"Gewinne sind keine Schande"

Social Business Darf man im gemeinnützigen Bereich Geld verdienen? Friedrich Kiesinger wollte psychisch kranken Menschen Arbeit geben. Und gründete ein fast ganz normales Unternehmen

Herr Kiesinger, es gibt Menschen, die behaupten, soziales Engagement und Unternehmertum widersprächen einander grundsätzlich.

 

Friedrich Kiesinger:

Das ist Quatsch. Es gibt viele Beispiele, die das Gegenteil belegen: Großfirmen wie Bosch, aber auch mittelständische Unternehmen, die sich in ihren Gemeinden engagieren, ehrenamtliche Tätigkeiten übernehmen oder besondere Kontingente an Ausbildungsplätzen anbieten.

 

Mit der Pegasus GmbH führen Sie ein Unternehmen, das es sich zum Ziel gesetzt hat, psychisch und physisch Kranke wieder in Arbeit zu bringen. Warum wollten Sie nicht ein gemein­nütziger Verein bleiben, als der Sie ja angefangen haben?

 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich vielen psychisch kranken Menschen nicht durch therapeutische Mittel allein helfen konnte. Viele waren arbeitslos, hatten Schulden und private Probleme. Wenn Menschen mit körperlichen oder psychischen Handicaps aus dem gemeinnützigen Bereich heraus vermittelt werden, sagen normale Firmen aber oft: ‚Ach, die wurden ja nur von Sozialarbeitern und Psychologen gepampert.‘ Sie nehmen diese Menschen nicht ernst. Deswegen haben wir eine ganz normale gewerbliche Firma gegründet und zeigen dadurch, dass man diesen Menschen mit einem Unternehmen helfen kann.

 

Was bedeutet es für die Menschen, wenn sie durch Pegasus auf den ersten Arbeitsmarkt zurückkehren können?

 

Sie bekommen Normalität – einen Rhythmus von Anspannung, Entspannung und Erholung. Sie freuen sich zusammen mit Kollegen, wenn Arbeiten gut gelungen sind. Sie streiten sich aber auch mal ganz normal. Und sie bekommen ihre Unabhängigkeit zurück, weil sie ihr eigenes Geld verdienen.

 

Und damit ist alles gut?

 

Nein, wir haben etwa langzeitarbeitslose Menschen mit seelischen oder körperlichen Problemen in Gastronomie- und Handwerksbereichen eingestellt. Die Menschen haben ihre Erkrankungen und Handicaps nicht unbedingt ver­loren, sondern haben durchaus Phasen, in denen sie wieder Symptome entwickeln – aber sie bleiben im Kontext der Kollegen und der Aufgaben eingebunden.

 

Sie wollen den Menschen vor allem durch "wertstiftende Arbeit" helfen. Was bedeutet das für Sie?

Das ist erst mal eine Tätigkeit, die zu dem Menschen passt. Ich kann keinem Menschen eine Arbeit überstülpen, der eigentlich etwas ganz anderes machen will, und dann sagen, es sei wertstiftend. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, gemeinsam mit den Betroffenen herauszufinden, was sie möchten. Wichtig bei wertstiftender Arbeit ist auch das Umfeld, in dem gearbeitet wird. Das hat viel mit dem Gefühl von Gemeinschaft zu tun, das einem ermöglicht, zu lernen, Konflikte zu bewältigen. Und auch mit dem Gefühl, dass man Fehler machen und mal krank sein darf.

 

Das scheint zu funktionieren. Pegasus ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen. Warum gibt es kaum Nachahmer?

 

Im gemeinnützigen Bereich herrschte in den vergangenen Jahrzehnten eine Mutter-Teresa-Einstellung vor: Für eine Dienstleistung an der Gesellschaft darf man kein Geld nehmen! Viele Linke sind in den gemeinnützigen Bereich hineingegangen, um sich zu engagieren. Gleichzeitig bedeutete aber Gewerbe auch Kapitalismus und war daher etwas Negatives, gerade in Deutschland. Über lange Jahre wollten sich Vertreter, vor allem meiner Generation, die Finger nicht schmutzig machen mit gewerblichen Projekten. Kulturell hat sich da in den letzten Jahren etwas verändert. Das Social Business ist eine neue Form des Unternehmertums. Die Leute lernen, dass es keine Schande ist, mit normalem wirtschaftlichem Handeln im sozialen Bereich Geld zu verdienen, wenn es ethisch ist.

Welche Voraussetzungen braucht man für Social Business?

