Gesprächsbände mit Hugo Müller-Vogg

Literatur Das Genre des Politikerbuchs ist völlig unterbelichtet. Fragen und Antworten von Michael Angele und Simon Schaffhöfer
Gesprächsbände mit Hugo Müller-Vogg

Illustration: der Freitag

Michael Angele: Wer hat mehr Bücher veröffentlicht – Kohl oder Gysi?

Simon Schaffhöfer: Die Zahlen schwanken von Katalog zu Katalog, aber man kann wohl von einer Kohl-Gysi-Ratio von 2:1 ausgehen. Das heißt: Auf jedes Gespräch von Gregor Gysi kommen zwei Reden von Helmut Kohl. Gysi bedient sich dabei aus einem breiten Feld – Jura, Gott und die Welt, kommunistische Softpornos – (Marx & Engels intim), außerdem liest er Peter und der Wolf. Kohl konzentriert sich auf chronologische Erinnerungen, deren Abstand sich mit jedem neuen Buch zu verkürzen scheint (1930 – 1982, 1982 – 1990, 1990 – 1994, 1998 – 2000). Wenn Kohl in diesem Zyklus weitermacht, überholt er vielleicht sogar Helmut Schmidt, bei dem ein Buch auf drei Stangen Zigaretten kam.

Apropos: Wie viele Bücher über Helmut Schmidt zeigen einen rauchenden Schmidt auf dem Cover?

Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis auf Helmut Schmidts Büchern die gleichen Schockbilder prangen wie auf Zigarettenschachteln. Aktuell sieht man den Altkanzler jedenfalls auf mindestens sechs Buchdeckeln qualmen, unter anderem bei Außer Dienst und – natürlich, natürlich – Auf eine Zigarette mit Giovanni di Lorenzo. Auf zwei weiteren gibt sich Schmidt zwar in seiner typischen Raucherpose (leicht nach vorn gebeugt, halb offener Mund, Zeige- und Mittelfinger formen den altbewährten Zigarettenhalter), aber ohne Fluppe in der Hand – offensichtlich das Ergebnis einer wochenlangen Photoshop-Retusche. Der Rest sind kreative Schübe: Das Cover von Auf ein Gläschen mit Helmut Schmidt zeigt eine Zigarette, aber keinen Schmidt. Und auf Willy Bandt und Helmut Schmidt brennt es zwar nicht bei Schmidt, dafür bei Brandt.

Welche Gründe sprechen eigentlich für die Anschaffung der brandneuen Autobiografie von Rudolf Seiters?

Grund 1: Seiters schreibt über die Verhandlungen mit Erich Honecker, den Rücktritt als Innenminister und wie es sich angefühlt hat, mit Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft die Ausreise ...

Grund 2: Menschen unter 25 können endlich herausfinden, wer Rudolf Seiters ist.

Wieso gibt es eigentlich so viele Gesprächsbände von Journalisten mit Hugo Müller-Vogg, dem ehemaligen „FAZ“-Herausgeber und heute freien Journalisten?

Müller-Vogg redet einfach viel und gern. Er hat also aus seinem Hobby, wenn man so will, einen Beruf gemacht. Neben Horst Köhler hat er etwa mit Christian Wulff, Rainer Brüderle oder aktuell Wolfgang Bosbach geredet und das Gespräch in ein Buch gegossen. Außerhalb der Politik interessiert sich Müller-Vogg zudem für Reinfried Pohl und Hartmut Mehdorn, eine Leidenschaft, die nur wenige Leute teilen dürften. Und dann gibt es da noch die Bücher mit Guido Sander (Oetker-Rezepte) und Jörn Kreke (Die Douglas-Story), die schon dem Titel nach klingen, als handelte es sich um das Dienstagabendprogramm des ZDF: eine Prise Nachkriegsnostalgie, zwei Pfund deutsches Unternehmertum (Herz und Verstand, halb und halb), einmal kurz aufwärmen, und dann ab ins Bett. Fehlt eigentlich nur Veronica Ferres.

Und hat der sehr ehrgeizige Peter Tauber schon sein Buch geschrieben?

Jein. Der sehr, sehr ehrgeizige Herr Tauber hat bis dato nur seine Dissertation veröffentlicht. Aber die scheint zumindest schon mal plagiatsfrei zu sein. An einer Chronik zu seiner Schule, dem Grimmelshausen-Gymnasium im hessischen Gelnhausen, hat er zumindest gearbeitet. Ob sie auch erschienen ist?

