Gezielte Schläge

Kommentar Krieg und Diskurs

So viel Diskurs war nie. Der 11. September 2001 hat die sprachmächtige Fassungslosigkeit, mit der das erste geklonte Schaf oder der Fall Berliner Mauer aufgenommen wurden, weit in den Schatten gestellt. Seit den New Yorker Schreckenstagen hat ein feuilletonistisches Flächenbombardement ohnegleichen eingesetzt. Bei dem man das Ereignis fast nicht mehr sehen konnte. Aber wie soll man das wichtigste Ereignis seit dem Erdbeben von Lissabon auch anders verarbeiten? Weit öffneten sich die Bordklappen der Kulturteile zu intellektuellen Reihenabwürfen. Gelegentlich waren Brandsätze darunter. Cora Stephan setzte breitflächig Streubomben gegen "Dichter, Denker und Fernsehintellektuelle" ein. Wollte gleich alle erlegen, die wieder ihrer Suggestion von der "Maßlosigkeit amerikanischer Vergeltung" erlegen seien: "Haben das nicht die meisten unserer Dichter und Denker getan?". Andere bevorzugten gezielte chirurgische Schläge. Aktion "Infinite Häme" - die bewährten Dreckschleudern Reinhard Mohr und Henryk M.Broder starteten früh mit ein paar schon leicht scheppernden Cruise Missiles gegen die Gespenster der Antiamerikanisten. Florian Illies, Musterschüler der Generation Golf, durfte zum Sonntagszeitungsfrühstück die Friedensbewegung mit höhnischem Mitleid bombardieren. Es mangelt nicht an neuen Rollendiktaten. So dekretierten Stephan oder Jens Bisky, die Friedensbewegung müsse nun den Krieg mit "Regeln" rationalisieren, sozusagen den Linienrichter am Spielfeld des Unvermeidlichen abgeben. Francis Ford Coppola hatte diesen Spezialauftrag der Aufklärung schon in Vietnam abgehakt. "In diesem Krieg ist alles durcheinandergekommen" lässt er in Apocalypse Now die Vorgesetzen von Captain Willard verzweifeln: "Politik, Moral und Strategie". Auf dessen Weg zu dem zum durchgeknallten Gotteskrieger mutierten amerikanischen Offizier, der sich irgendwo im kambodschanischen Dschungel verschanzt hält, verlieren sich Sinn und Ziel des Feldzuges in Blut und Mythos. Schließlich nutzte noch eine seltsame Kriegskoalition aus abendländischen Fundamentalisten und verbitterten Alt-68ern, die sich allzu lange ins historisch unverdiente Abseits gedrängt wähnten, die Gelegenheit und spielte Spaßgesellschafter und Popliteraten versenken.

Egal, wie man zu seinen Argumenten steht. Auffällig für diesen Diskurs ist das merkwürdige Missverhältnis zwischen essayistischer Erregung und öffentlicher Ruhe. Und es gibt keine direkte Feindberührung mehr. Die Brandbomben der Erkenntnis werden aus großer Höhe fallengelassen. Der Starke erscheint stark vor allem aus der Distanz. Den verschwitzten Nahkampf der Argumente überlässt man gerne den Basisaktivisten von Attac, die man später aus hoheitsvoller Entfernung dafür geißeln kann, dass sie sich ja doch nur wieder wohlig im Schlafsack der naiven Utopie räkeln. So gleicht der Diskurs mitunter zum Verwechseln dem, was er reflektieren will. Der Krieg ist eben doch der Vater aller Dinge.

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00:00 26.10.2001

Ausgabe 42/2021

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