Gestürzt und verraten

Leichen im Keller Ein Porträt des Kanzlerkandidaten der Union aus Sicht seiner Intimfeinde

Auf den Fluren des bayerischen Landtages herrscht Hektik. Besuchergruppen strömen durch die Gänge und bahnen sich den Weg zur Cafeteria im zweiten Stock des barocken, etwas vernutzt anmutenden Gebäudes. Hier tagt die Regierungsfraktion der Christlich Sozialen Union (CSU) und gerade hier sollten sie eigentlich zu finden sein: Die Freunde des bayerischen Regierungschefs und Kanzlerkandidaten, doch hier stößt man eher auf einige seiner politischen Opfer. Einige? Zu viele, wie Parteifreunde meinen und fürchten, die Weggefährten von einst könnten alte Geschichten aufwärmen und damit für mehr Hitze im Wahlkampf sorgen.
Die Liste der unterwegs verlorenen Freunde ist beeindruckend. Max Streibl, Stoibers Amtsvorgänger steht darauf. Auch Ex-Umweltminister Peter Gauweiler. Theo Waigel, einst CSU-Vorsitzender, fehlt nicht. Barbara Stamm, ehemalige Gesundheitsministerin, ist verzeichnet. Natürlich Alfred Sauter, Ex-Justizminister, der wegen der Affäre um die halbstaatliche Städtebaugesellschaft LWS im Spätsommer 1999 Stoibers Bauernopfer sein durfte und die Stirn hatte, sich im Landtag mit dem "engen politischen Freund" aus besseren Tagen anzulegen.


Eiskalter Rauswurf



In der Landtags-Cafeteria ist es laut, die Besucher klimpern bei Kaffee und Kuchen mit ihren Bestecken. Alfred Sauter steuert gemächlich eines der Separees im hinteren Teil an, bestellt einen Espresso, schließt die Fenstertür und setzt sich auf die mit rotem Plüsch überzogene Bank. War er wirklich Stoibers "Freund"? Edmund Stoiber habe doch angeblich keine Freunde, heißt es bei den Christ-Sozialen. Sauter will dazu nichts sagen. Die dunklen Augenbrauen ziehen sich zusammen. "Haben Sie noch andere Fragen?" Sauters dunkler Anzug wirft Falten und das Sakko gibt den Blick auf die Weste frei. Er wolle nicht verletzt erscheinen. Dass Stoiber ihn seinerzeit wegen der "LWS-Affäre" fallen ließ, tue ihm heute nicht mehr weh, vergessen könne er natürlich nicht, wie man ihn abserviert habe.
Am 4. September 1999 hatte Edmund Stoiber per Mobiltelefon bei Sauter angerufen und ihn kurzerhand entlassen. "Eiskalt", erinnert sich Sauter, der damals zum öffentlichen Eklat entschlossen war, als er dem Ministerpräsidenten im Landtag einen "Mangel an Anstand, Stil und Menschlichkeit" vorwarf. In einem Interview sprach er gar vom "doppelten Genickschuss" und von "Menschenopfer". Das saß. Stoiber parierte, indem er Sauter zum Sündenbock ausrief, obwohl er selbst einen Großteil Verantwortung für den desolaten Zustand der LWS trug, die Mitte 1999 respektable 367 Millionen Mark Verluste verbuchte.
Alfred Sauter - er galt in der CSU als nahezu genialer Krisenmanager - hatte den ultimativen LWS-Crash mehrfach verhindern können. Kurz vor der Landtagswahl 1998, als die CSU Gefahr lief, die absolute Mehrheit einzubüßen, hielt der Minister das strauchelnde Unternehmen noch einmal über Wasser. Wäre der LWS-Skandal zu diesem Zeitpunkt publik geworden - Stoiber hätte vermutlich einen Koalitionär finden müssen. Sauter rettete die Alleinregierung. Sauter rettete Stoiber. Sauter stürzte ein Jahr später jäh ab. Zugetraut, sagt er später, hätte er seinem Chef diesen "eiskalten" Rauswurf nicht.
Doch Alfred Sauter musste es besser wissen. 1993, während der Amigo-Affäre des Ministerpräsidenten Max Streibl und des folgenden Scharmützels um die Macht in Bayern, stand er mit dem damaligen Innenministers Stoiber schließlich Seit´ an Seit´ gegen den keinesfalls mit Glacéhandschuhen angefassten Widersacher Waigel, der so gern aus dem Bonner Finanzministerium in die Münchner Staatskanzlei wechseln wollte. Aber Stoiber instrumentalisierte skrupellos dessen Eheprobleme. Die Stoiber-Lobby läutete Sturm in Münchner Zeitungsredaktionen und streute Gerüchte über amouröse Abenteuer des CSU-Chefs Waigel, über Abtreibungen und uneheliche Kinder. "Bei uns war ein Sprössling gar schon im Vorschulalter", erinnert sich Uwe Zimmer, Chefredakteur der Abendzeitung. Stoiber bot zu jener Zeit bei öffentlichen Auftritten das, was Waigel dem katholischen Bayern nicht zu bieten hatte: eine Landesmutter, Kinder, die glückliche Familie. Für Bild ließ er sich mit den Töchtern Veronica und Constanze abbilden, Headline: "Stolz auf seine schönen Töchter".
Waigel sah sich von dieser rüden Schmutzkampagne "menschlich schwer verletzt" und resignierte, während Michael Glos schimpfte: "Hier ist doch mit unglaublichen Verunglimpfungen gearbeitet worden."
Inzwischen pflegt Waigel zu Stoiber keinerlei Kontakt mehr und scheut Wahlkampfauftritte mit dem Christenkandidaten wie der Teufel das Weihwasser. Vor neun Jahren, wie gesagt, stand Sauter auf Stoibers Seite. Eine Entscheidung, die er heute lächelnd bereut. "Wissen Sie, ich arbeite wieder verstärkt in meiner Anwaltskanzlei" Die Geschichten von gestern belasteten ihn nicht mehr. "Ich bin um einige Erfahrungen reicher ..."


