"Getrennt bitte – ein Satz wie eine Axt"

Alltagsrituale (10) Wie erleben Zuwanderer den hiesigen Alltag: In unserer Serie erzählt die Italienerin Elisabetta Gaddoni, was sie an der deutschen Sitte des Getrennt-Zahlens stört

Der Abend war spannend. Gute Unterhaltung, viel gelacht, das Gefühl, auf einer Wellenlänge zu sein, eine verwandte Seele gefunden zu haben. Bis die Kellnerin an den Tisch kommt und die Killerfrage stellt: „Zusammen oder getrennt?“ Im Nu macht sich Verlegenheit breit, zumindest bei mir. Ein unangenehmes Gefühl schleicht sich ein und trübt die ausgelassene Stimmung. Um diesem Unbehagen ein Ende zu setzen, mache ich den Mund auf, um zu sagen, dass ich die Rechnung übernehme. Leider nicht schnell genug: Am anderen Ende des Tisches ertönt ein Satz, der wie eine Axt das frisch entstandene Gemeinschaftsgefühl vernichtet: „Getrennt, bitte“.

Die Vorstellung, dass die Kellnerin bei einer solchen moderaten Summe zweimal rechnen, kassieren und Restgeld geben muss, erscheint mir lächerlich. Ich greife ein und sage: „Nein, zusammen!“ Ein ratloser Gesichtsausdruck bekräftigt die an mich gerichtete Frage: „Warum denn?“ Ich beantworte sie mit „Warum denn nicht?“ Meine Begleitung packt daraufhin die Brieftasche wieder ein und sagt „Danke!“, mit dem undramatischen und arglosen Ton desjenigen, der ein bizarres Verhalten zwar nicht begreift, dennoch akzeptiert, ohne sich allerdings ‚verpflichtet’ zu fühlen, die Einladung irgendwann zu erwidern.

Nicht gerade großzügig

Diese klassische Situation wurmt Generationen von Italienern, die in Deutschland leben. Wie kann man zusammen Spaß haben und getrennt zahlen wollen? Der Empörung folgt oft der Versuch, dieses Verhalten zumindest zu verstehen: Letztendlich sind viele von uns mit Deutschen liiert, eine pauschale Verurteilung hilft also nicht. Deutsche Eltern, heißt es, bringen den Kindern sehr früh bei, finanziell selbstständig zu sein, mit dem Taschengeld auszukommen, mit den Sommerjobs den eigenen Urlaub zu finanzieren. Spätestens wenn junge Leute in eine WG einziehen, müssen sie mit dem Monatsgeld auskommen. Eventuelle Engpässe werden nicht automatisch von den Eltern aufgefangen, so wie es in Italien der Fall wäre. Dass viele Menschen in Deutschland auch lange über das Studentenalter hinaus ein ‚Künstlerleben’ führen, ohne geregelte Einkünfte, macht sie in Sachen Geld nicht gerade großzügig. Das ist wohl der Preis der Selbständigkeit und der Tatsache geschuldet, dass man in der Not nicht mit einer Gemeinschaft rechnen kann, bei der jeder mal Hilfe bekommt und mal Hilfe gibt. Sei es in der Großfamilie oder im Dorf.

Solche Erklärungen gehen mir dann durch den Kopf. Ich frage mich, ob es nicht besser ist, wenn der Staat einem aus der Not hilft, wie es in der modernen Gesellschaft üblich ist. Diese institutionelle Hilfe, die allen zusteht, erlaubt den Menschen immerhin, sich von hemmenden familiären Banden zu lösen und: Ist diese Emanzipation nicht das, was ich am Leben in Deutschland immer so genossen habe? Oder sollen etwa in der ganzen Welt Generationen von sogenannten Bamboccioni (so bezeichnete ein italienischer Minister junge Erwachsene, die ewig bei den Eltern leben) großzügig das Rentengeld der Eltern ausgeben? Die Art, wie Italiener sich um die Rechnung streiten, liefert hierzulande immer wieder Stoff für Bestseller und Zeitungsglossen. Den Kellner heimlich briefen, die anderen überlisten oder ihnen schlimmstenfalls den Zettel aus der Hand reißen: Sollten diese landestypischen Erscheinungen, die bei unseren deutschen Bekannten immer wieder für Heiterkeit sorgen, nicht endlich Folklore vergangener Zeiten sein? Warum müssen wir als einzige unter Situationen leiden, die für alle anderen im Lande völlig unproblematisch sind?

