Gestoppte Serien

A–Z Wo Armin Laschets Reise enden könnte, was Mister X ausgerechnet mit Kunst zu tun hat und Pinocchio mit Shitstorms: Unser Wochenlexikon
Gestoppte Serien

Foto: Picture Alliance/United Archives/kpa

A

Auto Der Werbeslogan lautete: „Er läuft und läuft und läuft“. Aber er läuft nicht mehr, weder der VW Käfer noch die Neuauflage, die sich erst „New Beetle“ und dann nur noch „Beetle“ nannte, 2019 endete die Produktion. Um die pittoreske Nostalgie zu stören, die Schwarz-Weiß-Bilder des Käfers gern auslösen: Der Ur-Käfer wurde von Ferdinand Porsche ertüftelt, nachdem ihn die Nationalsozialisten beauftragten, ein Auto für die Massen zu schaffen. Zum Hit wurde er erst in der Nachkriegszeit. 1955, als alle für das Dolce Vita nach Italien wollten, feierte man bei VW den millionsten Käfer. So erfolgreich war die Beetle-Serie nicht. Das Retromobil hat zwar Käferformsprache, aber in wuchtig. Kein Stadtflitzer wie der Relaunch der „Knutschkugel“ Fiat 500. Läuft jetzt nichts mehr für den Beetle? Aus Großbritannien kommen Gerüchte, er kehre zurück als E-Auto. Auf jeden Fall liefe er dann leiser. Martina Mescher

F

Fantasy Fans literarischer Fantasy müssen vor allen Dingen geduldig sein – und dürfen zweitens die Hoffnung aufs Finale nicht aufgeben. So hat die Filmserie „Game of Thrones“ ihre Buchvorlage längst überholt und ist seit zwei Jahren beendet. Bei der Originalsaga Das Lied von Eis und Feuer werden die zwei Abschlussbände seit 2011 sehnsüchtig erwartet. Schon für den damals vorläufig letzten der fünf vorliegenden Bände benötigte Autor George R. R. Martin fünf Jahre. Seitdem hat er unzählige in seinem Fantasy-Reich um rivalisierende Königreiche spielende Kurzgeschichten veröffentlicht. Aber eben nicht die Auflösung seiner Hauptsaga. Ähnlich ergeht es Fans der Buchserie Die Königsmörder-Chronik: Wann wird Patrick Rothfuss seine Trilogie beenden? Der bisher letzte Teil erschien 2012 und auch Rothfuss veröffentlichte danach nur Auskopplungen und Shortstorys. Seither rätseln die Leser:innen in Blogs, wie und warum der Arkanist Kvothe nun zum Königsmörder wird. Und hoffen auf Fortsetzung. Tobias Prüwer

G

Glückssträhne Schalke spielt seit dreißig Jahren in der 1. Liga, doch diese Serie könnte nun bald enden. Der Fußballbundesligist, der an 26 Spieltagen nur einen Sieg holen konnte, taumelt in die 2. Liga. Die „Knappen“ stehen am Tabellenende und bräuchten in den verbleibenden acht Spielen eine phänomenale Glückssträhne, um nicht vollkommen abgeschlagen zu sein. Die Bilanz der letzten fünf Spiele zeigt eine Tordifferenz von 1:17. Schalke könnte also das Schicksal des Ex-Bundesligisten Hamburger SV ereilen. 2018, als Schalke noch auf Platz 2 landete, stieg der HSV erstmals ab und scheitert seitdem am Wiederaufstieg. Eine 1. Liga ohne Schalke wäre allerdings nicht nur für die Blau-Weißen ziemlich schmerzhaft: Auch Fans von Borussia Dortmund würden leiden. Ohne Schalke 04 gäbe es für Dortmund keine umkämpften Revierderbys mehr. Da gehts um mehr als Klassenerhalt. Sponsor Veltins will dem Traditionsclub aber treu bleiben, sollte er absteigen, was nur noch in der Theorie abzuwenden ist, schon Mitte April könnte der Gang in die 2. Liga perfekt sein. Das Ende eines langen Glückslaufs kann für die Gelsenkirchener einen Neuanfang bedeuten. Auch wenns aussichtslos scheint (Laschet), Glück auf! Ben Mendelson

K

Konkurs Er ist die Endstation für so manche gefloppte Serienproduktion. Es war der Job und die Leidenschaft meines Vaters, auf Konkursveranstaltungen Konkursmasse zu ersteigern. So manches Produkt floppte naturgemäß auch bei ihm, hatte allenfalls das Zeug zum Running Gag. So lagerten in der alten Scheune „einige“ Herrenhandtäschchen aus Kunstleder (Fantasy), Hundehütten im kanadischen Blockhaus-Style und durchaus hübsche Melitta-Kaffeefilterhalter aus rostfreiem Material.