Nicht zu Kreuze



Aber noch einmal zu dieser Geschichte mit dem alten Max Streibl während der "Amigo-Affäre" im Frühjahr 1993, die vielen der bayerischen Christ-Sozialen nicht so recht gefallen mochte. Streibl hatte 1988 Franz Josef Strauß in der Münchner Staatskanzlei beerbt und Stoiber - den Adlatus des großen FJS - zunächst abdrängen können. Selbstverständlich eine Schmach.
Dann aber, 1993, hagelt es Vorwürfe: Streibl habe sich von Industriellen teure Luxusreisen bezahlen lassen. Eine Enthüllung jagt die nächste. Wieder sind es Stoiber-Leute, die Journalisten mit Material versorgen. Nach seinem Rücktritt klagt Streibl: "Stoiber hat mich gestürzt und verraten." Als der selbst in den Amigo-Sog zu geraten droht, gibt er zu, auch auf MBB-Kosten dienstlich und privat einige Male geflogen zu sein und Gratisdienstleistungen von BMW und Audi genossen zu haben. Deswegen werde er jedoch "nicht zu Kreuze kriechen", ist Stoiber sicher und wird am 28. Mai 1993 vom Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt.
Während des ersten Regierungsjahres rollen weitere Köpfe in den Reihen der "Freunde". Peter Gauweiler - derb gestrickter Volkstribun, Strauß-Freund und Stoiber-Rivale - muss wegen vermeintlicher Vorteilsnahme im Amt als Umweltminister gehen. Ein Vorwurf, den Gauweiler vor Gericht widerlegt. Zu spät. Stoiber entledigt sich auch seines populären "Freundes" Gerold Tandler, der ebenso als Machtschattengewächs des großen FJS galt - Absturz dank "Zwick-Affäre". Stoiber bleibt unbeschadet, obwohl auch ihn der lange Schatten des Skandals streichelt. Stoiber, heißt es, habe sich 1983 vom bayerischen Bäderkönig Eduard Zwick zu einer Vergnügungsreise nach Südfrankreich einladen lassen. Der Verdächtigte dementiert heftig und beweist seiner Partei einmal mehr, wie gefährlich es für "Freunde" sein kann, wenn er um den Verlust der Macht fürchtet. Es gelingt ein vorzügliches Ablenkungsmanöver mit dem Verweis auf die private Friedrich-Baur-Stiftung, aus deren Testamentsvollstreckung seinen Vorgängern Strauß und Streibl jährlich etwa 300.000 Mark zukamen. Die Öffentlichkeit ist erwartungsgemäß empört über die Nebeneinkünfte der Ex-Landesherrn. Edmund Stoiber hat selbstredend nach Amtsantritt auf diese Wohltaten verzichtet. Wieder einmal gerettet.


