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Eröffnungsspektakel Armin Petras wird als Intendant am Berliner Maxim Gorki Theater sesshaft

Armin Petras ist als Regisseur und Autor, der oft auch ostdeutsche Befind- und Geschichtlichkeiten untersucht, eine Art Hans Dampf in allen Theatergassen. Als er gleichzeitig Oberspielleiter am Theater Nordhausen und Hausregisseur in Leipzig war, schleuderte er zudem noch an weiteren Orten seine sinnlich spielerischen Inszenierungen heraus. Zuletzt leitete er in Frankfurt am Main die Experimentierbühne des Schauspiels. Als Intendant geht der Fährtenleser und -leger Armin Petras erst einmal auf "SpurenSuche".

Unter diesem Titel präsentierte er zum Auftakt sein neues Team in einem Spektakel mit zehn Inszenierungen. Neun Männer der mittleren Erfolgsgeneration inszenierten, von Jan Bosse über Alexander Hawemann zu Peter Kastenmüller und Sebastian Baumgarten, Texte von Fassbinder, Schleef, Fleißer, Müller, Goethe und Rolf Dieter Brinkmann. Mit thematischer und stilistischer Vielfalt versucht Petras einer Bühne neues Profil zu geben, die in Ostberlin einst als Statthalter für Stanislawskis psychologisch-realistisches Theatersystem gegründet wurde und ab 1968 bis nach der Wende unter Albert Hetterle stark auf (unterschiedlich gewichtiges) Zeitgenössisches setzte. Seine größte Zeit erlebte das MGT dann in den Vorwendejahren mit kritischen sowjetischen Stücken und Thomas Langhoffs Inszenierungen von Tschechows Drei Schwestern und Volker Brauns Übergangsgesellschaft. Nach der Wende hat das Maxim Gorki Theater unter wechselnden Intendanten ohne nachhaltigen Erfolg seinen Platz in der Berliner Theaterlandschaft erst suchen müssen. Während Bernd Wilms auf eine Berliner Dramaturgie und Stars wie Harald Juhncke und Katharina Thalbach setzte, versuchte Volker Hesse ein faserig buntes, gesellschaftspolitisch geprägtes Programm. Der neue Intendant Armin Petras tritt nun mit der Absicht an, sein Haus zu einem Stadttheater für alle Schichten und Altersstufen zu machen. "Das eine ist diese historische Arbeit des Maxim Gorki Theaters, also realistische Themen, realistische Texte, den sogenannten kritischen Realismus des 19. und 20. Jahrhunderts fort zu führen, mit einem bestimmten Blick auf die Gegenwart. Wir versuchen dabei, kein Spezialistenpublikum zu erreichen, sondern eine größere Breite von Berlinern. Der zweite Punkt ist: ich habe immer gesagt, wenn ich mal so was machen sollte, kann ich nicht anders als ein Autorentheater zu machen. Das bedeutet, dass wir im Studio dieses Jahr nur lebende Autoren spielen. Und der dritte Punkt ist: Es ist mir sehr wichtig, dass man sagt: Theater muss da raus gehen, wo die anderen Menschen sind, die normaler Weise nicht ins Theater gehen. Wir werden also versuchen raus zu gehen, in Stadtbezirke rein zu gehen, mit den Leuten dort Theater machen und das auch wieder zurückholen ins Haus."

