Gewöhnliche Umstände

Was läuft Über schwangere Ermittlerinnen in „Fargo“, nach „Fargo“ und über „Fargo“ hinaus
Gewöhnliche Umstände
„I'm not sure I agree with you a hundred percent on your police work, there, Lou.“ Marge als schwangere Ermittlerin in „Fargo“

Foto: Cinema Publishers Collection/Imago

Sehr früh am Morgen wird Marge Gunderson von einem Anruf wach geklingelt. Im Bett wär’s so schön warm, draußen in North Dakota ist klirrend kalter Winter. Wie man es von der lokalen Polizeichefin erwarten kann, steht Marge trotzdem auf, frühstückt, fährt dann in Dienstkleidung, zu der Fellmütze, Parka, Fäustlinge und Schneestiefel gehören, zum verschneiten Tatort eines Dreifachmordes, macht sich ein Bild von der Lage. Gelassen, routiniert folgt ein Ermittlungsschritt dem anderen. Marge stellt Fragen, zieht die richtigen Schlüsse und bahnt sich einen relativ geradlinigen Weg durch das blutige Chaos, das eine Reihe weit weniger vernünftiger Männer angerichtet hat.

Marge Gunderson ist eine Polizistin, die ihren Job macht. Allerdings haben ihr die Coen-Brüder, Virtuosen der grotesken Zuspitzungs- und Übertreibungskunst, in ihrer Komödie Fargo (1996) eine fortgeschrittene Schwangerschaft auf den Leib geschrieben. Nur um in einer weiteren Drehung, im Verein mit der famosen Charakterdarstellerin Frances McDormand, die gemeine Erwartung ins Leere laufen zu lassen, dass dieser Umstand besonders lustig sein könnte. Komik wird in Fargo mit Worten, Mimik und Gebiss gemacht.

Landei Marge darf als die bis heute bekannteste schwangere Ermittlerin der Filmgeschichte gelten. Im Fernsehen leistete in den 80er Jahren ihre New Yorker Kollegin Mary Beth Lacey als Teil des Duos Cagney & Lacey Pionierarbeit: Die tatsächliche Schwangerschaft von Schauspielerin Tyne Daly musste in die Handlung der fünften Staffel integriert werden, daraus wurde die erste „prime time pregnancy“ im US-TV, Sparte Drama. Das lesenswerte Feature, das Karen Stabiner diesem Umstand 1985 in der New York Times widmete, trägt den Titel The Pregnant Detective.

Spätestens seit der Jahrtausendwende ist die Idee, dass weibliche Ermittler schwanger werden können und ihren Beruf im Rahmen der arbeitsrechtlichen Bestimmungen weiter ausüben, im Krimiserienalltag angekommen – seit sich Deputy Molly Solverson in der TV-Serie Fargo (2014) wieder die beige Umstandsuniform angezogen hat, scheint man in Drehbuchwerkstätten weltweit auf dieses Figurenmodell zu fliegen.

Anders als in John Le Carrés Romanvorlage wurde in der BBC-Serie The Night Manager (2016) kein MI6-Agent, sondern eine Agentin mit Babybauch im Kampf gegen einen skrupellosen Waffengroßhändler eingesetzt – dargestellt von der tollen Olivia Colman (deren Schwangerschaft die entsprechende Drehbuchänderung erst nötig machte). Wie eine Reminiszenz an Frances McDormands Marge wirkt die hemdsärmelige Anna Maria Mella (Eva Melander) im Schwedenkrimi Rebecka Martinsson (2017).

Detective Inspector Helen Weeks (MyAnna Buring) hingegen muss sich in In the Dark (2017) nicht nur mit einem Kriminalfall beschäftigen, der ein traumatisches Erlebnis aus ihrer eigenen Kindheit in Erinnerung ruft. Ihre Schwangerschaft wird auch davon überschattet, dass als Vater sowohl ihr Lebensgefährte als auch ein Kollege, mit dem sie eine Affäre hatte, in Frage kommt. Die Macher von Dark sahen sich bei Ausstrahlung in Großbritannien übrigens mit einem Shitstürmchen konfrontiert – beanstandet wurde allerdings der angeblich übertrieben große, künstliche Schwangerschaftsbauch.

Ein solches Requisit zum Umschnallen diente der australischen Streifenpolizistin Miranda Hilmarson (Gwendoline Christie) zur Vorspiegelung falscher Tatsachen: In Top of the Lake: China Girl (2017) stellte Jane Campion zeitgenössische Möglichkeiten des Kinderkriegens (inklusive Adoption, IVF und Leihmutterschaft) nämlich gleich ins Zentrum der Handlung.

Die Bandbreite der (erzählerischen) Einsätze von schwangeren Ermittlerinnen reicht mittlerweile eben vom (einst) emanzipatorischen Statement über das Kalkül, dass eine werdende Mutter in Distress mehr Empathie und Spannung verspricht, bis hin zum möglichst beiläufig gesetzten Normalitätsindiz. Wie bei Detective Inspector Kip Glaspie (Carey Mulligan) in der britischen Miniserie Collateral (2018): Erst im aschgrauen Overall am Tatort zeichnet sich überhaupt ab, dass die Ermittlerin im sechsten Monat schwanger ist. Für die Serie ist das der allernormalste Umstand.

Nachdem das geklärt wäre, könnte man sich anderen Lebensphasen zuwenden. Als Vorreiterinnen stünden auch hier Cagney & Lacey bereit – mit ihrem Box-Set The Menopause Years.

06:00 21.07.2018

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