Heiße Kartoffeln



Noch heute nehmen viele CSU-Parteigänger Stoiber diese Geschichte übel. Erich Riedl seufzt, wenn das Gespräch auf den Unions-Kanzlerkandidaten kommt. Riedl kennt Edmund Stoiber seit Jahrzehnten, war parlamentarischer Staatssekretär der CSU im Bundeswirtschaftsministerium und langjähriger Strauß-Spezie - er kennt Stoiber, als der in der CSU noch als Kofferträger "vom Alten" - von Strauß - galt. Riedl ist nicht mehr in der Politik. Ihm wurden mutmaßliche Schmiergelder bei Rüstungsgeschäften zum Verhängnis. Allerdings stellte die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen aufgrund mangelnden Tatverdachts bald ein.
Riedls glattrasiertes Gesicht fängt das Gold der vielen Lichter im Foyer des Hotels Bayerischer Hof ein. Unruhig sitzt er auf einem Sofa. "Kaum einer war so nah an Strauß und hat so intim für ihn gearbeitet, wie der Stoiber. Diese Position hat er stets gnadenlos verteidigt. Aber wie er sich nach dem Tod seines großen Mentors von ihm abgesetzt hat, das wirft doch ein schlechtes Licht auf seinen Charakter", räsoniert der 69-Jährige. Bei jedem Skandal opfere Stoiber halt irgendjemanden - egal, ob die Leute loyal seien oder nicht. Als Ende 2000 die BSE-Krise Bayern heimsucht, feuert er Gesundheitsministerin Barbara Stamm.
"So geht er auch mit engsten Parteifreunden um: Waigel, Sauter, Gauweiler, Riedl - wie eine heiße Kartoffel ließ er sie fallen, nur weil es ihm in den Kram passte. So ist Edmund Stoiber - gnadenlos, wenn es um ihn geht", sagt Erich Riedl und schüttelt den Kopf. Obwohl er seine Unschuld bewiesen habe, sei der Ministerpräsident nie zu ihm gekommen, um sich zu entschuldigen. Nie zeige Stoiber Wärme oder Humor. "Er war rasend eifersüchtig auf Leute, die auch nur den Anschein erweckten seinem geliebten Strauß näher sein zu wollen als er selbst. Bei allem, was im Freistaat Bayern Gutes geschieht, schmückt sich Stoiber mit den Lorbeeren." Wenn aber etwas schief gehe, dann sei er nie dabei gewesen. So wie beim LWS-Skandal, den Landesbankverlusten oder dem Kirch-Desaster, urteilt Riedl. Alle Leute, die Strauß kannte und mit denen er Geschäfte machte, wie Karl-Heinz Schreiber oder Dieter Holzer, wolle Stoiber nicht mehr so gut kennen oder gekannt haben. "Und das obwohl der doch so nah an Strauß dran war. Scheinheilig ist das ..."
Gegenüber vom Bayerischen Hof liegt die Anwaltskanzlei Bub, Gauweiler Partner. Vom Bürofenster der Sozietät blickt man auf die Vorderfront des Hotels. Peter Gauweiler sitzt auf einer blauen Couch, sein Schnurrbart ist ergraut wie auch sein Seitenscheitel und die buschigen Brauen. Er kaut auf dem Bügel der Brille. Fragen zum Kanzlerkandidaten? Sind ihm unangenehm. Sein schwieriges Verhältnis zu Stoiber wolle er nicht verheimlichen, jeder wisse doch, "dass bei uns die Fetzen geflogen sind. Das ist doch kein Geheimnis." Gauweiler kandidiert für ein CSU-Mandat im Bundestag. Trotzdem sagt er: "Was damals mit Sauter geschehen ist, war nicht in Ordnung." Aber das habe der Stoiber ja später selbst als Fehler eingestanden. Gauweiler schweigt vielsagend, ja, die alten Geschichten.
In Berlin können manche CSUler nicht genug darüber reden. Einer, der seinen Namen nicht nennen will, sagt: "Stoibers Weg säumt manche Leiche aus der eigenen Partei. Zu viele. Jeder weiß, dass Michael Glos hinter vorgehaltener Hand kein gutes Haar am Unions-Kandidaten lässt. Und viele in Stoibers Wahlteam zittern, jemand könnte auf die Idee kommen, die Leichen wieder auszugraben." Der Mann hält inne, aber dann sagt er doch noch: "Der Waigel könnte den Stoiber mit ein paar Interviews fertig machen. Grund genug hätte er ..."
Noch halten die "Parteifreunde" zusammen, denn es geht um die Macht in Berlin. Sollte Stoiber am 22. September verlieren, dann droht ihm auch in Bayern ein Machtverlust. "Dann wird Tacheles geredet", denkt der Unionsmann.
00:00 24.05.2002

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