Geteilte Geschichte

Nachruf Lothar Baier und das Ende der Freundschaft

Lothar Baier ist tot. Er hat sich erhängt, höre ich, infolge von Depressionen, unter denen er seit Jahren litt. Am liebsten würde ich meine Trauer für mich behalten, denn jeder Nachruf ist auch ein Vergessen. Abgehakt, fertig. Und ich will mich nicht an die Vorstellung gewöhnen, ohne Wissen um seine Gegenwart weiterzuleben. Andererseits, wäre einer seiner Freunde gestorben, ich weiß, dass er sich dann hingesetzt und über ihn geschrieben hätte, verlässlich, präzise, zärtlich. Und er hätte sich, auf der Suche nach der Todesursache, nicht mit der Diagnose der Lebenden begnügt.

Vor zwölf Jahren veröffentlichte Lothar eine Kleine Ode an die Freunde. Sie erschien, wie vieles, was er in den letzten Jahren an Aufsätzen, Glossen und Kritiken geschrieben hat, in der Zürcher WochenZeitung. Neben dem Freitag und dem Wiener Wespennest war sie seine publizistische Heimstatt geworden, weil die großen Blätter, die jetzt einen Tag lang Krokodilstränen vergossen haben, nur noch selten auf ihn zukamen. Die WoZ hingegen war uns beiden viel mehr als nur eine Zeitung, die an den eigenen Arbeiten Gefallen findet, sie einigermaßen zügig abdruckt und bescheiden honoriert. Mit manchen ihrer Redakteure verband uns ab Mitte der achtziger Jahre eine Freundschaft, wir empfahlen ihnen Autoren, Bücher, Themen, rühmten dieses störrische linke Blatt im Bekanntenkreis. Wie ich fand er im Kulturressort der WoZ eine Haltung ausgeprägt, die ihn in seiner Einstellung bestärkte - Misstrauen gegenüber den sogenannten Marktgesetzen; Unbehagen am provinziellen Antiprovinzialismus; fortwährendes Interesse an Widerstand, Peripherie, Dritte Welt; Überzeugung, dass linke Publizistik in rechten Zeiten nur dann bestehen kann, wenn sie nicht dem angeblichen Bedürfnis nach Zerstreuung nachgibt. Er fühlte sich aufgehoben, unter Freunden. "Ein Freund ist, glaube ich, jemand, mit dem man eine Geschichte teilt."

Seit 1997 war Lothar Mitglied des Redaktionskollektivs, fuhr einmal pro Woche von Frankfurt nach Zürich, die von ihm redigierte Seite "Gesellschaft" wurde zum Aushängeschild der Zeitung. Denn er brachte sein Wissen ein, seinen Spürsinn, seine Kenntnis der frankophonen Kulturen, der Redaktion nützten seine Kontakte und seine Fähigkeit, auf aktuelle Ereignisse schnell, umsichtig und elegant zu reagieren. Die Offenheit und der Zusammenhalt der frühen Jahre waren zwar verflogen, das "kommunikative Beschweigen", das ihn zuletzt wie gegen eine Gummiwand anrennen ließ, nahm aber erst später überhand. "Hat diese Geschichte ein Gewicht, ist es überflüssig, sich gegenseitig der Freundschaft zu versichern, so wie schlecht komponierte Paare sich zwanghaft der gegenseitigen Liebe versichern, um nicht vom zwischen beiden Unvereinbaren reden zu müssen."

Zum ersten Mal begegnete ich Lothar Baier vor vier Jahren, in Zürich, bei einem fruchtlosen Vermittlungsversuch zwischen dem damaligen Literaturredakteur und mir, dem rechtlosen Zuarbeiter, den das kommunikative Beschweigen bereits ereilt hatte. Lothar war genau so, wie ich ihn mir aufgrund seiner Prosa vorgestellt hatte: bescheiden, gesellig, verbindlich, freundlich. Er sprach eher leise, erzählte gern. Den Oberkörper leicht vorgebeugt, schmal und zart, zwischen den Lippen eine selbstgedrehte Zigarette, hinter dem Schnurrbart ein Lächeln. Dem Bild vom forschen Deutschen, das wir Landfremden mit uns herumtragen, wurde er nicht gerecht. Ihn hielt es auch nicht mehr in Deutschland. Die Aufstiegssucht und die ideologischen Bocksprünge ehemaliger Gefährten setzten ihm zu, er registrierte das "Abbröckeln" alter Freunde, vor drei Jahren wanderte er nach Quebec aus, still, ohne seinen Entschluss zum Programm zu erheben.

