Geschwistertriebe

Im Kino Das Leben als Melodrama in "Agnes und seine Brüder", dem neuen Film von Oskar Roehler

Denn alle Schuld rächt sich auf Erden, auch die, Schemen oder doch mindestens Halbschemen für Menschen ausgegeben zu haben." Hat Theodor Fontane gesagt, den Rainer Werner Fassbinder zitiert in einem Text über Claude Chabrol, der Filme gedreht hat über das Kleine und Kleinliche im Bourgeois.

Sex und Crime und Society, darum geht es in Oskar Roehlers neuem Film Agnes und seine Brüder. Drei Melodramen in einem. Geschichte eins erzählt von Hans-Jörg, einem bedeutungslosen Bibliotheksangestellten an irgendeiner Universität irgendwo im Westen Deutschlands. Aus den Jeans ist er schon vor Jahren herausgewachsen, die weißen Socken mögen in seiner Pubertät schick gewesen sein und das schütter gewordene Haar verrät, dass er seine biologische Halbwertzeit bereits überschritten hat. Dieser Bub im Mann ist über das Erwachen der Sexualität nicht hinausgekommen, überall drängen sich seinem Blick blanke Beine, entblößte Bauchnabel und schwellende Brüste auf. Ein Getriebener ist er, der den Triebstau mildert durch einen Schluck aus dem Flachmann und der Abfuhr sucht in hastiger Selbstmanipulation auf der Damentoilette, während der Vorgesetzte ihn mit saurer Miene zur Erledigung archivarischer Pflichten drängt. Gelingt es ihm denn mal, eine junge Frau zum Gespräch zu drängen, steht schon ein Typ vom Schlage Til Schweigers hinter ihm und pustet kurz die Backen auf. Klar: Hans-Jörg ist der falsche Knabe am falschen Ort, seine Erotomanie verträgt sich nicht mit den Gepflogenheiten der Bibliotheksordnung, die Katastrophe ist vorgezeichnet.

Geschichte zwei, machen wir es kurz, ist die liebenswerteste und doch nur ein Fragment. Die Transsexuelle Agnes verdient ihr Geld im Pailettenkleid als Go-Go-Dancer und wird von ihrem biederen Freund aus der Wohnung geworfen. Sie findet Unterschlupf bei Margit Carstensen, die früher bei Fassbinder die von Karlheinz Böhm sadistisch gequälte Martha war und in diesem Film Roxy heißt. Agnes begegnet einem alten Liebhaber, der inzwischen prominent und damit unnahbar geworden ist. Doch der Ex-Lover beehrt sie mit einem respektvollen Hausbesuch, woraufhin sie an inneren Verletzungen still leidend und doch glücklich dahinscheiden kann. Liebe, die erst im Tod ihre Erfüllung findet, weil soziale Grenzen dem Glück im Wege stehen: Fontane lässt ebenso grüßen wie Courths-Mahler.

Melodramen rennen an gegen die Regeln der Vernunft, gegen die Regeln der Gesellschaft, sie sind parteiisch für die Liebe, den Hass, die Sehnsucht, die Wut, das Begehren, den Tod. Es sind keine Filme über Gefühle, es sind Filme mit Gefühl. In der Agnes-Episode blitzen solche Momente von Mitgefühl, von Interesse für die Figuren auf. Wenn Agnes auf ihren Stöckelschuhen bei einem nächtlichen Empfang, der ihrem Geliebten gilt, von Wachmännern abgedrängt über den roten Teppich irrt und die Kavalkade mit dem begehrten, verehrten Mann an ihr vorüberzieht, dann könnte das fast so anrührend sein wie eine Marlene Dietrich, die hinter Gary Cooper durch den Wüstensand stolpert, um ihm in die Fremdenlegion zu folgen.

Doch die Titel gebende Agnes ist leider nicht nur mit dem Lümmel vom letzten Bibliothekspult verwandt, zur Familie gehört auch noch Bruder Werner. Der ist mit einer lustlosen Katja Riemann verheiratet, hat zwei Söhne mit ödipalen Problemen und ist, Punkt, Punkt, Komma, Strich, das Abziehbild eines Dosenpfand-Politikers. In der dritten Story geht es darum, dass Moral und Emotionen nicht deckungsgleich sind. Zur Demonstration erledigt Werner seine Notdurft während eines Telefonats mit einem gewissen Joschka. Das bleibt alles so unerheblich wie eine Kettensäge in der Ligusterhecke, schielt jedoch auf den Skandal wie der lüsterne Ehemann auf die Schenkel seiner gelangweilten Lysistrata. Zusammengehalten werden die Geschwister im übrigen durch Vadim Glownas bizarre Vaterfigur, die ihr Ende durch Sohneshand findet. Nicht schlecht, aber eigentlich war der Mord bloß ein Missverständnis.

Mit Agnes und seine Brüder wollte Roehler Großes, am neueren amerikanischen Melodrama soll der Film anknüpfen. So zitiert er dann auch ausführlich American Beauty von Sam Mendes. Die Idee für den entscheidenden Wendepunkt hat er sich direkt beim Vorbild entliehen: Der Blick durchs Fenster, der dem emotional aufgeladenen Betrachter die Dinge und Verhältnisse anders erscheinen lässt als sie sich den handelnden Personen darstellen. Verbotener Sex scheint sich in beiden Filmen dort abzuspielen, wo alltägliche Vorgänge geschehen. Das ist sowohl in American Beauty wie in Agnes und seine Brüder von tödlicher Konsequenz. Doch während der Voyeur bei Sam Mendes sieht, was er nicht sehen will, bekommt Hans-Jörg genau das vor Augen, was er schon immer zu sehen erwartete. American Beauty erzählt von der Macht des Verdrängten und der Subjektivität der Perspektiven, Agnes erzählt von der Tumbheit seiner Figuren.

Roehler bringt dem Personal seines Films keine großen Sympathien entgegen. Die Musik, seit jeher bedeutsames Element melodramatischer Strategien, liefert den dauergeilen Hans-Jörg mit lauem Dabadabada-Geplansche fistelnder Chorstimmen aus, die ihn als umtriebigen Schwächling der Verachtung preis geben. Für Agnes gibt es esoterisch angehauchtes Glöckchengeklingel und Werner wird durch ein paar Hits aus den sechziger Jahren zum Mann von gestern. So haben wir es leider nur mit Halbschemen zu tun, mit Pappkameraden ohne Tiefe.

Und doch: Anders als seinen Figuren lässt Roehler seinen Schauspielern alle Freiheiten. Darin liegt das Vergnügen des Films. Weil Martin Weiß als Agnes hinreißend aussehen kann, ganz sanft und zugewandt in seiner Sehnsucht und ganz schrecklich, gespenstisch in wilder Ekstase. Und weil es Freude bereitet, Moritz Bleibtreu zu folgen, wenn er bis an die Grenze zur Charge geht und seinem Hans-Jörg noch ein paar absonderliche Gesten verpasst. Da polkt er gierig den Kaugummi aus der Toilettenwand, um die junge Frau in der Nachbarkabine beim Verdauen zu beobachten oder nimmt mit der geduckten Haltung eines ertappten Stummfilm-Kriminellen einen heimlichen Schluck aus der Gesäßflasche. Bei all dem bewahrt Bleibtreu einen Rest an Respekt für seine Figur, und so gönnt man es ihm, wenn er am Ende mit einer Pornoqueen losfährt, um die Welt zu verbessern. Über Herbert Knaups verkniffenen Werner hingegen mag sich amüsieren, wer sich noch an seinem 68er-Papa abarbeiten musste.

Ein zärtlicher Film im Sinne Mendes´ ist das nicht. Auch kein Film, der die Macht der Emotionen auslotet wie die Melodramen von Fassbinder. Und erst recht kein Film voller Verachtung für die herrschenden Verhältnisse wie bei Chabrol. Eher ein Skandälchen wie die Filme von Robert van Ackeren. Was ist aus dem eigentlich geworden?


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00:00 15.10.2004

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