„Es geht nicht nur um ein Kopftuch: Die Proteste im Iran zielen gegen die DNA des Regimes“

Interview Die Journalistin Gilda Sahebi beobachtet einen neuen Zusammenhalt verschiedener Gruppen gegen die Unterdrückung von Frauen: sowohl im Iran, als auch unter Exil-Iraner*innen in Deutschland. Nun sei es an der Zeit für konkrete Solidarität
Brennendes Motorrad in der iranischen Hauptstadt Teheran: Bei den Protesten gibt es große Solidarität und Zusammenhalt
Brennendes Motorrad in der iranischen Hauptstadt Teheran: Bei den Protesten gibt es große Solidarität und Zusammenhalt

Foto: AFP/Getty Images

der Freitag: Das wird nicht lange gehen, dachten einige in Deutschland, als die Demonstrationen nach dem Tod der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini Mitte September begannen. Nun protestieren die Menschen dort seit einem Monat gegen das islamistische, iranische Regime. Was unterscheidet sie von den bisherigen Protesten im Iran?

Gilda Sahebi: Es sind verschiedene Momente. Von Beginn an ist aufgefallen, dass es viele Gruppen der Bevölkerung waren, die protestieren. Also nicht nur die Mittelschicht oder die Unterschicht, oder nur die Frauen oder nur die Männer, sondern es sind alle zusammen auf der Straße: Diese Proteste sind ethnienüberschreitend, geschlechterüberschreitend, altersüberschreitend. Es herrscht ein unglaublicher Zusammenhalt zwischen den Protestierenden, den wir bisher so noch nicht gesehen haben.

Die Proteste 2009 und 2018/2019 waren nicht so breit?

Genau, und das hat auch damit zu tun, dass die Proteste diesmal gegen die DNA des Regimes zielen, sie zielen auf seinen Kern. Es geht nicht um das Wahlsystem oder gefälschte Präsidentschaftswahlen wie 2009, auch nicht wie 2018/19 um die Benzinpreise oder die schlechte Wirtschaftslage, sondern es geht um eine der zentralen Säulen dieses menschenverachtenden Regimes: die Frauenverachtung, die Entrechtung von Frauen und die Unterdrückung der Menschenrechte. Und das verleiht dem ganzen Protest eine breite Identifikation. Man hat noch nie gesehen, dass so viele Frauen ihre Kopftücher abnehmen. Man sieht in den Städten immer mehr Frauen, die ohne Kopftuch, ohne Hijab einfach herumlaufen. Die diesen unglaublichen Mut aufbringen. Auch das ist was Neues.

In der westlichen Welt wird vor allem dieses abgenommene Kopftuch der Frauen und Mädchen thematisiert. Welchen Stellenwert hat das Kopftuch denn in den Protesten?

Das Kopftuch an sich ist gar nicht so sehr das Thema. Natürlich sollte es eine persönliche und individuelle Entscheidung sein, ob eine Frau es tragen möchte. Aber bei den Protesten geht es vielmehr um das, wofür das Kopftuch im Iran steht: Dass Frauen im Rechtssystem des Landes nur halb so viel wert sind wie Männer. Es braucht zum Beispiel zwei Frauen, um die Aussage eines Mannes vor Gericht aufzuwiegen. Töchter erben nur die Hälfte von dem, was den Söhnen zusteht. Frauen riskieren ihr Leben, wenn sie sich nicht so anziehen, wie dieses Regime es will. Sie werden ausgepeitscht, sie werden getötet, sie werden geschlagen, sie werden an den Haaren gezogen.

Das sieht man auch jetzt auf vielen Videos.

Frauen werden wie Objekte, wie Vieh behandelt. Man kann das Kopftuch im Iran nicht ohne den politischen Kontext und historischen Kontext sehen, den es dort nun mal hat. Die Zwangsverschleierung wurde in sehr kurzer Zeit eingeführt nach der Machtergreifung von Ayatollah Khomeini im Jahr 1979. Und diese Zwangsverschleierung stand für all die Rechte, die den Frauen nach und nach genommen wurden. Frauen waren in der Islamischen Republik nur noch Objekte und nicht mehr Personen. Das Kopftuch ist das Symbol für diese strukturelle Unterdrückung und Entrechtung. Darum geht es.

