Anna Gielas
17.10.2010 | 10:00

Gezeter, Trotz, Duellpistole

Royal Society Die Royal Society, eine der ältesten Wissenschaftsakademien, wird 350 Jahre alt. Ihre Gründer hatten hohe Ideale, führten sich aber oft auf wie Halbstarke

Sie nannten sich das „Unsichtbare Kollegium“ und revolutionierten die Forschung in ihrem Land: Mitte des 17. Jahrhunderts zogen zwölf Engländer aus, um eine Grenze zwischen Wissenschaft und Humbug zu ziehen. „Nullius in verba“ – nichts in Worten“ war ihr Credo. Als wissenschaftlich sollte nur noch gelten, was nicht bloß als Vermutung formuliert, sondern durch Experimente bewiesen werden konnte. Die Mitglieder des „Unsichtbaren Kollegiums“ riefen einige Jahre später die Royal Society ins Leben. Die Institution ist eine der ältesten Wissenschaftsakademien: 2010 feiert sie ihr 350-jähriges Bestehen.

„Wer waren diese Männer? Was trieb sie an“. Der Wissenschaftshistoriker Steven Shapin ist den Biografien der „unsichtbaren Kollegen“ nachgegangen und holt sie in seinem gerade erschienenen Buch Niemals unbefleckt aus dem Schatten der Jahrhunderte hervor. Robert Boyle etwa, den bedeutendsten englischen Wissenschaftler vor Isaac Newton. Der zölibatär und gemeinsam mit seiner Schwester lebende Forscher gilt zu jener Zeit als das führende Mitglied des Kollegiums. Ihn und seine elf Verbündeten beschreibt Shapin in seinem Buch. Der Untertitel des Werkes fasst wortreich zusammen: „Historische Untersuchungen zur Wissenschaft, als stamme sie von Menschen aus Fleisch und Blut, die in Raum, Zeit, Kultur und Gesellschaft verhaftet waren und nach Glaubwürdigkeit und Autorität strebten.“ Was so ernsthaft klingt, wie es sich zunächst in merkwürdigem Verhalten äußerte.

Empirie durch Genugtuung

Die eigene Glaubwürdigkeit verteidigte ein Forscher damals nämlich nicht nur per Becherglas und Flamme, sondern im Zweifelsfall auch gerne per Duell. Das empirische Prinzip in diesen Fällen: Wer länger auf den eigenen Beinen blieb, hatte recht. „Die Zeit zwischen 1695 und 1710 war geprägt von Gezetter und Gerangel“, resümiert Shapin. Zeitweilig geriet die Forschung völlig in den Hintergrund – im Vordergrund drängten sich persönliche Animositäten oder blanker Trotz. Zum Beispiel bei Christopher Wren: Wren war ein Star-Architekt. Die Londoner St. Paul`s Cathedral geht auf seine Entwürfe zurück, ebenso wie 50 andere Kirchen in der englischen Hauptstadt. Als ihn Beamte darauf aufmerksam machten, dass eine seiner Kirchen eine Stützsäule zu wenig habe, beharrte Wren darauf, dass die Säule nicht nötig sei. Er hatte auch recht, aber wissenschaftliche Argumente halfen nicht: Die Säule musste her. Dennoch behielt Wren das letzte Wort: Er ließ die Säule zu kurz bauen, so dass sie das Dach gar nicht abstützte. Den Beamten fiel es nicht auf, die Kirchendecke hielt.

Auch Wren war dabei, als sich das „Unsichtbare Kollegium“ an einem Novemberabend 1660 im Londoner Gresham College traf, um neue Wege einzuschlagen. Man wollte einen „Zusammenschluss von Augen und Händen“ – Erkenntnisse austauschen, einander mit Experimenten helfen, Instrumente teilen. Das hatte praktische Gründe: Die Preise für Teile einer Luftpumpe etwa lagen so hoch, dass es in England nur zwei oder drei Exemplare gab. Boyle brauchte eine, um sein Gesetz über den Zusammenhang zwischen Druck und Volumen von Gasen zu formulieren. Entsprechend erregte er sich über „die Unfähigkeit der Assistenten, die feinen Instrumente ohne Glaszerbrechen und dem Schreddern anderer Materialien herzustellen“.

Kaufleute und Händler blieben ausgesperrt

Trotz tollpatschiger Helfer erwies die Royal Society sich als finanziell vorteilhaft: Besonders weniger gut betuchten Forschern bot sie die Möglichkeit, ihre Projekte umzusetzen. Sie wollten „die kleinen Maschinen der Natur sichtbar machen“, wie der Naturforscher Robert Hooke festhielt. Das mechanistische Weltbild vertrat er ebenso wie Boyle, dessen Lieblingsassistent er war. Man kannte einander gut, teilte Ansichten und Theorien.

