Gewaltige Jugend

Blut, Schweiss und Tränen Wie mit "Hildebrandslied" und dem Nibelungenstoff Theater über und für ein jüngeres Publikum gemacht wird

Aus den Stadien und den Fernsehern hört man so etwas wie Schlachtrufe, aus den Theatern auch. In den vergangenen Wochen konnte man drei Dramatisierungen "alter nationaler Epen" in Berlin sehen, nicht in den großen Theatern, eher in den kleineren, von "Jugend" gemacht oder für "Jugend" gedacht. Das Theater an der Parkaue zeigte Das Hildebrandslied nach Lothar Trolle in der Regie und Bearbeitung von Sascha Bunge. Im BAT am Regieinstitut inszenierten Regiestudenten Rheingold, Walküre, Siegfried, Siegfrieds Tod, Der Nibelungen Not, Götterdämmerung und Die lustigen Nibelungen nach Texten von Wagner, Hebbel und Oscar Strauß. Das "aufBruch" in der Vollzugsanstalt Tegel spielt Nibelungen, eine Collage aus Texten von Moritz Rinke, Heiner Müller, Volker Braun, Wagner, Hebbel, Hölderlin und den Darstellern selber.

Das Nibelungenlied, die St. Gallener Handschrift aus dem 13. Jahrhundert hat 2.442 Strophen. Es ist kaum zu hoffen, dass viele Deutsche das gelesen haben. Aber man kennt die Filme, die Namen, die Nachdichtungen, die Dramatisierungen, Wagners Ring.

Zwei Verfilmungen der Nibelungen-Sage, Deutschland 1966 und Deutschland/USA, 2004, liefen zu Pfingsten über die Sender Sat1 und 3Sat. Sagenwelten, Ritterspiele sind Mode. Die Superhelden, die opferreichen Endsiege und die verlogenen Verklärungen schütten meist die besten Überlieferungen zu.

Dem entgegenzutreten, hatten sich offensichtlich die jungen Künstler im BAT vorgenommen. Neben der ernsthaften Ausdeutung von Mythologie und Liebestragödie, neben der Anstrengung, deutliche Charaktere zu zeigen, wird die Verklärung fröhlich bekämpft - zum Beispiel, als der Walkürenritt aus einem Spielautomaten klirrt.

Die trainierte, gehorsame Gruppe der Walküren besteht aus kleinen Sportlern im Tennisröckchen. Sie langweilen sich schnell, wenn sie ohne Befehl sind. Der junge Robert Gwisdek spielt hinreißend einen liebenswürdigen Siegfried, den seine reichen Begabungen und seine schönen Freiheiten schuldig werden lassen. Er spielt und lässt mit sich spielen, das ist kein Held im militanten Sinne, gar nicht.

Warum aber wieder so viel von diesen uralten Geschichten, vom Hildebrandslied und den Nibelungen? Wegen schöner (WM)-Wettkampfgefühle, wegen Sehnsucht nach "verschworener Gemeinschaft", wegen Nation und Tradition? Oder wegen neuer Völkerwanderungen, neuer Kriege und wachsender Gewalt?

Das Hildebrandslied hat nur 68 Zeilen. Ein alter Krieger trifft auf einen jugendlichen Herausforderer "zwischen zwei Heeren". Als er nach dem Namen fragt, wird ihm klar, der Junge, Hadubrand, ist sein Sohn. Hildebrand ist sein Leben lang auf Kriegszug gewesen. Mit goldenen Reifen und besonnenen Worten will er sein Kind gewinnen, aber der junge Mann traut ihm nicht - "alter Hunne!" -, und drängt ihm den Kampf auf.

"Den Alten einfach auf die Fahrbahn schubsen, ... wenn das nächste Auto kommt ..., dann einfach weitergehn, ... der jungen Mutter mit Kind einfach eins in die Fresse schlagen und ... weiter gehen ...", so skandiert der Chor am Anfang des Stückes im Theater an der Parkaue. Der Chor, das sind Jugendliche in hellen Jacketts und Kniehosen, sie zelebrieren Trainings- und Gruppengehorsam: "Ihr werdet draufgehn, wenn ihr den Nachstellschritt nicht mit dem Hopserhüpfer verbinden könnt." Das ist Fitnesskult mit Aberwitz und zugleich zeigt es Übungen einer Unterordnung ohne Sinn, eben: "Ertüchtigung".

Der helle, gestylte, unifome Chor bildet die Folie für die dunkleren Charaktere. Hildebrand, Lutz Dechant, und Dietrich, Peter Preigann. Im alten Stahlhelm schlagen sie sich durch, sie schlagen tot und rauben, marodierende Männer im Märchenwald. Franziska Ritter und Katrin Heinrich, Mutter und Braut, sprechen laut, schnell und genau den althochdeutschen Text als Totenklage für Hadubrand. Man hört in der Sprache förmlich die Schilde splittern: ... "sunufatarungo iro saro rihtun". Das wirkt enorm; so etwas schafft kein Unterricht.

Der stärkste Text, den Lutz Dechant am Schluss wunderbar spricht, erzählt wieder vom Alten vor der Fahrbahn am Bahnhof Frankfurter Allee in Lichtenberg. "Hildebrand" will mit dem Rolli über die Straße, er zieht ihn aber verängstigt in die Parklücke zurück und wartet, bis eine Gruppe von 16-Jährigen vorbei gegangen ist. Jugend und Gewalt, so sieht sie alltäglich aus. Ihre minutiöse Beschreibung kann auch eine Art Bannung sein.