Spektakel - das bedeutete für den Zuschauer die Qual der Wahl. Nach der Pflicht für alle mit der Inszenierung des Hausherrn von Ibsens Baumeister Solness auf der großen Bühne musste man sich in zwei folgenden "Runden" zwischen vielen gleichzeitig stattfindenden Produktionen entscheiden. Thematisch ging es um verpasste Hoffnungen und verpatzte Ideale. Erster Eindruck nach fünf Inszenierungen an zwei Tagen in allen Räumen des Theaters, aber auch im Garten oder auf dem Parkplatz: am MGT ist ein spannendes Ensemble mit tollen Schauspielern zusammengekommen. Die herausragende Inszenierung steuerte Hermann Schein mit einer auf eine Stunde komprimierten Version von Marieluise Fleißers Der starke Stamm bei. Dafür versammelte sich das Publikum an den Wänden eines engen Salons. Ein langer Tisch mit treppenartigem Podest an der Stirnseite (Bühnenbild Stefan Heyne) ist Spielfläche für ein, laut Autorin, "unterschwelliges Volksstück mit gesellschaftskritischem Hintergrund". Hermann Schein hat es im Sinne der Autorin, die es als "Heimatdichtung missverstanden" sah und schrieb, "ich wollte Leben geben, wirklich lebendige Gestalten", als eine realistische Geschichte von Menschen und ihren Leidenschaften inszeniert. Alle, die sich bei einer Beerdigung versammeln, denken nur ans Erbe, wollen Geld, den Witwer oder beides für sich. Aus einem konzentrierten Ensemble sticht Ursula Werner als Schwägerin des Witwers hervor. Wie sie mit kleinsten Gesten und mimischen Zeichen unterschiedlichste Gefühlslagen einer Frau zeigt, die erst Spielautomaten betreibt, um schließlich mit Wallfahrer-Transporten ihr Geld zu machen, wie sie gleichzeitig vergeblich um ihren Schwager kämpft, um am Ende wenigstens als ökonomische Siegerin dazustehen, das ist so wunderbar wie die gesamte Inszenierung.

Auch Armin Petras bietet mit Ibsens Baumeister Solness konzentriertes Schauspielertheater, aber auf ganz andere Weise. Seine stark körpersprachlich geprägte, spielerisch veräußerlichte, mit überflüssiger nackter sexueller Direktheit arbeitende Inszenierung zeigt mit dem souveränen Peter Kurth einen Baumeister Solness, der seinen Ort zwischen Schuldbewusstsein, Karrieredenken und Angst vor der folgenden Generation nicht mehr findet. Anja Schneider kommt als junge Hilde, die beim Baumeister ein altes Versprechen einfordert, als Hippie mit aufgedrehter, fast überdrehter Spielweise daher und stellt wie Christin König als Frau Solness ihre Figur sehr schön zwischen Künstlichkeit und Authentizität sowohl aus- wie dar. Petras lud das Stück über Ibsen hinaus zu einem Beziehungskampf zwischen vier Personen auf. Wenn schließlich Baumeister Solness nicht, wie bei Ibsen, vom Turm seines Bauwerks stürzt, setzt Hilde auf den Bau von Luftschlössern.

Anschließend schickte Petras den Schauspieler Andreas Leupold für einen beklemmend komischen Vortrag von Einar Schleefs Prosatext Das Haus, in dem ein DDR-Maurer sein um die eigene Leere gebautes Eigenheim zerstört und Selbstmord begeht, aufs Theaterdach. Während Sebastian Baumgarten Berlin Ein Meer des Friedens, Schleefs ersten Theatertext über ein Ehepaar, das sich in banaler, erschöpfter Distanz zwischen Arbeit, fehlendem Sex, Fernsehen und Konsum in Aggressionen nach innen verliert, wenig spannend zu machen verstand. Das zog sich trotz Videoeinspielungen zwischen drei Tischen im Studio recht müde dahin.

Kurz vor Mitternacht blieb es dann hell im großen Haus; weißgekleidete Darsteller kamen aus dem Publikum. Jan Bosse zeigte Goethes Die Leiden des jungen Werther vor dem eisernen Vorhang als Stück über gesellschaftliche Leere und Überdruss. Hans Löw als verzweifelt schwärmerischer Werther, Fritzi Haberlandt als realistisch kesse Lotte und Ronald Kukulies als derb direkter Albert spielen einen heutigen, ironischen Abstand zu ihren Rollen mit oder fallen kommentierend aus ihnen. Löws Werther verdeutlicht seinen Missmut an einer lähmenden Gesellschaft im Dialog mit der Souffleuse. Eine umjubelte, wenn auch theatralisch allzu schicke Inszenierung zum Abschluss eines Spektakels, mit dem das Maxim Gorki Theater unversehens in den Mittelpunkt des Interesses und der Berliner Theaterlandschaft rückte.


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00:00 06.10.2006

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