Mein Vater, Jahrgang 1928, verließ mit 14 Jahren die Volksschule, besuchte kurz eine Landwirtschaftsschule (ein Zeugnis hab ich nie gesehen), auf seiner Visitenkarte stand später „Maschinenhandel A–Z“. Mit seiner Arbeit konnte mein Vater ein Haus bauen, seine Familie ernähren und die Ausbildung seiner vier Kinder finanzieren. Katharina Schmitz

L

Laschet In der Luftfahrt gibt es die Unfallursache „CFIT“: controlled flight into terrain. Man fliegt versehentlich in den Berg. Auf die Karriere von Armin Laschet scheint das zuzutreffen: die Grünen liegen vor der CDU, Söder ist beliebtester Kandidat. Das politische „Ground Proximity Warning System“ ruft „Don’t sink, pull up!“ und Laschet sollte begreifen, dass sein Gefühl, per Autopilot Nachfolger von Angela Merkel zu werden, täuschen kann. Wenn die Cockpitstimme „30–20–10–retard“ runterzählt, kann man gut landen, auf falschem Grund. Jan C. Behmann

M

Medikamente Meine Mutter litt während ihrer Schwangerschaften an Schlaflosigkeit, doch sie hatte Glück: Bei mir gab es Contergan noch nicht, und meine Schwester wurde geboren, als das Medikament vom Markt verschwunden war (Auto). Vier Jahre hat das gedauert, und in der Folge wurde im Westen sogar ein Bundesgesundheitsministerium auf die Welt gebracht. Bei der Antibabypille, die ihren „wissenschaftlichen“ Ursprung in Block 10 im KZ Auschwitz hatte, wartet man auf den Stopp etwa von Yaseminelle, über deren Risiken noch heute vor Gericht gestritten wird. Bei der Pille für den Mann ging es dagegen ganz schnell. 2011 hat die WHO aus Sorge um den Schöpfer die erste Verhütungsspritze zurückgepfiffen. Ulrike Baureithel

P

Pinocchio Bereits vor 140 Jahren konnte das Publikum beeinflussen, auf welche Weise eine Geschichte erzählt werden soll. 1881 erschienen die ersten Folgen von Pinocchio, als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift für Kinder, dem Giornale per i bambini. Carlo Collodi, Urheber der Holzpuppe, setzte der Serie ursprünglich ein dramatisches Ende. Pinocchio wurde erhängt, seine beiden Mörder, Fuchs und Kater, wollten ihn ausrauben. Solch ein scheußliches Schlussszenario wollten die Leser:innen nicht hinnehmen und bombardierten den Herausgeber des Journals mit Protestbriefen. Der analoge Shitstorm entfaltete Wirkung, 1883 erschienen 18 weitere Kapitel unter neuem Namen: Pinocchios Abenteuer. Das neue Ende machte alle happy. In Deutschland machte der sogenannte Feuilleton-Roman, nach französischem und englischem Vorbild, damals Karriere. 1844 brachte die Deutsche Allgemeine Zeitung Eugène Sues Roman Le Juif errant (Der ewige Jude) als ersten Fortsetzungsroman in deutscher Sprache. Maxi Leinkauf

S

Schimpansen Ein Dutzend Menschenaffen traten als Unser Charly auf oder wurde – je nach Sichtart – in 16 Staffeln verheizt. Schon als die Familienserie um eine Berliner Tierarztfamilie mit tierischem Anhang 1995 im ZDF erstmal ausgestrahlt wurde, kam Kritik von Tierschutzorganisationen. Denn im Alter von zwei Jahren wurden die Tiere von ihren Müttern separiert, um sie zu dressieren. Eine spätere Wiedereingliederung in die Schimpansengruppe macht das unmöglich. Waren die Tiere zu alt für die Figur, wurden sie ins Tierasyl geschickt.

