Glänzend gemacht

Kommentar Aus für das Literarische Quartett

Die Illusion des Endes. Am Schluss lebte das Literarische Quartett auch von dieser trügerischen Hoffnung. Dass der Spuk vielleicht doch bitte irgendwann einmal vorbei sein möge. Es aber wohl nie, nie enden würde. Sich die Literaturkritik als ewiger Club der künstlich echauffierten Sesselfurzer dahinschleppen würde. Jetzt, da das Ende vor der Tür steht, will es keiner wahrhaben. Als ob nun plötzlich immer alles Gold gewesen wäre, was da parolt wurde. Die zum Kriterium erhobene Ignoranz: »Was interessiert mich Grönland!« Die schwammigen Marktstichworte: »Fabelhaft!« »Ein hochbegabter Autor!« Nicht, dass man die herrlich unmotivierten Tonwechsel des Meistersingers im Quartett nicht geschätzt hätte - erst bellte Reich-Ranicki radikal subjektiv, dann krähte er mit hoch erhobenem, pädagogischem Zeigefinger von den Standards der Weltliteratur. Nicht dass man sein untrügliches Gespür für den versteckten Antisemitismus nicht geschätzt hätte. Seine hartnäckige Lust am entschiedenen Urteil. Aber ist alles immer so einfach, wie es der ironische Blitzeschleuderer weismachen wollte? Als Hellmuth Karasek vergangenen Freitag das neue Buch des österreichischen Schriftstellers Robert Menasse gegen den Chef mit den Worten zu verteidigen versuchte: »Ich will Ihnen nicht entschieden widersprechen«, machte er das Dilemma der Differenzierer deutlich. Schwächlinge waren hier nicht gefragt. Entschädigt für solchen Grobschnitt wurde man mit dem raffinierten Rollenspiel: Ranickis diebisches Vergnügen an der List, die Anderen in der trauten Runde das Kleinholz der Argumente stapeln zu lassen, und es dann als grellen Scheiterhaufen der Verdammung zu entzünden: »Ganz und gar misslungen!« Das war so »glänzend gemacht« wie das plötzliche Ende. Auch wenn es einem sauer aufstößt, dass ein Einzelner mal eben über die Zukunft der Literaturkritik im TV entscheiden darf.

Es sagt etwas aus über das angeschlagene Selbstbewusstsein der Literatur in der Mediengesellschaft, wenn jetzt händeringend Harald Schmidt bemüht ist, die Repräsentanz des Buches im öffentlichen Diskurs, den Platz des Buchstabens im Reich der Bilder zu retten. Nicht, dass wir etwas gegen begeisterte Neu-Leser hätten, die belegen, wie attraktiv ein altes Medium ist. Auch nicht, dass wir zurück in die augustinische Versenkung wollten. In jenen stummen Zwischenraum zwischen Buch und Leser, in der das distanzfähige Ich entsteht. Aber zumindest fürs Fernsehen wäre der geniale Alt-Leser Alexander Kluge auch keine schlechte Lösung für die Quartett-Nachfolge. Aber auch wenn es keins mehr geben sollte. Keine Panik auf der Büchertitanic! Das Buch hat ein paar tausend Jahre Kulturgeschichte überstanden. Welche Form er auch immer annehmen wird - so lange es Bücher gibt, wird der Streit über sie nicht enden.

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00:00 24.08.2001

Ausgabe 42/2021

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