Girlie und Gauli

Sportplatz Kolumne

Das Pferd stinkt. Das Pferd hat Durst. Das Pferd hat Hunger. Und dagegen muss umgehend etwas getan werden. Denn dann kann man mit dem Viech losreiten und es umgehend wieder schmutzig, hungrig und durstig machen. Das ist im Großen und Großen das, worum es bei dem Computerspiel Pferd Pony, Lass uns Reiten geht. Was Menschen, die schon eine Weile aus der Pubertät und damit aus der Zeit großer Begeisterung für Pferde herausgewachsen sind, ganz furchtbar langweilt, ist unter Mädchen zwischen 12 und 14 wohl ein ziemlicher Hit. Wobei P mit herkömmlichen Sport-Simulationen kaum etwas gemein hat. Nix ist es mit aufwendigen Grafiken oder atemberaubenden Animationen, nix mit Rekordjagd und hektischem Mausklicken, mit denen andernorts Bälle ins Tor oder Autos um Kurven befördert werden müssen.

Der Auftrag im Pony-Spiel ist ebenso simpel wie die Gestaltung: Marie hat von ihrer Freundin Sarah, deren Eltern beruflich in die USA ziehen mussten, ein Pferd vermacht bekommen, für dessen Unterhalt sie nun sorgen muss. Das bedeutet Stroh wegräumen, Wasser holen, Futter schleppen, striegeln, putzen, Hufe auskratzen. Und so könnte alles wunderschön sein zwischen Girlie und Gaul, wenn da nicht die böse, arrogante Antonia von Rosenquell wäre, die einen bei der ersten Begegnung sehr hochnäsig abfertigt und der man in der Folge zeigen muss, wer die Queen des Ponyhofs ist. Es gilt, die blonde Bitch mit ihrem Superpferd in den Disziplinen Dressur und Springreiten zu schlagen, was sich aufregender anhört als es tatsächlich ist. Denn durch die immergleiche, mal schneebedeckte, mal frühlingsgrüne Landschaft zu reiten und dabei immer mal wieder auf die Spacetaste zu drücken, um mehr oder weniger elegant über einen schlecht gezeichneten Baumstamm zu springen, macht auf die Dauer eben so wenig Spaß wie bei der Gehorsamkeitsprüfung gestrichelten gelben Linien zu folgen, um die verlangten Figuren zu absolvieren. Denn wirklicher Wettkampf findet im Einzelspielermodus nicht statt, man reitet halt so vor sich hin - während man das Viech von hinten betrachtet, was für jeden, der nicht über eine ausgeprägte Liebe zum Huftier verfügt, auf die Dauer ein äußerst ermüdender Anblick ist. Wenn´s vorbei ist, bekommt man Punkte. Und mit etwas Glück Auszeichnungen, die zum Bezug von Mähnenschmuck, Sätteln oder verbessertem Outfit berechtigen. Nach dem Reiten, Füttern, Saubermachen ist der Tag dann beendet. Wohin Marie dann geht, ist unklar - höchstwahrscheinlich den Eltern auf die Nerven, denn kurz darauf ist sie gut gelaunt und tatendurstig wieder auf dem Ponyhof.

Mit der Realität hat das Game natürlich nichts zu tun. Weder die Verabreichung leistungssteigender Mittel - das Wort Doping wurde in England zum ersten Mal in Verbindung mit Betrug beim Pferderennen benutzt, den Tieren wurde je nach gewünschter Leistung Kokain oder Opium verabreicht - noch zum Beispiel das so genannte Barren, das ist das gezielte Zufügen von Schmerzen, um junge Springpferde dazu zu bringen, die Vorderbeine eng an den Körper zu ziehen, kommen vor, was vielleicht auch ein bisschen viel verlangt wäre. Der Zweck des Spiels ist ja schließlich, sich massenhaft zu verkaufen, indem es Mädchenträume simuliert, und nicht die Wirklichkeit eines Pferdelebens abzubilden, die selbst für höchst erfolgreiche Tiere unweigerlich damit endet, dass eines Tages der Abdecker gerufen wird. Denn schließlich reagieren selbst Erwachsene beim Thema Pferd auf Wahrheiten ausgesprochen allergisch: Als der Tierforscher Horst Stern in den siebziger Jahren in einer TV-Dokumentation erklärte, in einer nach Intelligenz geordneten tierischen Schulklasse würden Pferde sehr weit hinten sitzen müssen, wurde ihm in anonymen Briefen Gewalt angedroht. Die Mädchen, die ihre Nachmittage mit Träumen vom eigenen Pferd und P verbringen, sind dagegen wohl härter im Nehmen. Denn die haben in aller Regel Brüder, oder mit Brüdern geschlagene Freundinnen, die das Game mit den Worten kommentieren: "Ganz nett, aber wo geht´s denn bitte zur Waffenkammer?"

Näheres unter www.pferdundpony-spiele.de


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00:00 02.12.2005

Ausgabe 39/2020

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