Gestern im blauen Fluss

Spurensuche In "Die chinesischen Schuhe" fährt die Regisseurin Tamary Wyss auf den Spuren ihrer Großeltern den Jangtse hinauf

Nur wenige Wochen nach ihren Hochzeit im Sommer 1911 fahren Hedwig und Fritz Weiss auf einer gemieteten Dschunke den Jangtse hinauf ins westchinesische Sechzuan, wo Fritz Weiss Konsul des deutschen Kaiserreiches werden soll. Im Gepäck befindet sich neben der standesgemäß üppigen Reiseausrüstung samt Sekt und Gänseleber auch ein Klavier und die modernsten aufnahmetechnischen Errungenschaften der damaligen Zeit. Hedwig ist einundzwanzig Jahre alt, eine moderne und abenteuerlustige Frau. Fritz hat neben seinem Diplomatenberuf starke geographische Interessen. Und während sie in ihrem Tagebuch die Begegnungen und Begebenheiten der langen Reise in wohlformulierten Wendungen festhält, fotografiert er Landschaft und Menschen und nimmt die Gesänge der Treidler auf Wachswalzen auf. Das turbulente politische Geschehen in ihrem Gastland nehmen die jungen Diplomaten eher am Rande wahr. Doch als Hedwig und Fritz Weiss im April 1912 in ihrem Amtssitz in Chengdu ankamen, war der chinesische Kaiser schon von Sun Ya-Tsens bürgerlicher Revolution aus dem Amt gejagt worden.

Neunzig Jahre später. - im Spätsommer 2002 - machte sich ihre Enkelin auf die gleiche Reise. Tamara Wyss ist Filmemacherin. Im Gepäck haben sie und ihr kleines Filmteam eine Kamera und die Aufzeichnungen der Großeltern, die ihnen jetzt als Reiseführer dienen. Wieder sind die Zeiten unruhig, wenn auch vielleicht weniger spektakulär. Einmal befindet sich das Land im kapitalistischen Umbruch. Außerdem soll der berühmte "Drei-Schluchten"-Abschnitt des Jangtse in wenigen Wochen geflutet werden, um dem gigantischen Staudammprojekt zu dienen. Viele der Siedlungen am Flussufer sind schon abgerissen, andere sind gerade mit den letzten Vorbereitungen zum Umzug beschäftigt. Im Gegensatz zu der von Treidlern durchs unruhige Wasser geschleppten Dschunke der Großeltern reist die Regisseurin mit öffentlichen Linienschiffen, die als wichtigstes Verkehrsmittel Geschäftsleute, Händler und Studenten die Wasserstraße hinauf in die kleinen und großen Orte des südchinesischen Westens befördern. Kommunikationsmittel sind die alten Fotos, die schnell ins Gespräch kommen lassen über vergangene und heutige Zeiten. Auch am Ufer, wo einige alte Männer sich noch erinnern, wie sie allein mit ihrer Muskelkraft die schweren Kähne durch die gefährlichen Strudel und Stromschnellen manövrieren mussten.

Heute spielen einige der Treidler vor einem gemalten Drei-Schluchten-Panorama für Touristen ihr ehemaliges Leben als Opernspektakel nach. Leiter der Truppe ist ein 80-jähriger ehemaliger Lehrer, der während der Kulturrevolution hierher strafversetzt wurde. Jetzt steht wieder ein Umzug an. Doch für die angebotenen Ersatzwohnungen - ausschließlich Eigentum - fehlt vielen der bisher von der Hand in den Mund lebenden Anwohnern das Geld. Und ein Kühlschrank muss auch gekauft werden, weil der Gemüsestand vor der Haustür in der Neubausiedlung einem Supermarkt weichen wird.

Gewaltsamer Sturz in die Postmoderne: Doch neben noch-romantischen Flusslandschaften und melancholischem Rückblick steht nebenan die rasende Zukunft der aufbrechenden Wirtschaftsmacht: 648 Flusskilometer von Yichang, dem Ausgangspunkt der Reise, landen wir in der Skyline der pulsierenden Hafenstadt Chongqing, wo der Schiffslautsprecher die Reisenden mit den geklimperten Klängen von Auld Lang Syne begrüßt und eine Stadtführerin das im Bau befindliche gigantische Drei-Schluchten-Denkmal vorstellt, das privat von der Vermietung unterirdischer Geschäftsflächen finanziert werden soll. Auf dem Gelände der ehemaligen Konsulats in Chengdu ist ein moderner Kindergarten entstanden. Frauen, ehemals in die titelgebenden Schühchen gezwängt, sind in machtvolle Management-Positionen aufgestiegen, auch wenn die Familienstrukturen sich wenig verändert haben.

Immer wieder sind zwischen den Hochhäusern noch alte Gemäuer zu finden. Immer wieder werden die alten Fotografien und Tagebuchaufzeichnungen als Folie über das Szenario gelegt, ohne den Kontrast zwischen Damals und Heute zur bloßen rhetorischen Illustration zu reduzieren. Am schönsten ist wohl die Szene, wo eine Gruppe alter Chinesinnen die Familienähnlichkeit zwischen der Regisseurin und ihrer Großmutter fachmännisch kommentiert. Auch im immer heiklen Balanceakt zwischen persönlichem Erinnerungsanliegen und allgemeinem Zuschauerinteresse umschifft die Regisseurin mit ebenso präzise gesetzten Schritten die Klippen allzu privatistischer Erinnerungsklauberei.

Dazu trägt auch der Kommentar bei, der bei aller sachlichen Zurückhaltung die Autorinnenperspektive der Regisseurin nie verleugnet. Hier ist allerdings auch die größte Schwachstelle des Films zu finden: Ein kleines Detail nur, das doch erhellend zeigt, wie vermeintlich beiläufige ästhetische Entscheidungen gewichtige Auswirkungen auf das Endergebnis haben. Hier ist es die Sprecherinnenstimme dieses Kommentars, die trotz - oder wegen? - ihres eigentlich angenehm sonoren Klangs als Fremdkörper irritiert und den Chinesischen Schuhen einen steif betulichen Beigeschmack gibt, der der sonstigen Nüchternheit des filmischen Ansatzes widerspricht. Der Regisseurin selbst ist das Problem bewusst, sie konnte sich aber mit ihren Bedenken nicht durchsetzen. Denn Posten für Castings und längere Probeaufnahmen bei der Postproduktion sind bei einer Dokumentarfilm-Produktion heutzutage nicht mehr im Budget vorgesehen. Doch von solchen Irritationen muss man als mündiger Zuschauer heutzutage eben abstrahieren können. Tamara Wyss´ Chinesische Schuhe machen uns mit ihrer reichhaltigen Assoziationsfülle diese Aufgabe leicht: Hier, au milieu du Fleuve Bleu, wie der Film so schön poetisch im französischen Titel heißt, ist einerseits eine detailreich Zeitreise in die Vergangenheit selbst. Anderseits rückt das scheinbar exotische Setting auch unsere Gegenwart in historische Perspektive, nicht nur, weil auch in der damaligen Vorkriegszeit schon europäische Investoren um die chinesischen Pfründe konkurrierten. Zu Zeiten, wo Geschichte immer mehr zur Identifikationsmaschine verkommt, ist das nicht zu unterschätzen. Hedwig und Fritz Weiss mussten damals als Deutsche China nach dem Kriegsausbruch 1917 verlassen und lebten in Addis Abeba, Spanien und Lateinamerika. 1936 kehrten die beiden jüdischen Berliner in ihre Heimatstadt zurück, wo sie die Nazizeit überlebten.


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00:00 10.06.2005

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