Die Proteste sind also vor allem feministisch – wie werden sie von Exil-Iraner*innen in Deutschland gesehen?

Das Thema Exil-Iraner*innen ist etwas kompliziert. Weil es einfach immer verschiedene politische Lager gegeben hat. Es gab die Monarchisten, es gab die, die den Volksmudschahedin (militante iranische Oppositionsbewegung, Anm. d. Red.) anhängen, und verschiedene Lager, die sich in den letzten 40 Jahren gebildet haben. Nun bilden sich gerade Netzwerke, die es vorher nicht gegeben hat. Exil-Iraner*innen, die sich vorher nie öffentlich geäußert haben, äußern sich jetzt. Es entstehen viele Verbindungen und Netzwerke außerhalb des Irans, und auch das ist etwas Besonderes.

Die Bundesregierung hat sich lange mit einer Verurteilung der aggressiven Vorgehensweise durch das iranische Regime zurückgehalten, nun verhängt die EU Sanktionen gegen die sogenannte iranische „Sittenpolizei“.

Die EU-Sanktionen sind das absolute Minimum, was die EU hätte umsetzen können. Sie werden weitgehend folgenlos bleiben, weil sie die Führung nicht treffen. Das sind sehr wenige Entitäten, die hierbei betroffen sind. Und auch da wieder berühren sie kaum die Führungsriege, da, wo es nötig wäre und es weh tun würde. Und langfristig auch zu Konsequenzen führen könnte. Jean Asselbaum, der luxemburgische Außenminister, sagt sogar selbst, dass es nur ein erster Schritt ist. Und da fragt man sich schon: Was müsste das iranische Regime denn noch tun, damit Sanktionen mit offensichtlichen Konsequenzen beschlossen werden? Im Iran herrscht schon lange die Stimmung, dass „Der Westen“ viel zu nachsichtig mit diesem Regime umgeht. Das ist keine Einzelmeinung. Denn egal, was dieses Regime innerhalb des Landes macht, Menschen exekutiert, foltert, vergewaltigt, all das wird seit Jahren von den westlichen Ländern gesehen und seit Jahren geduldet. Spätestens heute sagen auch ganz viele Exil-Iraner*innen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Weil das Regime dort sich eben sogar noch ermuntert fühlt, weiter zu tun, was es will, wenn es aus dem Ausland nicht kritisiert wird. Dieses Regime sollte ganz gezielt sanktioniert werden für die Menschenrechtsverletzungen, die es begeht und auch die Konsequenzen tragen müssen.

Viele Menschen in westlichen Ländern verfolgen die Proteste seit Wochen in den sozialen Medien. Wie können sie, als Mitglieder der Zivilgesellschaft, die Protestierenden im Iran unterstützen?

Solidarität und Aufmerksamkeit sind superwichtig. Zu zeigen, dass man sich mit den Menschen, mit dem Kampf im Iran solidarisiert, dass man sie sieht. Dass man reagiert. Man könnte aber mehr tun: Sich tiefer mit dem Iran beschäftigen, sich über die Region weiterbilden.

Haben Sie da einen Tipp?

Das Buch Mein Iran von der Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi oder Iran. Die Freiheit ist weiblich von Golineh Atai bieten gute Einstiege, um die falschen Eindrücke und Vorurteile, die seit Jahren auch durch Medien transportiert werden, zu korrigieren. Solche Lektüre kann helfen, die Brille, durch die man den sogenannten „Nahen Osten“ bislang betrachtet hat, abzusetzen.

Gilda Sahebi, Journalistin, Ärztin und Politikwissenschaftlerin, ist derzeit unermüdlich im Einsatz: Auf Twitter und Instagram, in Artikeln, Interviews und Veranstaltungen berichtet sie über die aktuellen Geschehnisse im Iran. In ihrer taz-Kolumne Krank und Schein“ schreibt sie über Gesundheit und Krankheit in unserer Gesellschaft

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