Gipfelgeschnatter

Darüberstehen heisst nicht Dagegensein Peter Sloterdijks Versuche nach Heidegger und über den Terror

Es gebe eine direkte Relation zwischen der Größe eines Autors und der Gefährlichkeit der Stoffe, die er zu meistern verstünde, hatte Peter Sloterdijk vor einigen Jahren im Selbstversuch geschrieben, wobei er wohl vor allem an sein eigenes Schaffen dachte: Sloterdijk, der Denker des Gefährlichen, Sloterdijk, der gefährliche Denker. Ein solcher Denker denkt in großen Zusammenhängen, und er denkt in ihnen das, was an der Zeit ist. Dann steigt er herab aus dem Gebirge seiner Stoffe und kündet´s den Menschen. Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger heißt nun ein Band mit Sloterdijks gesammelter Kunde; unter den abgedruckten Aufsätzen auch die berüchtigte Elmauer Rede vom Juli 1999.
Der Karlsruher Philosoph referierte damals anlässlich einer Tagung auf Schloss Elmau über Heideggers Humanismusbrief, obgleich er das anders nannte: ein Antwortschreiben verlas er da, so der Untertitel seiner Rede, was die anwesenden Gelehrten zu bloßen Zaungästen eines Briefwechsels machte, den zwei freie Geister auf gleicher Augenhöhe führen. Sloterdijk antwortete seinem "Briefpartner" Heidegger auf dessen Humanismuskritik mit Möglichkeiten der genmanipulierenden Menschenzüchtung, die eine Verabschiedung des moralisch hemmenden Humanismus freisetzen würde. Das rief Empörung hervor, bei den Tagungsteilnehmern und im Feuilleton gleichermaßen, indessen Sloterdijk sich missverstanden fühlte. Vor allem Thomas Assheuer von der Zeit musste damals den Zorn des Meisters spüren, der seinen Kritiker als Problemgans titulierte, die sich moralisch plustere.
Assheuer und anderen Problemgänsen gibt - nennen wir ruhig die andere, verschwiegene, aber wohl mitgemeinte Seite dieser Vogelwelt - der Adler Sloterdijk nun Gelegenheit, ihr Geschnatter zu revidieren. Denn die inkriminierte Rede ist in Sloterdijks Aufsatzsammlung umgeben von einer Trutzburg aus Texten, die das Missverstandene ins rechte Licht rücken möge. Darin denkt er zwar auch über Luhmann und Adorno nach, aber vor allem über die "Domestikation des Seins" und über die Epochenbedeutung der neusten Medizintechnologie, die philosophische Rechtfertigung des Künstlichen sowie - zuallererst und -allerletzt - über Heidegger, den Anstoß dieses Nachdenkens.
Sloterdijks Versuche nach Heidegger denken homo sapiens als Schöpfer-Geschöpf eines evolutionären Seinsgeschehens, einer Selbsterziehung im Sinne Nietzsches, einer Selbstzüchtung des homo zur sapientia von Urzeiten her. Das ist weder deklarierter noch subkutaner Antihumanismus. Es ist nicht einmal neu: schon in der Aufklärung - etwa bei Condorcet - kann man Gedankenspiele in dieser Richtung finden. Aber es entspricht dem Selbstverständnis Sloterdijks als Freigeist auf der Passhöhe eines Denkens, das über den Werthaltungen steht, die uns in der Praxis wichtig sind. Darüberstehen heißt nicht Dagegensein. Unten im Tal aber, so will es Professor Sloterdijk, schnattern die Gänse.
Der Grundgedanke der "Domestikation des Seins", Titel und Thema des zentralen Aufsatzes in Sloterdijks Textsammlung, in dessen argumentatives Gerüst die meisten anderen sich wie Detailstudien einhängen lassen, ist die Interpretation der menschlichen Kulturgeschichte nicht als Anpassungs-, sondern als Entwurfsgeschichte. Der Mensch solle sich nicht im vorgefundenen Haus der Natur einrichten, vielmehr soll er sich der Natur entwinden in den Gegenraum der Kultur. Dieser Raum, seine moderate Temperatur, das Mobiliar und der Ausblick wiederum verändern den Bewohner - ein Widerspiel ohne Ende und vor allem unter freiem Himmel, in freiem Fall. Sloterdijks Mensch ist also nicht Bewohner eines Hauses auf festem Grund, sondern eher der einer Raumkapsel mit künstlich erzeugtem Innendruck und Sauerstoffgehalt. Systematisch ist das zunächst einmal die Gegenposition eines Neo-Aristotelismus, der die Natur als Behausung des Menschen versteht und daraus ein Verantwortungsprinzip der Hege und Pflege ableitet. Und politisch richtet sich das gegen Praktiker, die entweder glauben, alles tun zu können oder nichts tun zu dürfen.
