschaft

Sensible Annäherung: Paula Bulling spart ihre Rolle als Beobachterin nicht aus

Foto: Paula Bulling/avant-Verlag

Flüchtlingsheime sind blinde Flecken auf der Landkarte. Als die Berliner Comiczeichnerin Paula Bulling alle Asylbewerberheime in Deutschland auf einer Übersicht verzeichnen wollte, konnte sie nirgendwo vollständige Daten finden. Aber nicht nur der Überblick fehlt. Auch Vergleichsstudien gibt es keine, die Aufschluss über die Situation der Flüchtlinge in Deutschland geben würden. Mit ihren Erfahrungen sind sie auf sich alleine gestellt. Die Öffentlichkeit nimmt sie kaum wahr.

Zugang zur Welt der Asylheime bekam Paula Bulling durch die Flüchtlingsorganisation The Voice. Als sie sich auf deren Initiative das Heim Katzhütte in Thüringen ansah, lernte sie den nigerianischen Filmemacher Maman Salissou Oumarou kennen, der damals selbst noch im Asylverfahren feststeckte und ihr die Türen öffnete.

Der Blick irrt hin und her

Bulling recherchierte ein halbes Jahr und besuchte regelmäßig verschiedene Unterkünfte. In ihrer Comic-Reportage Im Land der Frühaufsteher schildert sie, wie sie Heime in Sachsen-Anhalt aufsucht, wie sie mit den Bewohnern spricht und wie sie dabei ihre Rolle als Beobachterin hinterfragt. Bei den Begegnungen mit den Flüchtlingen wird ihr klar, dass ihr deren Perspektive verschlossen bleiben wird, weil sie die Erfahrungen, die schwarze Menschen in Deutschland machen, als weiße Frau schlechterdings nicht nachempfinden kann. Sie konnte stets den Ort wechseln. Manche Flüchtlinge leben jahrelang in den teils verwahrlosten Heimen, an die sie die Residenzpflicht bindet, ein Gesetz, das ihnen verbietet, unerlaubt den Landkreis zu verlassen. Da sie diese Isolation nicht zeichnen konnte, kam Paula Bulling zu dem Schluss, dass sie zwangsläufig an der Oberfläche bleiben muss.

Ihre Bilder tragen dieser Erfahrung Rechnung. Sie bleiben irgendwo zwischen Skizze und fertiger Zeichnung stehen, Menschen und Gegenstände sind unterschiedlich weit ausgeführt, der Blick irrt beim Lesen immer ein wenig orientierungslos hin und her. Paula Bulling benutzt Blei- und Filzstift und Aquarellgrau, was den Einzelbildern ganz unterschiedliche Akzente verleiht. Die ehemaligen Kasernen, in denen die Flüchtlinge oft untergebracht sind, erscheinen als klar umrissene, immergleiche Kästen, die karg möblierten Zimmer werden von geometrischen Formen beherrscht. Erst wenn Menschen die Szene betreten, lösen sich diese strengen Konturen auf. Dann sorgen Aquarellhintergründe für Schattierungen. Durch den Wechsel von skizzierten und detaillierten Gestalten entsteht der Eindruck, dass Paula Bullings beobachtender Blick Halt sucht. Als in einer Episode ein bislang freundlicher Mann mit Vokuhila unversehens ihren Freund Farid rassistisch anpöbelt, bleiben nur noch Umrisse von Farid übrig. Umgekehrt zeichnet sie sich selbst als zwischen Schwarz-Weiß-Kontrasten verlorenen Körper, nachdem sie als Fremde in einen Afroshop hineinspazierte und nicht sonderlich freundlich empfangen wurde – weil sie in einen Raum eingedrungen ist, der nicht für sie bestimmt ist, wie Farid erklärt.

Privatsphäre ade

Anhand von kleinen Begebenheiten vermittelt Paula Bulling ein Gefühl für die Situation der Asylbewerber. Etwa für die Distanz, auf die man sie in Deutschland hält: So muss Paula raus aus der Stadt, an ihren letzten Ausläufern vorbei und durch einen Wald hindurch, bevor sie nach einer langen Fahrradfahrt endlich am Heim ankommt, das wie viele andere im Nirgendwo liegt.

Viele Bewohner empfinden die Isolation als das Schlimmste. Da sie sich jenseits der Stadt jeden Schritt erlauben lassen müssen, leben sie wie im Gefängnis. Wie ausgehungert sie nach Kontakt zur Außenwelt sind, bekommen wir als Leser mit, wenn Paulas Gesprächspartner sein Zimmer räumen muss, weil nur er einen Fernseher hat und diesen ständig jemand in Beschlag nimmt: Das Bedürfnis nach Unterhaltung und Abwechslung gilt an so einem trostlosen Ort mehr als die Privatsphäre. Um einmal in die Disko zu kommen, nehmen die Bewohner Strapazen auf sich, die uns ziemlich unverhältnismäßig vorkommen: Durch Paulas Besuch haben sie die Gelegenheit, sich auf dem Sachsen-Ticket mitnehmen zu lassen, auch wenn das bedeutet, dass sie in der Nacht stundenlang zu Fuß durch den Wald zurück müssen.

Ihr Taktgefühl ist Paula Bulling mindestens genauso hoch anzurechnen wie ihre sichere Hand beim Zeichnen und der Auswahl der Szenen. Bei dem Stoff kann eine Erzählung leicht in wohlfeilen Elendstourismus abdriften. Paula Bulling sieht nicht nur zu, dass sie vermeidet, als weißer Mensch die Geschichten von Menschen mit anderer Hautfarbe erzählen zu wollen. Sie reduziert die Asylbewerber nicht auf ihren Status als Asylbewerber, sondern schildert ihre alltäglichen Interessen. Mit Farid erörtert sie abwechselnd Flüchtlingspolitik und Arthouse-Filme. In einer Erstaufnahme-Einrichtung legt sie den Flüchtlingen das gebrochene Deutsch nicht selber in den Mund, sondern kooperiert mit dem Integrationsreferenten Noel Kaboré, um ihnen eine Stimme zu leihen. Kaboré, sagt sie, habe viele Textpassagen, die sie vorschlug, auseinandergenommen, sie mit ihr diskutiert und neu geschrieben. Erst danach habe auch sie sich mit dem Text wohl gefühlt.

Die Geschichte endet mit dem brutalen und ungeklärten Tod des georgischen Flüchtlings Azad Murat Hadji. Ob sich dahinter ein Kriminalfall verbirgt, ist für Farid zweitrangig: „Das Bitterste für mich ist, dass es keinen interessiert, ob hier einer verreckt.“ In der letzten Szene sitzen Farid und Paula mit Hadjis Frau Kristina und deren beiden in Deutschland geborenen Töchtern zusammen. Bis vor Kurzem war die Familie von der Abschiebung bedroht, erst in letzter Sekunde hat die Härtefallkommission Sachsen-Anhalts den Beschluss Ende Juni abgewendet. Für die Geschichte, die Paula Bulling erzählt, bedeutet der glückliche Ausgang des Verfahrens allerdings noch kein Happy End.

Im Land der Frühaufsteher Paula Bulling Avant-Verlag 2012, 120 S., 17,95 € Waldemar Kesler arbeitet als Autor, Lektor und Übersetzer, auch von Comics, in Berlin