Gewalt in Dosen

Poff! Die Superhelden in Marvels Serien haben politisches Potenzial, das sie gerne noch besser nutzen dürften
Gewalt in Dosen
Sie tragen die Düsterkeit wie einen Hoodie: Daredevil (Charlie Cox), Jessica Jones (Krysten Ritter), Luke Cage (Mike Colter)

Illustration: Ira Bolsinger; Material: Netflix

Es ist düster in Hell’s Kitchen. Die Straßen des New Yorker Stadtviertels westlich der 8th Avenue und zwischen 34. und 59. Straße in Manhattan sind dreckig und unübersichtlich, und der Regen, der in der Netflix-Produktion Daredevil immer schon in der Luft liegt, kann den gespenstisch-malerischen Dampfschwaden aus Gullydeckeln und Schornsteinen kaum etwas anhaben. Das ehemalige Straßengang-und-Einwanderer-Pflaster, das in der Realität längst durchgentrifiziert wurde, wirkt in Marvels Erwachsenenserie, deren dritte Staffel soeben anlief, wie ein Ort, von dem man am besten schnell wieder verschwindet: Man wohnt in kleinen Apartments, in denen der Putz von den Wänden fällt und einzubrechen ein Kinderspiel ist.

In der ersten Staffel der freien Adaption des von Stan Lee und Bill Everett konzipierten Superhero-Comics kämpft der titelgebende Charakter am Tag als blinder Anwalt Matt Murdoch legal für Gerechtigkeit, in der Nacht prügelt er jedoch mit Maske und zäher Körperkraft Verbrecher windelweich. Dabei trägt der vom britischen Schauspieler Charlie Cox verkörperte Daredevil, der „Teufel von Hell’s Kitchen“, anders als die meisten anderen Superhelden und -heldinnen die Ambivalenz schon im Namen: Es steckt etwas Furchterregendes in diesem Mann, etwas Zwielichtiges, Zerrissenes, das – wie üblich – mit einer traumatischen Kindheit, einer katholischen Erziehung und dem Abfallen davon zusammenhängt. Daredevil ist kein reiner Held, dessen Gewaltanwendungen im Rahmen der Erzählung notwendig sind; er empfindet, das spielt Cox bestechend trotz größtenteils verdecktem Gesicht, anscheinend eine gewisse Lust an den Brutalitäten, die die Serie mit viel Freude an choreografierter, performativer Gewalt inszeniert.

Daneben versuchten die Serienverantwortlichen immer wieder, aktuelle Themen, städtetypische Probleme in ihre Erzählungen zu integrieren: In der ersten Staffel musste Daredevil alias Matt Murdoch sich mit dem von Vincent D’Onofrio herausragend gespielten Großverbrecher Wilson Fisk (alias Kingpin) auseinandersetzen, der Hell’s Kitchen mit schnieken, teuren Hochhäusern zupflastern will, angeblich um die Wohnqualität des Viertels anzuheben, ganz gemäß der gängigen Gentrifizierungsargumentation. In der zweiten Staffel mischten Daredevil und seine ebenfalls ambivalent gezeichnete Mitstreiterin Elektra (Élodie Yung) rivalisierende Gangs auf. Das Ende wurde blutig, die etwas blass gebliebene Elektra ging vorerst verschütt, andere Kollaborateure fanden sich in der parallel, aber weniger überzeugend konstruierten Crossover-Helden-Serie The Defenders wieder. Jetzt, in der dritten Staffel, kommt Wilson Fisk zurück ins Spiel und ruft den zusammengebrochenen Daredevil, der eigentlich von seiner für ihn selbst erschreckenden Brutalität Abschied nehmen will, „back into action“. Er wird sich fortan wieder regelmäßig in langen, ausgefeilten Box-Choreografien schlagen. Und D’Onofrio als Fisk serviert den psychopathischen Charakter fast noch eindrücklicher als in der ersten Staffel. So spuckt er den Namen seiner geliebten „Vanessa“ jedes Mal so aus, als ginge es um Leben und Tod – und überspielt dennoch nicht, denn ein Comic-Schurke darf alles.