Keine Frage, dass Sloterdijk den Fall der menschlichen Entwurfsgeschichte in das gentechnische Zeitalter hinein von Heidegger her denkt. Die ontologische Leere jenseits der selbstgemachten Kultur zu bedenken ist für Sloterdijk - im Sinne Heideggers - ein Denken der Ekstasis, denn nur das Denken der Ekstasis steuert der Illusion entgegen, er gründe auf festem Boden. Diese Illusion ist nichts anderes als "der Traum von einem Zustand (...), in dem wir niemals waren - ein Heimweh nach dem Niegewesenen, dessen mythologischer Name Paradies lautet". Der Humanismusbegriff steht letztlich auch für diesen Traum, es gebe ein festes Ziel des Menschen auf festem Grund und mithin ein fixes Koordinatensystem für seine Zähmung und Erziehung zum maître et possesseur de la nature (Descartes).
Aber was heißt das im einzelnen? Das erfahren wir nicht. Nur soviel: Sloterdijk entscheidet sich in zweifacher Weise für die Ekstasis und gegen die Verantwortung als Grundbegriff ethischer Reflexion. Zunächst gibt er der Erfahrung der "Lichtung" den Primat vor einem Denken, das sich an der Lösung von konkreten Alltagsproblemen orientiert, die sich aus den technischen Möglichkeiten der Menschheit erstmals ergeben können. Darüber ließe sich streiten. Aber zweitens entzieht er sich der philosophischen Aufgabe, in einem begrifflich noch nicht erschlossenen Gebiet Aufklärung zu leisten. Auch im Denkstil dominiert die Ekstasis, nämlich als Pose, als öffentliche Gebärde der Kunde. Kleingeld wird nicht ausgezahlt, das Argument durch pompöse Formulierungen ersetzt.
Sloterdijks Verbalnarzissmus hat noch eine andere Seite, nämlich die, durch überraschende erzählerische Assoziation von verborgenen Zusammenhängen Spannung zu erzeugen. Was dem gen-ethischen Diskurs unangemessen ist, steht dem neuesten Text des Philosophen besser. Luftbeben, Sloterdijks Antwort auf den 11. September, zeichnet die Geschichte der Massenvernichtungsprogramme des jüngst vergangenen Jahrhunderts als einen militärisch instrumentalisierten Forschungsprozess nach, der die bis dato unthematisierten Hintergrundbedingungen menschlichen Lebens zunehmend offenlegt. Mit einer deutlich spürbaren Faszination für´s Abgründige inszeniert Sloterdijk den ersten deutschen Großeinsatz von Chlorgasen an der Westfront des Ersten Weltkrieges als emblematisches Ereignis. Fortan stehe das 20. Jahrhundert im Zeichen der bewussten Manipulation der Biosphäre zu Zwecken zunächst der Zerstörung, später dann der künstlichen Herstellung und Erhaltung eines wünschenswerten Habitats für den Menschen. "Die Entdeckung der ›Umwelt‹", so die irritierende These, "erfolgte in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs".
Sloterdijk macht auf eine beklemmende Weise deutlich, dass der Terror der Vernichtung mit der Sprache der Technokraten beginnt, die ihn propagieren. Denn er betreibt stilistische, oftmals zynisch wirkende Mimesis an das Vokabular der Destruktion. Ein Beispiel: "Schädlingsbekämpfung", die zivile Nutzung des know how, das die Deutschen zu Zwecken der Kriegsführung erworben hatten, paraphrasiert er als "Organismenvertilgung", die seit den vierziger Jahren dann wieder "Anwendungen auf einen Humaninhalt abdecken sollte". Das Gasdesign der Generäle enthüllt er schließlich als die andere Seite des Airdesigns einer "aktive(n) Indoor-Air-Quality-Policy", mit der Marketingstrategen die konsumfördernden Duftstile in den Einkaufs-Malls der Gegenwart anpreisen: beides menschenerzeugtes "Gas- und Aroma-Environment".
Auch in Luftbeben will Sloterdijk also den großen spekulativen Bogen nicht missen. Dass wir nicht mehr arglos und unschuldig die Luft atmen, die uns umgibt, dass wir von den Strahlungen wissen, denen wir ausgesetzt sind oder jeder Zeit ausgesetzt werden könnten, und von dem Treibhaus, in dem wir hocken - das alles charakterisiere die "Heimatlosigkeit", in der die Frustrierten den Uterus simulieren und sich von der Atmosphäre des Konsumismus oder des Massenwahns ruhigstellen lassen. Mit der Alertheit eines Taschenspielers überwindet Sloterdijk dann den nicht ganz unerheblichen Unterschied zwischen der wörtlichen und der figurativen Verwendung seines Schlüsselwortes "Atmosphäre". Erst dieser Trick verleiht der Thematik von Luftbeben ihre philosophischen Konturen: Sloterdijk will uns immunisieren gegen vergiftete Atmosphären aller Art.

Peter Sloterdijk: Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M., 2001, 28,80 EUR


Peter Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M., 2002, 7,- EUR


00:00 24.05.2002

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