Das Wichtigste ist die Freude am Gestalten. Diese Art, in die Welt zu gehen und zu sagen: Ich bin da, lasst uns was tun. Dazu sollte man sich in Netzwerke begeben und seine Unternehmung gut vorbereiten, denn Social Business ist vor allem auch ein hartes Geschäft.

Die Anforderungen des Arbeitsmarkts sind insgesamt gestiegen. Die Zahl psychischer Erkrankungen hat in den letzten Jahren zugenommen. Gibt es Unternehmen, die gezielt auf Sie zukommen, um Ihren Rat einzuholen?

Noch nicht. Aber genau das wollen wir. Wir wollen so bekannt werden und uns mit anderen seriösen Trägern, staatlichen Stellen und Forschungseinrichtungen vernetzen, dass andere Unternehmen auf uns zukommen, um bei uns anzufragen, wie sie den psychischen Druck in ihrem Unternehmen reduzieren können. Ich sehe ja auch in meinem Alltag, dass da mal ein Kollege länger ausfällt, weil er einen Burn-Out hat, und mir das selbst als Psychologe nicht vorher aufgefallen ist, weil ich ihm in einem Unternehmen, in dem mittlerweile 130 Menschen arbeiten, nicht so nah sein konnte. Da lernen wir selbst sehr viel. Und deshalb ist mir auch bewusst, was es für ein größeres Unternehmen bedeutet, wenn Mitarbeiter erkranken und spezifisches Wissen fehlt. Da gerade in den Industriestaaten psychische Erkrankungen zunehmen, ist es wichtig, etwas zu tun.

Pegasus erhält auch Aufträge großer Unternehmen, wie zum Beispiel der Deutschen Bahn AG. Verändert sich Ihre Firma durch die Zusammenarbeit mit 'reinen' Wirtschaftsunternehmen?

Ich glaube, ein Unternehmen verändert sich mit jedem Kunden oder Partner. Wenn ich einen Geschäftspartner habe, dessen Unternehmenskultur für mich wichtig ist, weil ich gemeinsam mit ihm etwas umsetzen will oder eine Dienstleistung anbieten will, dann verändere ich mich, weil ich mich auf ihn einstelle.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir haben das gemerkt, als wir mit einer großen Hotelkette aus dem Low-Budget-Bereich gearbeitet haben. Wir haben täglich viele Hundert Essen produziert und standen unter großem Leistungsdruck, weil wir sehr häufig um­disponieren mussten. Mal hat eine Gruppe bestellte Essen abgesagt, dann waren die Zuständigkeiten bei der Firma, die uns den Auftrag gegeben hatte, nicht klar. Das hat sich dann langsam immer mehr hochgeschaukelt. Wir waren nicht zufrieden mit denen, die waren nicht zufrieden mit uns, und irgendwann fiel der Auftrag ganz weg.

Wie haben Sie reagiert?

Das bedeutete: Wir mussten entlassen, wie das bei jeder anderen Firma auch der Fall wäre. Und wir mussten schnell neue Aufgaben finden. Natürlich verändert so ein Einschnitt auch die Struktur in unserem Unternehmen. Das ist ein normaler Prozess. Wir haben dann versucht, die Art der Arbeit zu verändern und nach Aufträgen gesucht, für deren Vorbereitung uns mehr Zeit zur Verfügung steht. Insgesamt ist es für uns wichtig, dass wir nicht mit Unternehmen zusammenarbeiten, die massiv gegen die Werte, die wir vertreten, verstoßen.

Benutzen andere Unternehmen Pegasus nicht auch als "Feigenblatt", um soziales Engagement vorzutäuschen?

Ich selbst habe bisher keine negativen Erfahrungen gemacht. Das Problem ist mir aber schon bewusst. Ich habe eine Strategie, mich davor zu schützen: Ich vertraue Gesichtern und einem Handschlag mehr als irgend­welchen Anwälten und Papieren. Ich gehe davon aus, dass die zentralen Personen, mit denen ich etwas ausmache, sich auch dafür einsetzen, dass die Zusammenarbeit nicht falsch gedeutet wird.

Das Gespräch führte Michael Götting

Friedrich Kiesinger, Jahrgang 1952, studierte Jura und Psychologie. Gemeinsam mit seiner Frau gründete er 1998 in Berlin die Pegasus GmbH. Ziel war es, Arbeitsplätze für sozial Benachteiligte zu schaffen. Mehr als 130 Angestellte mit psychischen und physischen Handicaps arbeiten derzeit in den Bereichen Catering, Gartenbau, Gebäudereinigung und in anderen Branchen.

11:00 14.08.2011

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