Hypercool und abgefuckt

Die comic- und actiontypische Konzentration auf körperlichen Schlagabtausch siedelt die Serie bei aller Liebe zur Widersprüchlichkeit der Figuren ganz klar in einer rüden, altmodischen Machowelt an, in der Gewalt eine mögliche Lösung darstellt. Und trotzdem sieht man in den neuen Marvel-Produkten einen Willen zur Veränderung. Schon seit 2015 säuft sich eine weitere Heldin durch Hell’s Kitchen, quasi eingetretene Tür an eingetretene Tür mit Daredevil, und im The-Defenders-Strang auch gemeinsam mit ihm: Die Privatdetektivin Jessica Jones (Krysten Ritter) ist als höchst ambivalente, mit schwersten Traumata ausgestattete Figur in Lederjacke, Jeans und Bomberstiefeln als Anti-(Super-)Heldin angelegt. Sie ist hypercool und abgefuckt und verfügt anscheinend nur über recht maue Superkräfte, die sie ungern einsetzt: überragende Stärke und eine Art übernatürliche Fliegen/Hüpfen-Fähigkeit, die die Verantwortlichen, ob nun aus Budget- oder aus ästhetischen Gründen, dem Zuschauer größtenteils vorenthalten.

Sie ist nicht nur von einer schrecklichen Familiengeschichte geplagt, sondern auch von einem gebrochenen Herzen. Und sie kämpft für niemanden außer für sich selbst und ihre beste Freundin: Der Bechdel-Test-Faktor (der Anteil entscheidender Frauenrollen) ist bei Jessica Jones vor und hinter der Kamera außergewöhnlich hoch. Als ob die Marvel-Crew sich damit für die in ihren restlichen Serien übliche Genderkonventions-Routine entschuldigen wollte.

Um Jessica herum bewegen sich – leider in größtenteils langweilig gestrickten Erzählsträngen – fast ausschließlich weibliche Figuren: Eine kaltschnäuzige Rechtsanwältin feiert mit ihren Liebhaberinnen verdrogte Partys, Jessicas zunächst eher zurückhaltende Freundin lernt, ins Auge zu hauen, und Jessica selbst reagiert auf die Frage eines möglichen Klienten, der sie mit den Worten „I won’t take no for an answer“ rekrutieren möchte, nur lakonisch: „How rapey of you.“ Sogar Sex darf Jessica haben – mit einem tiefschwarzen Schrank von einem Mann, dessen Haut undurchdringlich selbst für Pistolenkugeln ist und der sich wenig später als „Luke Cage“ (Mike Colter), ebenfalls aus dem „Marvel Cinematic Universe“ stammend, herausstellt. Nach einer kurzen Affäre bleiben die beiden jedoch eher platonisch verbunden – außer in ihren eigenen Serien kämpfen auch sie bei den Defenders gemeinsam gegen verschiedene Gegner, genau wie der vierte, langweiligste, mit einer eigenen Serie ausgestattete Held Daniel Rand alias „Iron Fist“, der die Fahne des „privileged white male“ hochhält und dessen Superkraft sich qua Name selbst erklärt.

Dass Sex als Thema in allen Marvel-Produkten bis auf wenige Szenen ausgespart ist, verwundert nicht, ärgert aber: In guter alter US-Fernsehtradition dürfen Mord und Totschlag ausgiebig und bis ins Detail gezeigt werden, Körperlichkeiten jedoch, die ebenso hervorragend, sogar noch besser zur Charakterisierung der Protagonisten und Protagonistinnen geeignet wären, sind tabu. Netflix ist eben nicht der Sender HBO, der mit der ironisch-expliziten Wucht etwa der vielen scharfen und elaborierten Sexszenen in True Blood tatsächlich die „Rated R“-Vorgabe erfüllen wollte.

Aber vielleicht muss man auch nur ein wenig abwarten. Denn anders als Alan Ball, der bei True Blood das Übernatürliche nur als Vehikel für eine Parabel über Gerechtigkeit und Diskriminierung in seinem Heimatland USA nutzte, kommt Marvel aus der entgegengesetzten Richtung: vom oft etwas konservativen Nerdtum des landläufigen Comicfans, der die Adaptionen seiner Lieblingscomics teilweise humorlos und mit schiefem Blick beobachtet und Superkräfte als gegeben akzeptiert und nicht etwa auf Plausibilität hin prüft. Das Potenzial, besser, vielfältiger, politischer, feministischer und noch humorvoller zu erzählen, steckt in Daredevil (über einen blinden, also körperlich gehandicapten Mann), Jessica Jones (über eine schlagkräftige Frau), Luke Cage (über einen Schwarzen, dessen glänzende „Blackness“ visuell und in der Ausstattung der Serie voller Lust aufgegriffen wird) und dem dagegen etwas abfallende Blockflötengesicht Iron Fist durchaus drin. Man sollte es nur noch ein wenig mehr herauskitzeln.

06:00 08.11.2018

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