Geschlossener Raum

Detailliert In Malou Berlins Debüt-Roman "Zeit bis Mitternacht" geht es noch einmal ins Berlin der Mauerzeit zurück

"Zeit bis Mitternacht" ist ein Liebesroman. Mit der Besonderheit, dass es sich um Liebe zwischen Frauen handelt. Es ist ein Roman über das komplizierte Zusammenkommen im geteilten Berlin, mit der Eigenart, dass der westliche Part durchaus in den Osten übersiedeln möchte. Beide Besonderheiten zählen nach den vielen Jahren der Einheit nur noch wenig. Lesbische Liebe ist - wie jede andere - ehetauglich. Der Umzug von Kreuzberg in den Prenzlauer Berg fast ein alltägliches Ereignis. Also handelt es sich um ein Erinnerungsbuch. Durch Prolog und Epilog wird das auch betont.

Gleichzeitig sorgt das für Distanz. Die macht die Sicht auf viele Gegebenheiten von damals, auf die Prozeduren beim Übergang von West nach Ost zum Beispiel, die jeweiligen Eigenarten des Lebens in der einen und der anderen Welt subtiler, schafft andere Perspektiven. Das Außergewöhnliche von damals soll erzählt werden, das, was vielleicht schon in anderen Veröffentlichungen eine Rolle spielte, aber ins Klischee gepresst wurde. Hier will eine Autorin gegen das Klischee anschreiben.

Franka findet in Magdalena aus dem östlichen Teil Berlins ihre große Liebe. Erstaunt und neugierig arbeiten beide die gängigen Vorurteile ab, schätzen aber vor allem den Blick der anderen, wollen mit deren Augen sehen und begreifen. Warum so viele Leute aus dem Osten weggehen, andere, durchaus kritische Geister, unter ihnen Magdalena und ihre Freundinnen, wollen partout bleiben. Franka nennt es "den Vorurteilen über den Osten auf der Spur sein". Ihre Vergleiche mit dem Leben, das sie kennt, ergeben für den Osten mehr menschliche Wärme, das zieht sie an. Ihre Erzählungen, ihre Mitbringsel unterscheiden sich von denen anderer vor allem durch Hintergründigkeit. Sie verachtet die Oberfläche, die den westlichen Teil so makellos erscheinen lässt. Sie sorgt nicht für Kaffee, sondern für Frauenbücher.

Die Wochenenden, streng reglementiert durch Umtauschsätze und Einreisevisa, Sonnabend und Sonntag jeweils getrennt (der Besuch im Ostteil musste am Sonnabend bis Mitternacht beendet sein und durfte Sonntag 0.01 erneut beginnen) sind über zwei Jahre hinweg so etwas wie geplante Erkundungen von Körper und Seele, sozialem Umfeld und Vorgeschichte des anderen. Lustvoll, warm, freundlich und trotz aller Normen und Gesetze, die den Aufenthalt einzwängen, auch verborgen vor allzu großer Neugier. Daran ändert eine von der Stasi eingeschleuste "Freundin" nichts und auch die Zeitüberschreitung bei der Ausreise aus der DDR bleibt ohne Folgen. Diese Liebe wächst von Wochenende zu Wochenende. Des täglichen Einerleis ledig, summieren sich die freundlichen Eindrücke.

Mit dieser Sonntagswelt der Liebe kontrastiert Frankas Alltag im Westen. Arbeitsabläufe, streng in zeitliche Regelsätze gezwängt, (sie ist - im Westen ungewöhnlich - Motorradmechanikerin, soundsoviel Minuten für Radwechsel, Vergasereinstellung, x-Arbeitseinheiten für eine Durchsicht) eine reibungslos funktionierende Wohngemeinschaft mit einem alten Freund und dessen Tochter plus zeitweiliger, kaum pflegeleicht zu nennender Zusatzbewohnerinnen und einer Vorgeschichte der Hauptperson, die bis zur Hälfte des Buches nur mitschwingt aber mit deren Kindheit zu tun haben muss. Praller Erzählstoff also. Denn natürlich weiß der Leser von Anfang an, dass alles, was im Jahre 1988 beginnt, auf den Fall der Mauer und die Frage hinausläuft, was wird aus dieser Liebe unter veränderten Bedingungen. Das aber reicht der Autorin, über die man im Buch selbst oder auch im Internet keine Angaben findet - Malou Berlin ist ein Pseudonym - nicht.