Jeder für sich und Gott für alle

Szenenwechsel: Ich verlasse ein Kaufhaus und halte gerade die Tür für die Dame auf, die mir folgt. Täte ich das nicht, würde ihr die Tür möglicherweise vor die Nase knallen. Also halte ich den Türrand fest, damit sie ihn anfasst und dem nächsten weitergibt, aber sie macht gar keine Anstalten! Sie biegt mit Anmut um die Tür, eilt schnell über die Schwelle, ruft „Danke“, mit jenem Tonfall, den ich gut kenne, und geht weiter. Ich bleibe stehen und muss die Tür für den Nächsten halten, in der Hoffnung, dass er übernimmt. Ansonsten werde ich die nächsten Stunden hier als unfreiwillige Pförtnerin verbringen müssen.

Ich staune über diese Mischung aus Ignoranz und Freundlichkeit, die durch alle Schichten der Gesellschaft geht: Ob Obdachloser, Wilmersdorfer Witwe, Studentin oder Geschäftsmann: Alle eilen an mir vorbei und sagen „Danke!“, als wäre diese Geste eine nette Macke von mir, die sie nicht verpflichtet, dasselbe für andere zu tun. Ein „Danke“, das, wo immer es auch auftritt, nur bedeutet: Wir leben zwar alle zusammen, sind aber doch getrennt. Jeder für sich und (eventuell) Gott für alle.


Zusammen oder getrennt?

Die Regeln der Gastfreundschaft, nach denen es immer nur Gastgeber und Eingeladene, aber niemals Situationen gab, in denen jeder für sich sorgte (und zahlte), sind durch die neuen Gender-Verhältnisse und Emanzipationsdebatten durcheinander geraten. So verschieben sich auch die Gleichgewichte von Nähe und Distanz, von Großzügigkeit und Verschwendung, von Selbstbestimmung und Abhängigkeit, die stets mit Geschenken, Einladungen oder zuvorkommenden Höflichkeiten verbunden sind. Den richtigen Ton und die angemessenen Gesten des Gebens und Annehmens zu finden, ist schon innerhalb eines Kulturraums schwierig – umso mehr, wenn Deutsche und Ausländer sich begegnen. Dann häufen sich Missverständnisse und Irritationen. Unversehens steht man sich befremdet gegenüber. Die Ökonomie, die die Verhältnisse reguliert, kann die Kultur der bezaubernden Höflichkeiten so wenig ersetzen wie all die Genüsse der Gastfreundschaft, die sich nur entfalten, wenn beide Seiten sie zu handhaben wissen.

Hartmut Böhme lehrt Kulturtheorie am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität Berlin. Er begleitet die Serie mit kurzen, theoretischen Einordnungen.

In der Reihe Wie uns die Anderen sehen, konzipiert von Hanna Engelmeier und Marco Formisano, haben wir eine besondere Gruppe von Zuwanderern in Berlin um ihren alltagskulturellen Blick auf die Stadt gebeten: Wissenschaftler, Architekten, Mediziner, Schauspieler und Künstler erzählen von ihrer bisweilen schon vertrauten, aber oft auch noch fremden Heimat. Durch ihre Arbeit haben sie einen geregelten Zugang zu Stadt und Bewohnern, aufgrund ihrer Herkunft ein besonderes Gespür für die Unterschiede in der Bedeutung alltäglicher Praktiken. Im nächsten Teil der Serie erklärt die Österreicherin Magdalena Manker, warum sie sich über spießige Gegenstände wie Gartenzwerge und Biotope mit Schilf wundert, die ihr mitten in der Großstadt begegnen.


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10:00 09.01.2011

Ausgabe 38/2020

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