Das Ende der Handschrift des Hildebrandliedes fehlt, aber nach der Logik der Geschichte tötet der Vater den Sohn. In den Nibelungen trinken die "Helden" in der brennenden Halle vor Durst das Blut der Toten, sie fallen einander mit Wut in die Schwerter, bis Hildebrand Kriemhild zerspaltet. Die beiden alten Geschichten handeln hauptsächlich von Gewalt. Die Texte sind sprachlich wunderschön, sie enden tragisch und ohne jede Erlösungs- oder Heilsverkündung. Beide Stoffe gehen historisch zurück auf das fünfte Jahrhundert, die Zeit des Untergangs von Rom, der Hunneneinfälle, der Völkerwanderungen, der Verwandtenmorde aufgrund von Fehden über Beute, Kronen, Frauen.

Wagner und Hebbel haben den Mythos in ihre Nibelungendichtungen aufgenommen, das Lied selber erzählt davon wenig. Die germanische Mythologie, die erst aufgeschrieben wurde, als das Christentum sich ausbreitete, hat eine sehr dunkle Seite. Ungeheure Untergänge werden vorausgesagt, Feuer und Wasser und Fenris, der Wolf, verschlingen Götter und Welt. Mythologische Zeichen benutzen die jungen Rechten gerne. "Wotans Krieger" schreiben sie auf ihre Hemden. Hass singen sie. Gewalt verehren sie. Was Runen sind, was eine Nation ist, lernen sie schlecht, "nie mit den eigenen Worten." Die soziale Kränkung erzeugt Hass. Irrationale Abgrenzungsrituale und Gruppenbindungen bilden sich. Neuer Nationalismus nährt verletztes Selbstwertgefühl. Besser gestimmte Fußball-Fans haben sich vorgenommen, lieber nicht "Deutschland, Deutschland" zu schreien, sondern nur "Schland! Schland!".

"Töten, Abstechen, Töten, Durchbohren, Aufspießen, Abschlachten, in Stücke schneiden", so schreien die Burgunder auf dem Spielpodest in Tegel, als sie Siegfried satt haben. Freiluftgefangenentheater, das Wort hat es in sich. "Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft", steht im Programmheft und Heiner Müller wird zitiert: "Die Nibelungen, ... immer noch der deutscheste aller deutschen Stoffe." Deutschland, Deutschland! schallt es aus den Gefängnisfenstern von einer CD. Unten auf dem Rasen des ehemaligen Sportplatzes findet die Premiere statt, es gibt ein Podest und einen großen schwarzen Kasten, der ist Burg, Turm, Zinne, Halle. Die Kostüme, Hosen und Jacken haben die Armee-Tarnfarben. Zeltplanen dienen als Umhänge oder Röcke, dazu nackte Oberkörper manchmal. Die großen Charaktere der Überlieferungen werden abgeschliffen.

Ein schöner Siegfried mit langem Haar und Bart macht seine Ausfallschritte mit dem hölzernen Schwert. Er zeigt den Helden her, mehr so zum Spaß. Ein kleiner, lauernder Gunther krümmt sich. Tom, der eine starre Kriemhild darstellt, hat eine rote Armbinde wegen ihrer "roten" Ideen einer Erneuerung der Welt; das ist ein Motiv aus Moritz Rinkes Text. Brunhild steht stark im Fleische mit einer kreuzweis gegürteten nackten Brust. Frank spielt sie gut, die Gekränkte. Die Doppelhochzeit wird zum bösen Witz. Liebeswerben und Eheschluss, Gunthers Versagen und Siegfrieds Taten, Kriemhilds und Brunhilds Streit werden mit Formeln der Alltagssprache ins Komische getrieben. "Was bildet die sich ein!" Die Profanisierung wird vom Publikum dankbar angenommen. Nur im heiteren Wettkampf um die beste Metapher für die Verherrlichung einer Frau, Mond oder Morgenrot, kommt so etwas wie die Poesie der alten Liebesgeschichte auf.

Die Texte haben Höhenunterschiede, einige erscheinen zu aufgesetzt, andere leben. Der Europawahn und die Durchhalteparolen, für die man die Nibelungenlegende missbrauchte, werden gewichtig zitiert. Manchmal erklären einzelne Ausrufer die Zusammenhänge: "Nibelungen nannten sie sich, seit sie den Schatz in ihrem Besitz hatten." Die mehrfach wiederholten Rufe: "Die Hunnen kommen!", "Jetzt noch nicht, später!" erhalten ihren aktuellen Hintersinn.

Beim Singen von Soldatenliedern, zum Beispiel Hundert Mann und ein Befehl, beim heftig im Chor wiederholten Vaterunser sind die verdrängten Bedrängnisse von Gefangenen zu hören. Das Kriegspielen selber aber, das Gegeneinander-Rennen mit Stangen und Holzschwertern bleibt für eine Auseinandersetzung mit Gewalt auf einem Gefängnishof erstaunlich bedeutungsleer. Um Heldenwahn und Kriegsgräuel zu demonstrieren, dafür ist die Choreographie wohl nicht streng genug. Auch das mörderische Ende der Nibelungen bleibt mehr ein Tableau. Am besten wirkt noch Attilas nüchterner Satz: "Meine Frau will Hagen, ich will den Hort!"

Die an den Zellenfenstern rufen manchmal "Kinderficker", "Hure" "Buh"; sie stören nichts, sie verstärken aber auch nichts, seltsam. Es sitzen die Freunde und Verwandten der Häftlinge in der Premiere, nach dem Applaus kommen die Spieler auf sie zu. Umarmungen und liebevolle Fragen. "Hagen, wie geht es dir?" Hagen hat früher mitgespielt, jetzt ist er raus und besucht seine Freunde, die drin sind.


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00:00 16.06.2006

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