Gesichter des Krieges

Dokumentation Die Opfer von Kunduz werden in Deutschland immer noch ignoriert. Eine Recherche von Christoph Reuter mit Fotos von Marcel Mettelsiefen

Der Krieg kam einfach zu uns, schleichend, lange Zeit tunlichst vertuscht vom vormaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Jung. Gut, der Krieg kam nicht direkt zu uns, er kam nach Afghanistan. Aber es sind deutsche Soldaten, die dort sterben, sieben allein am 2. und 15. April. Nicht, weil sie irgendjemand angegriffen hätten, sondern weil sie versteckte Sprengsätze räumen wollten, Patrouille fuhren.

Und es war ein deutscher Oberst, der in der Nacht zum 4. September 2009 das Bombardement einer großen Menschenmenge befahl. Wobei er gar nicht genau wissen konnte, wen er aus der Luft töten ließ. Punkte auf einem Bildschirm, die sich bewegten: Das war alles, was Oberst Georg Klein von jenen sah, die sich in der Furt des Kunduz-Flusses um zwei Tanklastzüge drängten, die von Taliban Stunden zuvor verschleppt worden waren. Aber wer waren die Punkte? Taliban? Zivilisten? Ließ sich das überhaupt unterscheiden? Ein afghanischer Informant gab durch: alles Taliban! Um 1.50 Uhr nachts zerrissen zwei gewaltige Detonationen die Lastzüge und die Menschen. Schon am Tag danach berichtete der Sprecher der Nato-Mission ISAF davon, dass Zivilisten in den Krankenhäusern behandelt würden. Nachrichtenagenturen, die Washington Post, Stern, Spiegel, alle berichteten davon, dass die meisten Opfer zum Plündern der Tanklastzüge vor Ort und mitnichten Kämpfer gewesen seien. Nur Jung gab an, nichts zu wissen. Unbeteiligte seien „nach bisherigem Kenntnisstand nicht zu Schaden gekommen“.

Mit zweimonatiger Verspätung wurde doch noch ein Skandal daraus: Jung, bereits in neuem Amt, musste zurücktreten, ein Staatssekretär und der oberste General der Bundeswehr wurden vom neuen Verteidigungsminister zu Guttenberg entlassen. Ein Untersuchungsausschuss hat die Arbeit aufgenommen und wird an diesem Donnerstag Guttenberg einvernehmen. Doch der Streit ist ein innenpolitischer Schlagabtausch geworden. Auch bei der Frage ziviler Opfer geht es nur darum, wann die Regierung darüber offiziell in Kenntnis gesetzt wurde. Die NATO hat einen 500-seitigen Bericht verfasst. Er dokumentiert minutiös den Funkverkehr zwischen den US-Piloten und den Deutschen am Boden, zeichnet akribisch das Geschehen seitens der Militärs nach.

Wen haben wir da eigentlich umgebracht?

Doch eines hat weder die Verfasser des Berichtes, noch den Untersuchungsausschuss, noch das Verteidigungsministerium interessiert: Wen ließ Deutschland da eigentlich umbringen? Von „17 bis 142 Toten“ ist im Bericht die Rede. Diese Gleichgültigkeit war für den Fotografen Marcel Mettelsiefen und mich der Anlass zu einem Projekt: Über Monate haben wir zusammengetragen, was genau in jener Nacht an der Furt geschah. Wer starb dort? Was trieb jeden Einzelnen zu den Tankwagen, die sich festgefahren hatten? Was fanden seine Angehörigen am nächsten Morgen von ihm?

Es war kompliziert, in einem Kriegsgebiet ohne funktionierendes Meldewesen herauszufinden, wer an einem bestimmten Tag ums Leben gekommen ist, ja wer von den mutmaßlichen Opfern überhaupt je existiert hat. In zwei Dutzend mehrstündigen Interviews mit den verschiedenen Gruppen aus den betroffenen Dörfern haben wir versucht, die Details zusammenzutragen, haben Ausweise, Fotos, Wahlregistrierungen aufgenommen und immer wieder die Menschen aus einem Dorf über die Toten in den anderen Dörfern befragt, um eventuellen Versuchen der Manipulation vorzubeugen.

Die Frage, wer starb, ließ sich klären: 91 Menschen, männlich, vom Kind bis zum Greis. Fast alle waren zur Furt gekommen, um Treibstoff in ihre Behältnisse abzufüllen und nach Hause zu tragen. Unmöglich zu klären bleibt hingegen, wer von den Toten Taliban oder Zivilist war. Dies schon deshalb, weil die Unterscheidbarkeit eine Fiktion ist. Der Bezirk Chardara wird von den Taliban kontrolliert, es gibt Sympathisanten, Opportunisten, Menschen, die aus Angst zu Mitläufern wurden. Die Polizei und der Geheimdienst in Kunduz sagen, mindestens die Hälfte der Toten seien Aufständische gewesen. Der Gouverneur von Kunduz hält sowieso alle in Chardara für Taliban und ist der Meinung, der Bezirk sollte häufiger bombardiert werden. Die Angehörigen wiederum beteuern, nur Zivilisten seien durch die Bomben gestorben.

Deutschland führt Krieg. Aber warum?

Uns geht es nicht darum, alle Opfer post mortem zu guten Menschen zu erklären. Aber Menschen, das waren sie. Ihnen gebührt der Respekt, als Individuen wahrgenommen zu werden.

Wären die Umstände nicht mörderisch, hätte sie ein immenses Komik-Potenzial: Deutschland führt Krieg, aber weiß gar nicht zu sagen, warum. Ja, es mag ihn nicht einmal Krieg nennen, denn das gäbe versicherungstechnische Schwierigkeiten. Auch die rechtlichen Folgen wären unabsehbar. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg tastet sich definitorisch heran: Von den „kriegsähnlichen Zuständen“ sind wir beim „umgangssprachlichen Krieg“ gelandet, und juristisch hat der Mann ja recht: Afghanistans Regierung hat uns schließlich nicht den Krieg erklärt. Doch warum ist die Bundeswehr dort?

Diese Ignoranz, gar nicht so genau wissen zu wollen, in was Deutschland sich derart massiv einmischt, ist mitverantwortlich für die Toten auf beiden Seiten. Das Bombardement vom 4. September war kein Zufall, sondern die Konsequenz aus vielen Versäumnissen: ein Oberst, der erheblich unter Druck stand, der wachsenden Bedrohung durch die Taliban etwas entgegenzusetzen, der jedoch nicht die Mittel hatte, um die Umstände einer Entführung zweier Tanklastwagen wenige Kilometer von seinem Lager entfernt aufklären zu können.

Sich über die Lage in Afghanistan in Selbsttäuschung einzuigeln mag für das politische Berlin bequem sein. Für die Bundeswehrsoldaten in Kunduz ist es gefährlich. Und für die Afghanen, die sich in jener Nacht am Fluss aufhielten, war es der Tod.

Christoph Reuter ist Korrespondent des Stern in Kabul. Marcel Mettelsiefen ist freier Fotograf und hat u.a. für Stern, dpa und Getty Images gearbeitet. Die Ausstellung Kunduz, 4. September 2009 ist von 24. April bis 13. Juni im , Schiffbauergasse 4d zu sehen (Mi bis So, 1218 Uhr)Kunstraum Potsdam

Das Buch Kunduz, 4. September 2009. Eine Spurensuche mit 109 Abbildungen von Marcel Mettelsiefen und Christoph Reuter erschreint am 23. April zum Preis von 19,90 im Rogner Bernhard Verlag bei Zweitausendeins.


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18:15 22.04.2010

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