Gestärkt durch ein Feindbild

Umkehr der Mittel Freund-Feind-Denken gilt als Sache der Rechten. Dabei könnte man die Kraft des Feindbilds auch besser nutzen. Warum nicht „rechtes Denken“ gegen die Rechte wenden?
Gestärkt durch ein Feindbild
Philosoph und AfD-Politiker Marc Jongen würde gerne die Stimmung im Land drehen

Foto: Imago/7aktuell

Immer weiter dringen die Nazis nach Westen vor, seine Partei will mit dem Führer verhandeln, Churchill will kämpfen. Was tun? Er steigt zum ersten Mal in eine U-Bahn und fragt das Volk. Das Volk will kämpfen. Sich Hitler unterwerfen? Niemals! Churchill steigt Westminster aus und hält die Rede seines Lebens. Never surrender! Nun johlen auch die Abgeordneten der Tories. Churchill gibt den Befehl zur Operation Dynamo. So weit der Film Die dunkelste Stunde. Die Szene mit der U-Bahn hat der Drehbuchautor erfunden. Aber die Wahrheit, die sie ausspricht, ist allgemein. Eine schwache, zerstrittene Gesellschaft wird durch einen Feind zur Gemeinschaft. Stark und einig.

Als der Philosoph und AfD-Politiker Marc Jongen noch ein Kandidat für den Vorsitz des Kulturausschusses war, gab er dem Spiegel ein Interview, in dem er seine kulturpolitischen Ansichten kundtat. Viele künstlerische Vorhaben würden nur „für ihr Bekenntnis zu Diversity oder Multikulturalismus unterstützt“. Er dagegen wolle „eine Entideologisierung der Kulturpolitik, hin zur Förderung von echter Quali-tät und Talent“. „Leute, die lange selbstverständlich auf dem öffentlichen Förderticket gefahren sind, werden es künftig nicht mehr so leicht tun können“, drohte er. „Wir wollen die Stimmung im Land insgesamt drehen.“

Solche Sätze schließen die eigenen Reihen – und bringen die Kulturszene in Wallung. Schon letzten September gab es einen offenen Brief von Kulturschaffenden und Parlamentariern gegen einen damals noch möglichen AfD-Kulturvorsitz. Die Empörung ist verständlich. Eine Kulturpolitik nach Art der AfD will man sich lieber nicht vorstellen, auch wenn die Hildegard-von-Bingen-Forschung gestärkt werden dürfte. Die Macht des Vorsitzenden des Kulturausschusses ist allerdings beschränkt, die Besetzung des Postens eher symbolisch. Aber bekanntlich regen sich Kulturschaffende besonders über Symbole in Palmyra oder der Altstadt von Dubrovnik. Dagegen ist nichts zu sagen, Sensibilitäten sind nun einmal nicht verhandelbar. Was man allerdings von Kulturschaffenden erwarten kann: dass sie ihr Handeln reflektieren und unangenehme Dinge nicht gleich abwehren. In Freund-Feind-Kategorien zu denken, ist bäh, ist rechts, heißt es. Aber stimmt das? Sind wir anderen frei davon? Man liest, dass die Rechte von „linken“ Strategien gelernt hat. Warum also, ähm, nicht auch mal „rechtes Denken“ gegen die Rechte wenden? (Ich frage für einen Freund.) Nimmt nicht jeder „offene Brief“, unter den Schriftsteller oder Filmemacherinnen ihre Unterschrift setzen, eine Freund-Feind-Bestimmung vor? Wir klagen an! Und indem wir das tun, werden wir einig!! (und wichtig!!! In ihrer Blütezeit ersetzten offene Briefe das Branchen-Who’s-who ...). Oder der verhasste Chris Dercon und seine neue Volksbühne: Haben sie nicht, wenn auch zu spät, ein Wir-Gefühl gestiftet?

Man muss zur Kenntnis nehmen: Zur Stärkung ihrer Identität grenzen Kollektive sich ab und aus. Das ist schrecklich, wenn es über „Sündenböcke“ läuft. Wie beim Antisemitismus. Und es ist gut, wenn der Feind tatsächlich böse ist. Hitler, ein Monster, siehe Churchill! Nun ist Deutschland 2018 nicht Deutschland 1940 und gleich gar nicht das England jenes Jahres. Auch ist die AfD nicht die NSDAP und Marc Jongen keinesfalls Joseph Goebbels. Aber vielleicht muss man es doch als eine verpasste Gelegenheit sehen, dass er nun nicht dem Kulturausschuss vorsitzen darf.

06:00 02.02.2018
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