Er war ja schon einmal weggegangen, nach Frankreich, damals vor 20 Jahren, als allenthalben das neue urbane Lebensgefühl in der BRD gerühmt wurde, wuchernde Straßencafés, schicke Läden, die Szene, die Nischen der "Zivilgesellschaft", die ihn an ein Sanatorium erinnerte. Seine Tätigkeit bei der WoZ, durch die er sich auf Schweizer Verhältnisse einließ, erklärt sich auch durch das Bedürfnis, die deutschen Intellektuellen samt ihrem fürchterlichen "Drang, es immer recht zu machen", hinter sich zu lassen. "Wenn man sich ein wenig umtut in Montreal, kann man auch hier allerhand Wissenswertes erfahren. Und durch die sehr sichtbare Immigration - auch aus Lateinamerika - fühle ich mich in der Stadt viel mehr ›in der Welt‹ als etwa in dem tristen Frankfurt." Wir trafen uns ein- bis zweimal jährlich, bei den Sitzungen des Paul-Grüninger-Stiftungsrats, dem wir angehören durften (Grüninger, das war der tapfere Polizeihauptmann in St. Gallen gewesen, der Ende der dreißiger Jahre Hunderte, wenn nicht Tausende österreichische Juden gerettet hatte und deshalb aus dem Amt gejagt worden war), "freu mich schon sehr darauf, Dich und die anderen wiederzusehen - der Grüninger-Rat ist mir die liebste europäische Runde".

Die Freundschaftsgeschichte mit der WoZ nahm dagegen eine böse Wendung. Lothars Nachrichten im vergangenen Jahr, schon aus Montreal, "einer hübschen Wohnung in dem alten Industrie- und Arbeiterviertel Saint-Henri, in der jetzt endlich auch alle Bücher stehen", verrieten seine Irritation über den Abschwung unserer einstigen Lieblingszeitung. Im Zuge einer Blattreform, mit der neue, unterhaltungssüchtige Leser gelockt werden sollten, wurde seine Gesellschaftsseite umgemodelt, nach dem Vorbild krisengeschüttelter deutscher Zeitungen ein Buch "Leben" eingeführt. Statt Literatur wurde Pop zur Säule der Kultur. Akzeptanz, nicht Ächtung des medialen Spektakels. Lothar warnte, argumentierte, machte Vorschläge - und bekam patzige oder gar keine Antworten. Er beklagte sich über den Umgang mit seinen Texten. Als er das letzte Buch seines Freundes und WoZ-Kollegen Stefan Keller rezensierte, stellten manche in der Redaktion die Objektivitätsfrage. So sah er sich veranlasst, die Besprechung mit jenem Zitat des Autors Rudolf M. Lüscher zu versehen, mit dem seinerzeit die Kleine Ode an die Freunde geendet hatte: "Wenn ein Freund ein Buch schreibt, dann gehört das Buch in die Freundschaftsgeschichte, und zu einer Geschichte gehören zwei Stimmen. Buch und Rezension sind die öffentliche Seite einer Freundschaftsgeschichte, Objektivität überlassen wir den Statistikern."

Ich glaube nicht, dass Schriftsteller empfindlicher sind als andere Sterbliche. Aber sie sind, um überhaupt zu existieren, auf Vermittlung angewiesen. Wenn die Vermittler für Freunde gehalten werden, sich als solche jedoch zurücknehmen, entsteht Verzweiflung, auch ohne Hang zu Depressionen. Noch dazu steht einer als Linker in dieser Welt ohnehin an der Kippe, ist auf Gemeinschaftlichkeit, auf Verständigung aus, wird in die Vereinzelung abgedrängt und merkt, dass sein Resonanzkörper, über den andere verfügen, nicht mehr funktioniert. Dabei weiß er, ohne sich zu überschätzen, um seine Erfahrung: Er kennt die Irrwege, er will sie sich und anderen ersparen. Die ihn brauchen, vermögen ihn nicht zu trösten - sie sind in der gleichen Lage. Was tun, sich der Krankheit fügen, die Schlinge knüpfen? An Stefan Keller, der den Niedergeschlagenen immer wieder aufgemuntert hat, schrieb er am 24. Juni: "Für Deine kommunikative Treue bin ich Dir ungeheuer dankbar. Mit dem Durchhalten - auch wenn´s verflucht schwerfällt - überlege ich es mir deshalb ernsthaft."

Wie der Schweizer Autor Niklaus Meienberg, dessen Werk er von Anfang an kritisch begleitet hat, hat auch Lothar Baier einige Zeit vor seiner fatalen Entscheidung eine schwere private Enttäuschung und einen Unfall erlitten. Liebesverrat und körperliche Verletzungen bringen einen aus dem Tritt. Besonders schlimm ist es, wenn gleichzeitig eine geteilte Geschichte ihr Ende findet.

In der Erzählung Jahresfrist hatte Lothar vor mehr als 20 Jahren über einen deutschen Intellektuellen geschrieben, der sich aus Überdruss über die Welt der großen Wörter, aus Sehnsucht nach einer Welt, die sich selbst genügt, in ein verfallenes Bauernhaus im Süden Frankreichs zurückgezogen hat. Indem er sich mit Leben und Schaffen des kommunistischen Schriftstellers Paul Nizan auseinandersetzt, ist der Ich-Erzähler sich selbst auf der Spur. Es gibt Stellen in Nizans Werk, die kennt er auswendig: "Leben kann man nur inmitten einer Bewegung, die die Welt anklagt. Die Welt zu akzeptieren, bedeutet Tod."

Mir scheint, es war diese Art Tod, die Lothar in den seinen getrieben hat.

00:00 23.07.2004

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