GGG – als Gysi an Schwule und Lesben dachte

Unter Linken Von Verrätern und Verhandlungen. Insiderwissen aus der Sphäre der Linken, Folge 1
| Ausgabe 46/2013

So einfach ist das Leben nicht, dass wir mit einem einzigen guten Grund tun oder lassen, was wir tun oder dann doch besser lassen: Es gibt immer Haupt- und Nebengründe. Nicht nur in Ihrem und meinem Leben ist das so, sondern auch in der Politik – ich komme soeben aus dem Bundestag, aber nicht von der Besuchertribüne. Ich habe die vier Jahre der letzten Legislaturperiode als Berater der Linksfraktion verbracht, für meinen Freund Gregor Gysi. Vom Berater zum Verräter, wie man mir vielleicht vorwerfen könnte, jetzt, wo ich die Seiten gewechselt habe. Von Innen nach Außen, vom Insider zum Beobachter, und natürlich bringe ich mein Insiderwissen dabei mit und gebe es nicht an der Tür des Bundestages ab. Aber ich bitte Sie: Alles im Namen der Republik, der res publica, der öffentlichen Angelegenheiten.

Ich verrate Ihnen sicher auch nur, was Sie schon ahnen, wenn ich Ihnen sage, dass in der Politik die Nebengründe leider oft wichtiger sind als die Hauptgründe und es für die handelnden Akteure mit der Zeit immer mehr werden. Mit jeder gesponnenen Intrige, mit jedem Versuch, Macht zu gewinnen, erworbene Macht zu sichern. Und im Parteiengetümmel geht es den Parteien nun mal noch um den kleinsten Vorteil, um einen Geländegewinn, den Außenstehende oft gar nicht wahrnehmen können. Es gibt also die Haupt- und die Nebengründe, und jetzt verrate ich Ihnen doch etwas Neues: Es gibt auch GGG – GGG? Ja, das sind die Guten-Gysi-Gründe. Und dass es diese Guten-Gysi-Gründe gibt, das ist ein Glück für uns alle, die wir noch an das Gute glauben wollen. Dass Gregor Gysi solche Gründe findet, macht ihn so sympathisch, macht ihn zu einem Ausnahmepolitiker, auch unter Linken.

Und jetzt verrate ich Ihnen noch etwas: In der Fraktion sprach man nur darüber, wie man doch die Wer-hat-uns-verraten-Sozialdemokraten und die Grünlinge mal wieder so richtig schön vorführen könnte. Man muss ja nur in der Zwischenzeit, in der es den neuen Bundestag schon gibt, der auch schon beschlussfähig ist, ein wenig von dem, was Linke, Sozialdemokraten und Grüne in ihren Wahlprogrammen zu stehen haben, als Gesetzentwurf einbringen. Da sollen die doch mal unter Beweis stellen, wie ernst sie es mit ihren Wahlprogrammen gemeint haben! Was in diesen Programmen steht, wird in den Koalitionsverhandlungen zur Verhandlungsmasse – und wenn sie dann nicht mehr dem zustimmen, was sie eben noch selber gefordert haben, bringt es die Linke schnell mal als Gesetzentwurf ein.

Der Sozialdemokrat Gabriel, der solche Verhandlungen nun zu führen hat, nannte das, was die Linke vorhat, eine Spielerei. Die Nebengründe überwiegen eben manchmal die Hauptgründe. Aber dann tritt Gregor Gysi auf, und Gysi sagt: Man solle doch bitte mal an die Betroffenen denken, zum Beispiel an die Lesben und die Schwulen, denen die drei anderen Parteien mal eben zu einem guten Gesetz verhelfen können und die sich doch in ihren Wahlprogrammen für eine völlige rechtliche Gleichstellung der „Homo-Ehe“ ausgesprochen haben – Lesben und Schwule machen sich zwar immer gut, aber freuen wir uns über Gregor Gysi, dem diese Betroffenen wenigstens noch einfallen.

Florian Havemann wurde 1952 in Berlin geboren, floh im Jahr 1971, war Laienrichter am brandenburgischen Verfassungsgericht, ist Autor und Künstler. Er wird in loser Folge aus dem Innenleben der Linken berichten

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