Dazu passend eine Frage, die vielleicht etwas nach pensioniertem Oberstudienrat klingt. Aber ist das brandneue „Merkel-Lexikon. Die Kanzlerein von A–Z“ wirklich vollständig?

Nein, zu den Buchstaben X und Y scheint Autor Andreas Rinke nichts eingefallen zu sein. Dabei ist die Lösung ganz einfach: X wie x-mal, was zumindest annähernd beschreibt, wie oft Angela Merkel sich gewünscht hat, den Einheitstag lieber im Männerkloster als vor der Frauenkirche verbracht zu haben – da geht es wenigstens zivilisiert zu. Und Y wie Ytongstein, der mit ein paar Verrenkungen ganz prima als Metapher für die aktuelle Lage der CDU dient: Gute Dämmung bei geringem Energieaufwand, dafür bröckelt es leicht am rechten Rand.

Und wie oft kommt das Wort „Neoliberalismus“ in Sahra Wagenknechts aktuellem Bestseller „Reichtum ohne Gier“ vor?

Nur zwei Mal. Ein Mal, um Milton Friedman zu charakterisieren, und ein Mal, um die industrielle Revolution als Gegenprogramm des Neoliberalismus zu branden. Auch andere Worte werden schmerzlich vermisst: Tom Strohschneider vom Neuen Deutschland kritisierte etwa, dass „Ausbeutung“ gar nicht erst vorkomme. Und auch bei anderen klassisch linken Vokabeln herrscht Nachholbedarf: Nur drei Mal „Marx“, ein Mal „Kommunismus“, „Sozialismus“ taucht lediglich als Literaturverweis auf Joseph Schumpeters Standardwerk auf. In Zeiten von Google und Metatags ist das eine desaströse Keyworddichte. Um den Titel für Suchmaschinenrankings zu optimieren, empfehlen sich für das nächste Buch die klickbringenden Schlagworte „Katzenbaby“, „Böhmermann“ und „Kader Loth“. Beim „Kapitalismus“ ist Wagenknecht dagegen auf der sicheren Seite, der taucht gleich 165 Mal auf.

Gibt es einen Bundespräsidenten, der noch kein Buch geschrieben hat?

Ja, Horst Köhler. Aber dann ist da noch der Gesprächsband mit Hugo Müller-Vogg. Siehe oben.

Eine spekulative Frage sei erlaubt, wann kommt das neue Buch von Thilo Sarrazin – und worum geht’s wohl?

Keine spekulative, eher eine rhetorische Frage, es geht doch immer um dasselbe. Sarrazin ist eben nichtGeorge R. R. Martin, bei dem man hofft, dass er noch lange durchhält und viele Bücher schreibt. Egal was kommt: Vielleicht kann das nächste Buch ja Christoph Maria Herbst einsprechen.

Was man sich im politischen Berlin öfter mal fragt: Hat Norbert Röttgen eigentlich Spaß am Schreiben?

Nein. Er findet es „quälend“. (aus: Deutschlands beste Jahre kommen noch).

Und zu guter Letzt: Brauchen wir überhaupt noch mehr Politikerbücher? Es sind doch nun schon sehr viele da.

Die Geschichte der Politikerbücher ist ja auch lang. Von der Antike über Bismarcks Gedanken und Erinnerungen und das Sarrazin-Revival 2010 bis zur aktuellen Politikbuchwelle, in der jeder halbwegs schwimmbeflügelte Politiker seine Programmatik zu Wasser lässt. Das Ganze wird dann gern mit griffigem Possessiv (Mein Weg, Mein Deutschland, Mein Europa) betitelt, was zwar nicht gerade ein Zeichen für Bescheidenheit ist, aber historisch gesehen ja so was wie eine deutsche Tradition darstellt. Abgesehen davon kritisierte die Zeit schon 2009, dass das Dilemma des Politikerbuchs darin bestehe, dass es „nicht spalten“ dürfe. Die einfache Antwort auf die Frage, ob wir noch mehr Politikerbücher brauchen, wäre also Nein. NEIN. NEIN. Oder, wie es abermals die Zeit sagt: „Dass eine Politik der Balancen die beste ist, mag stimmen, das hat vor Schwan und Gabriel auch schon Aristoteles gesagt.“

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 02.11.2016

Ausgabe 32/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare