Gewisse Fragen

Linksbündig Annette Schavan, Perversion und die Geständniskultur

Man muss sich eine Baden-Württembergische CDU Regionalkonferenz als Big Brother Container vorstellen. Oder als ein Dschungelcamp mit eingebauten fiesen Fallen. Mal sehen, wie eine hyperkatholische Anwärterin auf einen Ministerpräsidentenposten reagiert, wenn man ihr böse Flugblätter hinlegt oder öffentlich biblische Fragen stellt, ihre sexuellen Vorlieben betreffend. Kamera läuft.

Annette Schavan fand sich in der vergangenen Woche einer paradoxen Sprechsituation ausgesetzt: Auf die öffentlich direkt oder indirekt gestellte Frage, ob man lesbisch sei, kann man nämlich nur mit Ja antworten. Jede anders lautende Antwort gilt allerhöchstens als Dementi. Ist der L-Verdacht einmal in der Welt, kann er nur bestätigt, nicht aber nachhaltig entkräftet werden - es sei denn durch Erweis einer anderen Perversion von gleichwertigem Rang.

Schavan hat dementiert. Ihr fehle - oft wurde es zitiert - "Eignung, Lust und Neigung" ... "dazu". Schlimm, dass Schavan die Unterstellung, sie sei lesbisch, nicht als schmeichelhaftes Kompliment, sondern als "Rufmord" wertet. Schlimm, dass hier mit einem Privatleben, das niemanden etwas angeht, Politik gemacht wird. Schlimm, dass als patriarchaler Usus ungebrochen fortlebt, Frauen - niemals Männer - inquisitorisch für Kinder- und Ehelosigkeit zur Rechenschaft zu ziehen. Und schlimm, dass eine Politikerin in gehobener Position hierzulande immer noch nicht ganz normal lesbisch sein könnte, wenn sie´s wäre.

Schlimm, aber nicht der Kern der Sache. Denn es geht hier nicht um Homosexualität, es geht um Gewissensprüfung. "Im Abendland ist der Mensch ein Geständnistier geworden", schreibt Meister Foucault. Und die von Schavan bevorzugte Religionskultur hat viel Mühe darauf verwendet, uns den Beichtstuhl in die Köpfe und die Herzen zu prügeln, uns mit dem unnachgiebigen "Willen zur Wahrheit" zu tränken. Dabei kommt es - ganz katholisch - nicht so sehr auf den Inhalt, sondern rein auf die Tatsache des Geständnisses an, das immer eine Unterwerfungsgeste mit Versprechen auf Erlösung ist. Insofern hat Schavan dem Tribunal Genüge getan, ein "Ja" hätte Baden-Württemberg erschüttert, aber den Geständnisapparat genauso befriedigt wie das "keine Neigung". Man weiß jetzt zwar immer noch nicht, ob sie nicht vielleicht doch lesbisch ist, aber man weiß sicher, dass sie geredet hat. Dafür gab´s Beifall.

Wes Geistes Kind bist du? Bekenne dich. Das Geständnis hungert nach Identität. Als der amtierende Berliner Bürgermeister, passionierter Knutschbär, neulich eine Frau in der Öffentlichkeit küsste, titelte Bild sofort: "Wowereit nicht mehr schwul?" Der Witz war gut. Alle Outings von Politikern, sei es das Ole von Beusts, Guido Westerwelles oder auch Wowereits, sind mehr oder weniger erzwungen, sie entstehen unter enormem Druck, und wo sie von den Betroffenen selbst lanciert sind, geschieht es, um sich verdichtenden Gerüchten zuvor zu kommen. "Wer ist schneller?", heißt das Spiel und seine erste Regel lautet: Die eingestandene Sünde wird verziehen, beizeiten gar mit Gunst vergolten, doch wehe, der liebe Gott spürt´s selber auf. Willkommen säkulares Christentum.

Was schafft Ruhe vor diesem Hasch-Mich-Lauf der Identifizierung? Der "Schutz des Eigenen" ist sicherlich nur eine vorübergehende und keinesfalls die letzte Lösung, denn die sogenannte Privatsphäre ist Bestandteil der Geständniskultur. Solange dieses mächtige Begehren nach Identifizierung, Normierung und Wissen besteht, solange wird es die geheimen Ecken geben, die ausgeschnüffelt werden wollen, und deren Entlarvung man nur durch das erlösende Geständnis zuvorkommen kann. Die traurigste Schwundstufe der ganzen Chose ist überdies Big Brother, dieser nach außen gestülpte Beicht-Container. Der Exhibitionismus der Nobodies per Internet und TV kann als "Hyperöffentlichkeit" bezeichnet werden, als die finale Persiflage und Verselbständigung der christlichen Geständniskultur in Über-Ich-schwachen Zeiten. So weit ist die CDU Baden-Württemberg noch lange nicht. Aber vielleicht kann man sich eine Welt vorstellen, in der Annette Schavan sagt, sie sei lesbisch, und niemand hört hin.


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00:00 03.12.2004

Ausgabe 39/2020

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