Gespür

Zum Tod von Johannes Rau Nachruf zu den Nachrufen

Politikritual as usual - da stirbt einer von denen, die für den staatsgeschichtlichen Lauf der Dinge in der Bundesrepublik verantwortlich waren, und nun rühmen parteienübergreifend PolitikerInnen und offiziöse Kommentare den Dahingeschiedenen so, als hätte dessen Denken und Handeln nie Widerspruch ausgelöst, als seien kritische Fragen zu seinem politischen Lebensweg nicht zu stellen. Eine Art des Gedenkens, die den, über dessen Wirken gesprochen oder geschrieben wird, nicht wirklich ernst nimmt - was Johannes Rau den Nachrufenden allerdings auch ein bisschen leicht gemacht hat. Wer mag schon der Versuchung entgehen, den Spruch "Versöhnen statt spalten" noch einmal lobend zu zitieren? Über Johannes Rau, den Politiker, lässt sich mehr und anderes berichten als seine Bibelfestigkeit und sein Talent, auch so genannten kleinen Leuten gewinnend zu begegnen. Allerdings bekommt das Erinnern dann etwas Nachdenkliches.

In der westdeutschen Sozialdemokratie hat Johannes Rau eine bilderbuchförmige Karriere gemacht. Aber sein Einstieg in die Politik geschah an einer anderen Stelle des politischen Spektrums, in der Gesamtdeutschen Volkspartei unter Gustav Heinemann und Helene Wessel, im Protest also gegen die westdeutsche Remilitarisierung und gegen die Einbindung Teildeutschlands in den nordatlantisch geprägten Macht- und Militärblock. Der Widerspruch zur Adenauerpolitik war hier weitaus radikaler als bei der Sozialdemokratie, und ein erheblicher Teil der Mitglieder- und Anhängerschaft der Gesamtdeutschen Volkspartei engagierte sich nach deren Auflösung anders als Heinemann, Wessel, Posser, Eppler und Rau, die zur SPD wechselten. Als im Konflikt mit der SPD-Führung in den sechziger Jahren in Gestalt der Ostermärsche eine unabhängige Friedensbewegung in der Bundesrepublik in Gang kam, wirkten dabei viele ehemalige Weggefährten von Johannes Rau aus den Gesamtdeutschen Volkspartei und dem rüstungsgegnerischen Teil des Protestantismus mit. Die Wege hatten sich getrennt, auch wenn persönliche Freundschaften aufrecht erhalten wurden. Immerhin blieb Johannes Rau gesprächsbereit nach Ostdeutschland hin, über seine evangelisch-kirchlichen Kontakte.

Zum sozialdemokratischen "Landesvater" in NRW wurde Johannes Rau in einer Phase, die schon durch beunruhigende Umbrüche in der industriellen Welt gekennzeichnet war; aber noch hielt der sozialstaatliche Konsens. "Wir in NRW" - darin steckte in den Erfolgsjahren von Johannes Rau noch die Zuversicht, die "rheinische" soziale Bändigung der Kapitalinteressen werde sich durch SPD und Gewerkschaften auch auf die Zukunft hin sichern lassen. Und die Öffnung der weiterführenden Bildungswege für die "Unterschichten", zu der Johannes Rau als Wissenschaftsminister durch die Gründung der NRW-Gesamthochschulen wesentlich beigetragen hatte, schien ein Exempel zu sein für egalisierende soziale Reformen. Wer die bundespräsidialen Reden von Johannes Rau aufmerksam studiert, kann Belege dafür finden, dass er auch in Berlin nicht vom Ideal des sozialen Ausgleichs ablassen wollte; ein rötlich angemalter Neoliberaler war er nicht. Aber wie lässt sich erklären, dass Johannes Rau in Wolfgang Clement seinen "Kronprinzen" gefunden hatte, für das Ministerpräsidentenamt und die Führung der Partei im Kernland der Sozialdemokratie? Als Nachfolger also einen Politiker, der auf "produktive Ungleichheit" hinaus wollte. Die SPD in NRW verlor ihre Regierungsfähigkeit nicht unter Johannes Rau, aber schon unter dessen Regie ging auch dieser Landespartei die Fähigkeit verloren, in Zeiten des gesellschaftlichen Konflikts die Interessen der Arbeitnehmerbevölkerung herzhaft zu vertreten.

Johannes Rau hatte ein Gespür für die Lebenswelt der Kumpels im Revier, und Marktradikalismus lag ihm völlig fern. Aber er dachte im Deutungsmuster der sozialen Partnerschaft, die moralisch gesichert werden sollte. Die Tradition der Arbeiterbewegung im Sinne widerständigen Verhaltens gegenüber kapitalistischen Machtansprüchen war ihm fremd. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass seine gesellschaftspolitischen Äußerungen in den letzten Jahren seltsam verloren anmuteten; für die Konzernstrategen hatte es sich ausgepartnert. Nicht an Bedeutung verloren andere Themensetzungen, die Johannes Rau auf sympathische Weise durchhielt: der stete Versuch, gegen antijüdische Ressentiments anzugehen, das Plädoyer für die Rechte der Menschen ausländischer Herkunft in der Bundesrepublik. Und wenn nach erfreulichen Hinterlassenschaften von Johannes Rau gefragt wird: Eine darunter ist der Peter Hammer Verlag in seiner Wuppertaler Heimat, der gelernte Verlagsbuchhändler hat ihn mitbegründet.


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00:00 03.02.2006

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