Barbara Schweizerhof
06.08.2010 | 13:00 3

Gesendete Literatur

TV-Serie Die Fernsehserie „The Wire“ ist als ­einzig- und großartig gepriesen worden. Zu Recht, denn sie ist große, tragische Literatur. Erkundung eines zeitlosen Phänomens

Man verrät es nicht gerne, aber es gibt nicht nur unter Kritikern, sondern auch bei „einfachen“ Kulturkonsumenten einen verbreiteten Reflex gegen jede Art von Hype. Wahrscheinlich lässt er sich sogar mathematisch berechnen: Je größer das Lob über ein Buch, einen Film, ein Theaterstück ausfällt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Lektüre oder der Sehgenuss mit einer gewissen Enttäuschung einhergeht nach dem Motto: „So toll dann auch wieder nicht“. Nur wenige als Meisterwerke ausgerufene Filme oder Bücher sind gegen diesen Reflex immun. Die amerikanische Fernsehserie The Wire scheint dazu zu gehören. „Believe the hype, this is a phenomenal series“, beendet ein amerikanischer Kritiker seine Besprechung der DVD-Edition, an deren Anfang er das allgemein kursierende Urteil folgendermaßen zusammenfasst: „The single finest television program of our time.“ Der Kritikerreflex will dem sofort Einhalt gebieten.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Schwärmerei für The Wire ein gewisser Geheimclubcharakter anhaftet. Die Serie ist ein Produkt des amerikanischen Bezahlsenders HBO. In den USA von 2002 bis 2008 ausgestrahlt, waren Aufzeichnungen zunächst nur durch Netzpiraterie zu beschaffen. Wer auf die DVD-Edition wartete, musste sie aus Großbritannien bestellen. Eine synchronisierte Fassung wurde von Mai 2008 bis vor kurzem weitgehend unbemerkt auf dem deutschen Bezahlkanal Fox-Channel gesendet – ein weiterer Beweis für die marginale Stellung des Bezahlfernsehens in Deutschland. Unabhängig davon nämlich stieg in dieser Zeit der legendäre Ruf der Serie. Die Verbreitung durch Mund-zu-Mund-Propaganda und Weiterreichen von raren, oft selbstgemachten Kopien samt dem damit verbundenen Ruch des Illegalen verleiht dem Ganzen etwas von jener Anziehungskraft, die einst von Untergrundliteratur ausging.

Idealismus im Alltag

Verstärkt wird diese Aura noch dadurch, dass auf das Beschaffungsproblem das der Bewältigung folgt: The Wire besteht aus fünf Staffeln mit zwischen zehn und dreizehn etwa einstündigen Folgen – insgesamt sind es gut 60 Stunden. Wer diszipliniert zwei Episoden am Tag schaut, ist einen kompletten Monat damit beschäftigt. Danach allerdings gehört man zu einem Club, in dem es reicht, die Namen „Omar“, „Stringer Bell“ oder „McNulty“ auszusprechen, um sich an vielsagenden, sympathisierenden Blicken zu erwärmen. Es mag diesem Samisdat-Charme und dem Stolz der Early-Adopter-Elite geschuldet sein, dass sich weit und breit kein „So toll dann auch wieder nicht“-Urteil findet. Statt dessen, in wechselnden Formulierungen: „The single finest television program of our time“.

Von was also handelt The Wire? In der ersten Staffel geht es um die Arbeit eines polizeilichen Sonderkommandos in Baltimore, das gegen eine Drogengang ermittelt. Mittels einer Abhöraktion, die der Serie den Titel gibt („the wire“ – „der Draht“ ist dafür der Slangausdruck), sollen Beweise für eine stichhaltige Anklage gesammelt werden. Anders als in Polizeiserien üblich, stehen nicht Action und Whodunnit im Vordergrund, sondern die Alltagsmühen des von der Politik gewollten „War on Drugs“: das Ringen um Etats und Genehmigungen, die Auseinandersetzungen mit Kollegen und Vorgesetzten. Fesselnd und irritierend zugleich ist dabei, dass nicht nur die Polizistenwelt, sondern auch die der Drogendealer in den Blick genommen wird. Nicht wie es das Kino meist tut, durch frivole Reinszenierung von Gangsta-Glamour, sondern durch Zeigen der banalen Niederungen des Business mit seinen ausgeklügelten Kommunikationswegen und brutalen Hierarchien.

