Gib mal Stoff

Porträt Ilán Fernández war ein brutaler Drogenboss. Dann wurde er verhaftet und begann im Gefängnis eine zweite Karriere als Modedesigner. Heute verdient er damit Millionen

Ilán Fernández ist nicht so leicht zu treffen. Interviewanfragen per Mail beantwortet er nicht. Am Telefon bleibt er vage: „Das kriegen wir schon irgendwie hin.“ Schließlich bestellt er mich in die Lobby des Berliner Hotels „Westin Grand“. Zur verabredeten Zeit ist niemand zu sehen. Nach einer Viertelstunde wähle ich seine Handynummer. „Bin in zwei Minuten da“, sagt er.

Auch aus Sicherheitsgründen sei er schwer zu treffen, erzählt Fernández. Er habe viele Feinde. Aufgewachsen in der kolumbianischen Millionenstadt Cali, geriet sein Leben nach dem Tod des Vaters aus dem Tritt. Als Teenager soll er einen schmierigen Verehrer seiner Mutter erschlagen haben. Später machte er ein Vermögen mit Drogen und Waffen: Seine erste Kokslieferung schickte er im Koffer einer alten Frau nach Miami, mit 19 Jahren kontrollierte er den kolumbianischen Handel mit Europa. Angeblich. So steht es jedenfalls in seiner Biografie mit dem Titel Suerte – Glück.

Geschrieben hat sie der italienische Autor Giulio Laurenti. Fernández sagt: „85 Prozent der Geschichte sind wahr, der Rest ist frei erfunden.“ Wahr ist auf jeden Fall, dass er eines Tages in Barcelona verhaftet wurde und für sieben Jahre ins Gefängnis wanderte.

Dort begann seine neue Karriere. Er kritzelte den spanischen Ausspruch „de puta madre“ auf T-Shirts, was so viel bedeutet wie „scheißgut“ oder „total geil“. Die T-Shirts verkaufte er an Zellengenossen. Sogar für die Wärter will er Slogans gedichtet haben, etwa: „Ich bin im Gefängnis, weil die anderen schuld sind, aber verdient habe ich es trotzdem.“ Nach der Entlassung gelang ihm mit seinem Streetware-Label De Puta Madre 69 ein rasanter Aufstieg, vom Straßenhändler zum Millionär.

Im Buch begegnet man einem kriminellen Mega-Macho – Partys, Drogenexzesse, Ferraris, Huren und Morde, die der Autor aber nur andeutet. Es fällt schwer, dem Ich-Erzähler die spätere Läuterung abzunehmen. Auch in der Berliner Hotellobby redet Fernández über Drogen- und Waffenhandel, als ginge es ums Wetter. Trotzdem sagt er immer wieder, er sei heute ein anderer Mensch, dem Frau und Kinder alles bedeuten. Doch die Vergangenheit kann er nicht ganz abschütteln. Vielleicht will er das auch nicht. Immerhin beruht sein heutiger Erfolg auf dem Bad-Boy-Image.

Der Freitag: Herr Fernández, können Sie nachts eigentlich gut schlafen?

Ilán Fernández:

Ja, durchaus. Warum fragen Sie?

Im vergangenen Jahr sind Sie einem Mordanschlag entgangen.

Da kam jemand ins Restaurant und hat auf mich geschossen. Das war alles.

Sie sagen das, als wäre es eine Lappalie.

Das war ja nicht das erste Mal. Die haben schon öfter auf mein Auto geschossen, und einmal wollte mich jemand mit einer Bombe töten. Aber ich bin noch am Leben.

Wer sind diese Leute, und warum sind sie hinter Ihnen her?

Manche glauben, dass ich mit der FARC (

Wie leben Sie mit dieser ständigen Bedrohung?

Ich habe jede Menge Wachpersonal in meinem Haus, das meine Familie beschützt. Ich selbst wechsele ständig meinen Aufenthaltsort. Niemand weiß im Voraus so genau, wo ich sein werde. Gerade jetzt zum Beispiel denken viele, ich wohne in Berlin im Hilton Hotel, stattdessen bin ich hier. Außerdem trage ich immer eine Waffe bei mir – außer jetzt gerade natürlich.