Vertrauen war in der damals noch kleinen Gemeinschaft der Experimentierenden besonders wichtig. „Der englische Philosoph John Locke gab sogar den Rat, die plausible Erklärung von jemandem, der keine Kredibilität geniesse, abzulehnen“, schreibt Shapin. Stattdessen solle man sich lieber dem Unplausiblen zuwenden, das von einem glaubwürdigen Zeitgenossen stamme. Als kredibel galten damals nur echte Gentlemen. Niedere Schichten, Frauen sowie religiöse Minderheiten blieben von der Royal Society ausgeschlossen.

Dieses Los teilte auch der Philosoph Thomas Hobbes. Dem Verfasser des Leviathan, so der Vorwurf und die Bedenken der Wissenschaftler, teile nicht ihre Auffassung über die Bedeutung von Experimenten. Der Philosoph revanchierte sich in Form einer Schmähschrift. Boyle konterte mit einer 100-Seiten Schrift, in der er die mangelnden intellektuellen Fähigkeiten „seines Feindes“ adressierte. Adlige dagegen konnten auch ohne wissenschaftliche Leistungen Mitglieder der Royal Society werden, mussten hernach jedoch partizipieren. Eine ihrer Aufgaben war die Bezeugung von Experimenten. Die wirtschaftliche Elite der Kaufleute und Händler wiederum wurde ausgesperrt, weil sie aus den Erfindungen und Erkenntnissen der Wissenschaft hätten Gewinn schlagen wollten, befürchtete die Forschertruppe.

Fliegen! Nie schlafen müssen!

Was als Wissen galt, blieb zunächst noch diffus: In einer Zeit, in der es neben neuen Disziplinen wie Chemie und Physik nach wie vor Alchimisten gab, berief sich selbst Robert Boyle auf deren Erfahrung: „Ich mag ihre Spekulationen und Zwecke nicht teilen, aber die sorgfältige und detaillierte Durchführung ihrer Versuche kann uns vom Nutzen sein.“ Eine Nähe, die nicht einmal den König schreckte: Charles II. erlaubte der Royal Society, das königliche Wappen im Emblem zu führen. Damit verlieh er der Einrichtung Glaubwürdigkeit und Ansehen.

Einer der leitenden Gründungssätze der Institution blieb jedoch die Forderung, keiner Autorität zu gehorchen. Es ging einzig und allein um die Wissenschaft. Ihre Förderung sollte oberste Priorität genießen. Das bedeutete auch, möglichen Ekel beiseite lassen: Boyle fischte in Urin und Fäkalien nach Phosphaten, andere Forscher gingen den Bestandteilen von Spucke nach. Nicht unbemerkt, versteht sich: Der englische Satiriker William King nahm den profunden Einsatz mit Freude aufs Korn.

Die Mitglieder der Royal Society störte das wenig. Sie zeigten sich gern selbst respektlos – das Werk antiker Philosophen Sokrates und Aristoteles bezeichnete der Physiker Henry Power etwas als „old rubbish“ – alten Mist.


Austeilen und Einstecken zu können hatte aber auch Vorteile: Die Mitglieder der Royal Society teilten einander gescheiterte Experimente mit. Das war nicht nur hilfreich für das Vermeiden zukünftiger Fehler. Es galt auch als Zeichen guten Forschercharakters. Rückgrat brauchten die Forscher der jungen Royal Society in der Tat, „denn die neue Philosophie stellt alles in Zweifel“, schrieb ihr Zeitgenosse, der englische Dichter John Donne. „Alles liegt in Stücken, jeglicher Zusammenhang ist verschwunden.“ Seit Kopernikus sei die Sonne verloren, ebenso die Erde – und keiner wisse wirklich, wo der Mensch innerhalb des Weltalls stehe. Das Kollegium hatte die Antworten der Bibel gegen Ungewissheit und das Tappen im Dunkeln getauscht – und gegen hohe Ziele und Träume. Auf Boyles Wunschliste, die der Forscher 1662 verfasste, steht: Die Zurückerlangung der Jugend, die Kunst des Fliegens, Freiheit vom Bedürfnis des Schlafes sowie die Erschaffung eines ewigen Lichts.

Steven Shapin The Johns Hopkins University Press 2010, 568 S., ca. $ 30,00