Erst mit der zweiten Staffel erschließt sich das eigene und innovative Prinzip, nach dem die Serie angelegt ist. Die Geschichte der beiden Fronten des Drogenkriegs wird fortgesetzt, gleichzeitig kommen weitere Schauplätze hinzu. Spielte sich bislang das Geschehen in den heruntergekommenen Wohnsiedlungen von West-Baltimore ab, gerät nun der Hafen der Stadt mit seinen um Jobs kämpfenden Dockarbeitern und ihrer verzweifelten Gewerkschaft in den Fokus. Wieder liefern die Polizeiermittlungen lediglich den narrativen Motor für eine erschreckend präzise Beschreibung der sozioökonomischen Lage einer mit dem postindustriellen Verfall ringenden Stadt.

Faule Kompromisse

Mit der dritten Staffel wird das Erzählprinzip endgültig klar: Statt Handlungen abzuschließen und Komplexität zu reduzieren, werden das Blickfeld und damit die Einsichten in die Problemlagen der modernen amerikanischen Stadt immer weiter verbreitert und differenziert. Als Schauplatz kommen nun die Stadtverwaltung und andere Inner-City-Bezirke hinzu. Einer der vielen Handlungsstränge zeigt den Wahlkampf eines weißen Bürgermeisterkandidaten, der im mehrheitlich schwarzen Baltimore eigentlich keine Chance hat – und sie doch nutzt. Davon, dass im Mühlrad der modernen Verwaltung die besten Absichten notwendig als faule Kompromisse enden, handelt auch die vierte Staffel, in der sich das Blickfeld um das Schulsystem erweitert, das beständig bei seiner Aufgabe versagt, den Kindern aus den Drogenvierteln Perspektiven jenseits von Sucht oder Dealertum zu eröffnen. In der fünften und letzten Staffel schließlich wird als Schauplatz die Zeitungsredaktion des Baltimore Sun eingeführt und damit vom Einfluss der modernen Medienkrise auf die Stadtentwicklung und unserer Wahrnehmung davon erzählt.

The Wire ist also weniger eine Polizeiserie als vielmehr der Roman einer Stadt. Die umfassende, epische Breite, mit der hier verschiedene gesellschaftliche Milieus und Einrichtungen durchleuchtet werden, hat der Serie den häufigen Vergleich mit Dickens eingebracht. Womit eher ein Rezeptionsgefühl als eine Erzählstruktur beschrieben wird. The Wire-Schauen fühlt sich tatsächlich mehr an wie Literaturlesen als wie Fernsehen. So wie man sich bei Dickens oder auch Dostojewski die ersten 70 Seiten lang etwas quälen muss, bevor man „drin“ ist, braucht es auch bei The Wire zwei, drei Episoden, bevor man nicht mehr davon loskommt. Stolz hat Chefautor und Produzent David Simon selbst sein Werk als „broadcast literature“ bezeichnet, bei dem die einzelnen Episoden wie Kapitel eines Buches funktionieren. Genau besehen aber ist The Wire vom Dickens’schen Spiel mit Emotionen und Gegensätzen weit entfernt, zeichnet sich die Serie doch durch ihre entschiedene Nüchternheit und ihre feine Kalibrierung der Figuren aus. Die Helden lassen sich nicht in Gut und Böse aufteilen, sondern allenfalls in verschiedene Konfliktlagen. Die einen bleiben sich treu, anderen gelingt die Veränderung, und über allem droht das Scheitern an den eigenen Ansprüchen, an Eitelkeiten und der Starrheit der Institutionen. Was zu Beginn wie eine Front von Idealismus gegen Korruption erscheint, löst sich mehr und mehr auf. Die Idealisten müssen sich wieder und wieder auf krumme Geschäfte einlassen, und unter den Korrupten erweist sich mancher als gewiefter Durchsetzer keinesfalls nur persönlicher Anliegen.