Sind Ihnen aus Ihrer Vergangenheit nur Feinde geblieben oder auch Freunde?

Eigentlich nur einer: Miguel. Wir haben im Gefängnis erst gegeneinander und dann gemeinsam gekämpft. Wir haben beide die monatelange Hölle der Isolationshaft überstanden. Ihm würde ich mein Leben anvertrauen. Deshalb haben wir vor meiner Entlassung auch einen Eid geschworen: Ich würde kein Wort Spanisch mehr sprechen, bis auch er wieder frei ist. Deswegen führen wir dieses Interview auch auf Englisch. 2012 wird Miguel entlassen, und dann werden wir eine große Party feiern.

Mit ihm wollen Sie auch Ihr gesamtes Geld teilen, das Sie bis dahin verdient haben. So steht es zumindest in Ihrer Biografie.

Klar. Aber vielleicht dreht er auch durch und will gar nichts davon haben. Wissen Sie, wenn jemand solange gesessen hat, sehnt er sich manchmal nach dem Gefängnis zurück, weil die Welt hier draußen eine Nummer zu groß geworden ist. So ging es mir anfangs auch. Ich hatte große Angst vor all den neuen Sachen. Ich wurde 1989 verhaftet. Als ich 1996 freikam, gab es plötzlich Handys und Internet. Das war, als wäre ich mit der Zeitmaschine in die Zukunft gereist.

Erinnern Sie sich noch, was Sie in Freiheit als Erstes gemacht haben?

Ich bin tagelang durch die Straßen gewandert. Ich wollte jede Sekunde ausnutzen. Es war wie ein Traum. Erst habe ich auf der Straße geschlafen und dann in geklauten Autos, bis ich mir einen Job als Tellerwäscher gesucht habe.

Vom Drogengeld ist Ihnen nichts geblieben?

Nein, das Geld war weg. Ins Drogengeschäft wollte ich aber auf keinen Fall zurück. Ich hatte doch schon sieben Jahre meines Lebens im Knast verloren …

Sieben Jahre Haft aber sind nicht viel, wenn man bedenkt …

Was meinen Sie? Mord? Mein Gott, wir waren eben im Krieg. Wir haben nie Unschuldige getötet. In diesem Krieg ging es um Drogen, um Macht und Geld. Das ist auch nichts anderes, als wenn die Amerikaner in den Irak einmarschieren, dort keine Massenvernichtungswaffen finden und sich dann die Bodenschätze unter den Nagel reißen.

War der Weg ins organisierte Verbrechen für Sie vorgezeichnet?

Ich weiß es nicht. Es gab eben das System, die Polizei und all diese Leute, die ihre Macht gegen mich benutzt haben. So war es nun mal. Heute sehe ich das natürlich anders. Meistens.

Meistens?

Manchmal frage ich mich schon, ob ich nicht doch immer noch wie ein Krimineller denke: Wenn dich zum Beispiel jemand grundlos beleidigt, bleibst du vielleicht erstmal ruhig, sagst dann Tschüss. Aber zu Hause stellst du dir vor, wie du dem Typen erst sein Geld wegnimmst. Dann seinen Stolz. Und dann sein Leben.

Klingt, als könnten Sie jederzeit ausrasten.

Ist schon passiert. Ich habe schon mal jemandem wegen einer Nichtigkeit eine Flasche über den Schädel gezogen. Aber das hat vielleicht mehr mit meinem Charakter zu tun als mit meiner Vergangenheit. Obwohl ich diesen Zug an mir überhaupt nicht gut finde. Deshalb brauche ich immer Leute in meiner Nähe, die auf mich aufpassen.

Lassen Sie uns über Ihre zweite Karriere sprechen – vom Ex-Sträfling zum international bekannten Modedesigner. Wie haben Sie das geschafft?