Es gibt viele Nebenschauplätze, die der Autorin wichtig sind und die sie aufgenommen hat. Die Geschichte des alten Freundes und Mitbewohners samt seiner Tochter wird zur Erklärung des Umfelds der Hauptperson gebraucht, viele andere erscheinen als Material, das belegt, die Autorin konnte sich nicht zwischen Liebes- und zeitkritischem Roman entscheiden. Sie wollte beides in Übereinstimmung bringen. Aber das gelingt nur in wenigen Passagen. Zu viele Episoden schwirren durch die Kapitel, ohne mehr als illustrativ zu sein. Eine davon ist die Geschichte mit Nesrin, einer Freundin, die irgendwann auftaucht und wieder verschwindet, wahrscheinlich, um die andere, die weltläufige Dimension des westlichen Lebens anzudeuten.

Das Buch gefällt sich in der Beschreibung von technischen Abläufen. Wie Franka virtuos ihr Werkzeug einsetzt, ihren Beruf liebt, immer wieder auf Vorurteile stößt, (Frau und fahrender Untersatz). Sie erklärt ihrer Geliebten ausführlich, was es mit ihrer zu erwartenden Arbeitslosigkeit im Winter auf sich hat, mit wie viel Geld sie rechnen kann, was das in Prozenten ausmacht etc. - Regelsätze, die inzwischen längst anders sind, was Ostler zur Genüge erfahren haben. Umgekehrt erfragt sie, was eine ABF (Arbeiter-und-Bauernfakultät) war, wie man im Osten für 20 Pfennig öffentliche Verkehrsmittel benutzt etcetera. Man braucht Geduld für so viele Details. Das Bild beider alter Republiken soll aufgebrochen werden, da war keine Idylle, aber lebendiger Alltag. Es geht der Autorin auch nicht um die Veränderungen im sozialen Gefüge, vielmehr will sie auf die Unterschiede zwischen Ost und West hinaus und - 16 Jahre nach Fall der Mauer - so etwas wie eine Gewinn- und Verlustrechnung aufmachen, bei der der Osten weit besser abschneidet, als in vielen anderen literarischen Arbeiten zum Thema sonst.

Vielleicht ist das einfach zu viel an Vorsätzen. Denn es kommt noch etwas hinzu. Frankas zerstörte Kindheit, über die sie nur mühsam sprechen kann. "Seit meinem vierten Lebensjahr musste ich ... es waren Fotos und Filme, versteht ihr, pornographische Filme, bei denen ich mitmachen musste." Dieser unerhörte, zerstörerische Auftakt für ein Leben wird hier quasi nebenher eingebracht und nur genutzt, um zu erklären, warum die Liebe zwischen Franka und Magdalena den Mauerfall nicht übersteht. Der geschlossene Raum der DDR, der Schutz lieferte - dahin würden die, die sie unter eifriger Beteiligung des Vaters und Duldung durch die Mutter missbrauchten, nicht kommen -, zerfiel. Hinter der Mauer hätte Franka keine Vorgeschichte gehabt. Offene Grenzen stellen sie bloß. Ihre Gefühle könnten benutzt werden. Die Kälte holt sie ein.

Die Autorin wählt den Mittelpunkt Kindesmissbrauch bewusst nicht. Sie müsste, um stringent zu bleiben, aus der Innenperspektive erzählen. Der Leser wird das Gefühl nicht los, dass sie diese Konsequenz für zu anstrengend hält. Dafür spricht, dass im Zusammenhang mit eben dieser Kindheit Franka selbst von "süßen siebzehn" Jahren spricht, nach denen sie das Elternhaus verlässt. Ein Terminus, der schon in der Boulevard-Presse einen faden Beigeschmack hat. Da wünscht man der Autorin dann entweder eine gute Lektorin oder genug Zeit, um solche Brüche zu tilgen.

Malou Berlin: Zeit bis Mitternacht, Roman, Querverlag, Berlin 2006, 312 S., 14,90 EUR


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00:00 17.03.2006

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