Nicht gerade bescheiden hat David Simon die Lage seiner Helden mit denen in der griechischen Tragödie verglichen, in dem an die Stelle der olympischen Götter die modernen Institutionen von Demokratie und Kapitalismus treten. Die fesselnde Dramatik des Ganzen mag damit nicht schlecht beschrieben sein, der Verweis auf die alten Griechen aber lenkt zugleich von dem wesentlichen und herausragenden Zug der Serie ab: ihrem großen Realismus. The Wire ist großartige Fiktion – aber kaum etwas davon ist frei erfunden.

Woher die außerordentlich realistische Präzision der Erzählung kommt, ist schnell erklärt. David Simon war lange Jahre Reporter eben jenes Baltimore Sun, dem er in der fünften Staffel eine denkbar unsentimentale Hommage widmet. Als Journalist hat Simon ausführlich über den Drogenkrieg in seiner Stadt berichtet und sich dabei oft auf die Kooperation eines Polizisten namens Ed Burns verlassen. Burns wiederum schied aus dem Kriminaldienst aus, um einige Zeit als Lehrer zu arbeiten – bevor ihn Simon für seine ersten Fernsehprojekte als Co-Autor gewinnen konnte. Ob Drogenkrieg, Polizeiarbeit oder Schulsystem – die beiden kennen das, was sie schildern, nicht nur aus Recherchen, sondern aus eigener Erfahrung. Oft sind es gerade die unwahrscheinlichen Details, eine Figur etwa wie der an Robin Hood gemahnende Drogenräuber Omar Little (erklärter Lieblingscharakter von Präsident Obama), die unmittelbar den persönlichen Erinnerungen der Schreiber entsprungen sind.

Hausrecht der Autoren

Daraus ergibt sich die besondere Spannung der Serie: Das absolut realistische Erzählen über Baltimore, über die Vergeblichkeit des Drogenkriegs und den Niedergang des Hafens, über die Hilflosigkeit der Schulen, die Aporien amerikanischer Politik und die Schwächung des engagierten Journalismus durch die Medienkrise, dargeboten mit präzis beobachteten, spezifischen Details, die sich im Gesamtbild zu einer universell gültigen Schilderung der drängenden Probleme der Gegenwart verdichten. Die Lage ist fatal, aber nicht hoffnungslos. Womit eine Wirkungsmacht beschrieben wäre, die man bislang tatsächlich nur der „guten“ Literatur zutraute.

Zum Bestseller eignete sich The Wire mit seinem düster realistischen Stoff jedoch nicht. Trotz des euphorischen Kritikerlobs wurde die Serie nie ein Quotenhit – und ging auch bei den großen amerikanischen Fernsehpreisen stets leer aus. Es reichte lediglich für zwei Emmy-Nominierungen. Was manche auch als Bestätigung ihrer literarischen Qualität auslegen: The Wire passe eben in keine Fernsehpreis-Kategorie, vielmehr hätte David Simon den Nobelpreis für Literatur verdient. Der kann ja noch kommen. Denn implizit drückt sich in all den literarischen Vergleichen auch aus, dass man The Wire wie noch keiner Serie vorher zutraut, den Lauf der Zeit zu überdauern – und eben wie ein Roman noch in 20 oder 50 Jahren lesbar zu sein.

Auch ohne Emmy-Auszeichnung hat The Wire eine Vielzahl an Diskussionen über das Fernsehen angeregt. In einer Reihe mit anderen hochgelobten Serien wie West Wing, den Sopranos oder Six Feet Under steht David Simons Werk für die Trendthese, dass die neuen Fernsehserien dem Kino den Rang ablaufen. Während sich die Studios in Hollywood vom filmischen Erwachsenendrama zugunsten von 3-D-Spektakeln, Fantasy- und Videospielverfilmungen verabschieden, wird das Fernsehen zur Zuflucht der Drehbuchautoren, denen ihr ­Schreiben wichtig ist. Bezeichnenderweise sind es denn auch ihre Namen, die trotz der amerikanischen Produktionsweise im Kollektiv des writers’ room zum Emblem der einzelnen Serien werden. Im US-Fernsehen haben die Regisseure mittlerweile Gastrollen, die Autoren aber das Hausrecht.