Mein Label habe ich aus dem Nichts aufgebaut. Nach meiner Entlassung habe ich meine bedruckten T-Shirts auf der Straße und am Strand verkauft. Dann lernte ich zwei Typen kennen, die meine Idee gut fanden. Als ich in Rom bei denen vor der Tür stand, schenkten sie mir eine Menge Stoff – also solchen für T-Shirts – und brachten mich mit den richtigen Leuten zusammen, einem Schneider und einer Textildruckerei. Ein anderer Typ wiederum hatte einen guten Draht zu vielen Klamottenläden. Gegen eine Provision klapperte er die für mich ab. So haben wir rund 300.000 Euro verdient …

… bis ein Prominenter mit einem Ihrer T-Shirts im Fern­sehen auftrat.

Genau. Dieser Schauspieler, Adriano Pappalardo, machte bei der Sendung Isla de famosa mit (

Das Gangster-Image verkauft sich offenbar sehr gut.

Sicher. Aber warum habe ich diese T-Shirts mit Aufdrucken wie „Kokain“ oder „Gigolo Latino, 500 pro Nacht“ denn entworfen? Weil sich jeder ein bisschen illegal fühlen will. All diese 16-Jährigen, die in der Disko vielleicht ab und zu ein bisschen Koks nehmen. Dabei haben die doch gar nicht die Eier, um wirklich was Illegales zu machen – und das ist ja auch gut so. Deshalb gebe ich ihnen eine andere Möglichkeit, sich toll zu fühlen: ein T-Shirt mit der Aufschrift „Kokain von Pablo Escobar“. Whow! Das reicht zum Angeben, damit bist du der Star der Nacht. Dann gehst du nach Hause, wirfst es in die Waschmaschine und musst keine Angst haben, dass die Polizei morgens um sechs deine Wohnung stürmt.

Gangster-Sprüche im Kampf gegen Drogen und Kriminalität – ist das für Sie kein Widerspruch?

Nein. Die Botschaft lautet: „Ihr müsst das nicht nachmachen. Ihr seid auch so verdammt cool“. Aber das versteht tatsächlich nicht jeder. Auf einer Modemesse haben wir mal riesige Berge weißen Pulvers an unserem Stand aufgeschüttet – ein Baustoff, ähnlich wie Gips und ziemlich giftig. Aber manche Leute kamen an und haben das Zeug tatsächlich probiert. Wer ist denn so bescheuert zu glauben, ich würde dort wirklich Kokain hinkippen?

Man könnte auch sagen, dass Sie mit solchen PR-Gags harte Drogen salonfähig machen.

Natürlich habe ich eine Menge Kritiker. Aus Belgien habe ich zum Beispiel gehört, dass dort Putamadre-Shirts in der Schule verboten wurden. Oder in einer sardischen Zeitung gab es mal einen riesigen Artikel gegen meine Kollektion. Für mich war das aber gute Publicity – und deshalb eine gute Sache.

Wie sehen Sie sich denn selbst: Sind Sie ein begabter Designer oder einfach ein cleverer Geschäftsmann?

Ich glaube, ich bin kein Designer im klassischen Sinne. Designer haben diese Leidenschaft und das Detailwissen über die Beschaffenheit und Qualität all dieser unterschiedlichen Stoffe und Materialien. Ich bin eher so etwas wie ein Botschafter. Ich liefere die Slogans, und die Leute finden es toll. Wie ich sie vermittle, ist mir eigentlich egal – ob mit T-Shirts, Autos oder sonst was. Am Ende geht es doch darum, was dein Geschäft abwirft.

Also nicht viel anders als früher?

Einiges hat sich schon geändert. Einen Teil meines Gewinns investiere ich heute in soziale Projekte.

Zum Beispiel?

Mit meinem Geld wurden unter anderem zwei Häuser gebaut, in denen misshandelte und missbrauchte Menschen Schutz finden. Hier werden zum Beispiel Frauen unterstützt, die von ihren Männern verprügelt werden. So bekommen sie ein Stück Macht zurück, um ihr Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen.