Als das öffentlich wurde, stellte der Sender die Serie 2012 ein – offiziell wurde der Zusammenhang mit den kritischen Presseberichten nicht bestätigt. Es ist nicht der einzige aufgrund des Tierwohls erwirkte Serienstopp. So wurde Luck nach der ersten Staffel (Zweite Staffel) 2012 eingestellt. Bei der Produktion der HBO-Serie um Casinos und Rennwetten starben drei Pferde. Die älteren, für den wirklichen Rennsport nicht mehr tauglichen Tiere ertrugen die Höchstbelastungen nicht und brachen zusammen. Tobias Prüwer

W

Wiederholung „Sie klingen einfach nicht mehr wie früher“ – wie oft habe ich dieses Argument schon gehört, wie oft habe ich dieses Urteil schon selbst gefällt. Über Bands, Musiker, Musikerinnen, bei denen man sich mal sehr in einen bestimmten Sound verbissen hatte und sich dann ärgerte, dass dieses Gefühl nicht mehr zurückkommt. Bob Dylan macht keine Protestsongs mehr; Tocotronic waren nur gut, als sie noch nicht so genau wussten, worüber sie singen; und wer häufig auf Konzerte geht, der weiß: Die Masse will die Klassiker, dazwischen wird Bier geholt. Echte Serienerfolge im Pop sind selten, die meisten Glückssträhnen brechen zeitig ab. Die englischsprachige Wikipedia kennt sogar den Begriff „sophomore curse“, grob übersetzt: Fluch des zweiten Werks. Es beschreibt das Phänomen, dass Künstler mit dem Nachfolger zum Debüt meistens irgendwen enttäuschen. Der Rapper Casper hat mal einen halbironischen Song darüber gemacht: Nach der Demo ging’s bergab. Aber was genau wäre gewonnen, wenn die Nachfolger immer die Erwartungen erfüllten? Müssten sie dann nicht ganz genau so klingen wie das Erstlingswerk? Und würde das nicht voraussetzen, dass zu einem weiteren Zeitpunkt in der Geschichte alles noch einmal genau so, gerade richtig zusammenfällt, dass es eben diesen einen Song, dieses eine Album geradezu erzwingt? Dass sie sich wandeln und trotzdem glaubwürdig wirken ist der Grund, dass Musiker wie Dylan zeitlos sind. Konstantin Nowotny

X

X, Mister Gerne hinterlässt der Serienkiller (das Morden nach System ist noch immer eine männliche Domäne) seinen Verfolgern verschlüsselte Nachrichten. Mal bedient er sich im Alten Testament, mal bei den Gedichten William Blakes, um die kleinen grauen Zellen der ermittelnden Kriminalisten anzuregen. Denn er hat eine Botschaft, deren Zustellung auf herkömmlichem Wege nicht gelingen kann, richtet sie sich doch an Aufklärer aus Leidenschaft. Und die würden für einen simplen Raubmord nicht vom heimischen Diwan klettern.

Gelegentlich gibt sich dieser Mister X als Künstler, malt ein bisschen oder bastelt aus seinen Opfern Skulpturen. Dann ist das ganze interpretatorische Vermögen des Detektivs gefordert. In Sekunden muss er die Kunstgeschichte mental Revue passieren lassen, um des entscheidenden Clous ( Wiederholung) habhaft zu werden, der ihn in einen feuchten Keller führt, wo er die letzte grausame Tat verhindert. Und alle atmen auf. Auch der Serienkiller. Joachim Feldmann

Z

Zweite Staffel Andreas Altmann schreibt in seinem Buch Gebrauchsanweisung für Heimat, dass man via Kamera eine Wirklichkeit erfinden könne, die so nicht vorkommt. Der moderne Bewegtbildkonsument hat es nämlich gern realitätsavers, knechtet ihn der Alltag doch schon real genug. Serien brauchen optische Filter und pseudo-realistische Plots, die die ermattete Armee der Heimarbeitenden träumen lassen. So ist es ein Erfolg, dass die Serie Alpha House überhaupt auf zwei Staffeln kam ( Konkurs). Nach realem Vorbild leben vier Senatoren in Washington in einer WG. Lebensnahe Plots, fehlerhafte Menschen und doch das Timbre liebenswürdiger Lebensbetrachtung. Ja, okay, Sie haben recht, das muss weg. Jan C. Behmann

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06:00 24.04.2021

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