Auf das Qualitätsgefälle zwischen amerikanischen und europäischen Serien angesprochen, verweisen Fernsehproduzenten hierzulande stets darauf, dass die USA über eine reichere Industrie verfügen und pro Serienfolge dort oft mehr Geld ausgegeben wird als in Europa für Spielfilme. Zur anderen Produktionsweise kommt die andere Rezeption hinzu: Das US-Fernsehen wird zwar einerseits noch viel gnadenloser von der Quote regiert als die dualen Systeme Europas – andererseits aber hat das dort funktionierende Bezahlfernsehen neue Akzente gesetzt. So arbeitet HBO, der produzierende Sender von The Wire (und von Sex and the City, den Sopranos und Six Feet Under) als Premiumkabelkanal nach anderen Vorgaben als die Networks: Hier ist das Sender-Image wichtiger als die einzelne Quote. Was zählt, sind die Abonnenten, die sich für die Marke HBO entscheiden, weil der Sender innovatives Fernsehen produziert.

Als wichtiger Faktor für die Serienpopularität kommt die durch das Internet mögliche internationale Rezeption hinzu, die zunächst noch „illegal“ stattfinden mag, dank Plattformen wie iTunes und Videoload aber zunehmend in legale Wege geleitet wird. Das neue Serienphänomen verdankt sich so gesehen der Revolutionierung der Speichermedien: Die 30 Videobänder, auf die man The Wire noch vor 15 Jahren hätte verteilen müssen, hätten sich schwer verbreiten lassen.

So finden mit dem Phänomen The Wire zwei Entwicklungen zu einem glücklichen Ende. Zum einen erlauben die modernisierten Speichermedien eine von Programmplätzen unabhängige und weltweite Rezeption, zum anderen ermöglicht die erhöhte Aufmerksamkeit für das Format Fernsehserie die Intellektualisierung und Literarisierung der früher oft als transitorisch angesehenen Fernsehproduktion. Darin liegt auch eine Gefahr: The Wire als „single finest television program of our time“ dürfte für nicht wenige zur Einstiegsdroge werden. Selbst wenn danach nichts mehr so gut sein wird wie dieser erste Fix, werden viele nicht mehr aufhören können, Serien abseits des deutschen Fernsehens staffelweise wegzugucken.

Barbara Schweizerhof ist Filmkritikerin

Kommentare (3)

Onkel Wanja 14.10.2012 | 19:30

Ich habe die Serie bisher bis zur 3. Staffel gesehen und bin begeistert und freue mich auf die 4. und 5 Staffel, die ich mir noch kaufen werde. Die Vermarktungsstrategie der DVD-Boxen ist in Deutschland recht stiefmütterlich: Erst kamen die Staffel 2 und 3 raus und dann erst mal monatelang nichts mehr. Ich empfehle die Serie mit deutschen Untertitel anzuschauen, erstens ist die Synchronisation sehr schlecht umgesetzt und zweitens macht die echte Tonspur nicht unwesentlich den Charme von "The Wire" aus! Omars Auftritt als Zeuge in der 2.Staffel und sein Wortgefecht mit dem Naco-Anwalt zählt neben der "Mother Fucker"-Zene in Staffel 1. zu meinen Lieblingsstellen!

Omar im Gerichtssaal: http://youtu.be/oYj7q_by_2E

"Motherfucker": http://youtu.be/o6cN8HujPW8

Zum Verständnis des "Mothter Fucker" Ausschnitts:

Hier wird in eine Nachermittlung in einem Mordfall am Tatort gezeigt, die sehr,sehr viel über die Arbeit der Polizei in den USA zeigt. Man bedenke wie sehr die Cops bei zirca 150 bis 200 Morden in einer Stadt wie Baltimore unter stress steht. Hier wird gezeigt wie eine Mord mit Metermaßband und alten Ermittlungsfotos ohne viel Technik möglich ist. Das erscheint mir doch verdammt nah an der Realität! -Mother Fucker!!!!!