Frauen sind für Sie heute also mehr als nur Sexobjekte, die man zu einem guten Geschäftsabschluss als Gimmick verschenkt?

Das haben Sie aus dem Buch, oder? Dass dieser Autor auch so übertreiben musste! Klar, ich war jung, mochte Frauen und schnelle Autos. Und ja, auch heute habe ich vier Ferraris in der Garage stehen. Aber so überdreht wie beschrieben war ich sicher nicht. Auch diese ganzen Frauengeschichten – davon stimmt nur die Hälfte. Außerdem habe ich mich verändert …

Inwiefern?

Ich habe großen Respekt vor Frauen. Ohne Frauen würden die Männer gnadenlos untergehen auf dieser Welt. Meine Frau zum Beispiel ist ein großes Ding für mich. Sie ist so ein reines Wesen, wie von einem anderen Planeten. Sie war Jetski-Weltmeisterin, Profisportlerin und hat nie Drogen genommen oder so. Sie hält mich in der Spur, ich würde sie nie betrügen.

Wie kam sie denn mit Ihrer Vergangenheit klar?

Als sie davon erfuhr, war sie schon längst in mich verliebt und konnte nicht mehr anders. Heute gibt sie mir Halt. Und meine Töchter natürlich. Alles, was ich heute tue, mache ich für meine Familie.

Sie leben mit Ihrer Familie in Italien. Haben Sie dort ein neues Zuhause gefunden?

Nicht wirklich. Wir haben zwar dieses wundervolle Haus in Miláno Marítimo, direkt am Strand. Seit drei Jahren leben wir dort, aber ich will eigentlich schon wieder weg. Weil ich mich rastlos fühle, und weil ich mir mehr Ruhe und Sicherheit für meine Familie wünsche. Ich hätte Lust, eine Tauchschule auf den Malediven aufzumachen. Oder vielleicht doch wieder nach Miami …

Das Gespräch führte Selina Byfield

In der kolumbianischen Millionenstadt Cali wurde Ilán Fernánez 1966 geboren. Nach eigenen Angaben war er mit 13 Jahren Drogendealer und Bandenanführer, mit 15 schmuggelte er das erste Mal zwei Kilo Kokain in die USA. Von 1987 bis zu seiner Verhaftung 1989 habe er den europäischen Kokainmarkt kontrolliert, behauptet Fernández. Was in seinem Leben jedoch Dichtung, was Wahrheit ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Um Fernández Lebensgeschichte aufzuschreiben, hat der italienische Autor Giulio Laurenti neun Monate mit seinem Protagonisten zusammengearbeitet. 2010 ist die Biografie unter dem Titel Suerte auch auf Deutsch im Riemann Verlag erschienen. Der Klappentext suggeriert: Dieses Buch erzählt eine wahre Geschichte. Er verspricht schonungslose Innenansichten aus der Welt der Drogenmafia und eine fiebrige Jagd, die mit der überraschenden Wandlung vom Superkriminellen zum erfolgreichen Unternehmer ende. Tatsächlich gibt sich Autor Laurenti alle Mühe, Fernández Vergangenheit als skrupelloser Drogenboss möglichst aufregend und drastisch zu beschreiben. Unter anderem soll Fernández während seiner Zeit als Drogenboss für mehrere Morde und Folterungen verantwortlich gewesen sein. Verurteilt wurde er deswegen aber nicht, im Gefängnis saß er nur wegen Drogenhandels.

Fernández Geschichte mitsamt der Wandlung nach der Haftentlassung klingt aber, als könnte sie auch in Hollywoods Traumfabrik erdacht worden sein. Steven Spielberg soll nach der Lektüre von Suerte geplant haben, daraus einen Action-Thriller zu machen mit Nicolas Cage in der Hauptrolle. Am Ende wurde nichts draus. Jetzt soll ein italienischer Regisseur angeblich Finanziers für einen Film suchen. Angeblich. SB

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11:30 04.02.2011

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