Glanzlose Oscars

Medientagebuch Warum das Glamourversprechen der Award-Shows nicht eingelöst wird

Seit seiner Entstehung ist Hollywood das Synonym für Glamour schlechthin. Seine Stars besitzen für Millionen eine zauberische Anziehungskraft und haben es wie kaum eine andere Facette unserer Kultur geschafft, kollektive Sehnsüchte auf sich zu ziehen. Als Studio-Manager in Los Angeles vor 78 Jahren den genialen Coup landeten, die Academy of Motion Pictures Arts and Sciences zu gründen, die Hollywoods Traumwelt mit der Vergabe von Preisen, den Oscars, feiern sollte, war noch nicht abzusehen, wohin dies einmal führen würde. Inzwischen hat jede Branche der Unterhaltungsindustrie ihre eigenen, nationalen Award-Shows, die nicht nur als schillernde Feste von Haltung, Ruhm und Sexappeal geplant werden, sondern auch überaus profitable Vermarktungsmaschinen zwischen Haute Couture, Dauerwerbung und Körperschau darstellen.

Doch der Glanz scheint fahl geworden zu sein, das Statuetten-Blattgold brüchig. Die Einschaltquoten der bis vor kurzem noch heiß erwarteten Fernsehereignisse sinken seit Jahren, und die Zeremonien erscheinen nur noch wie ein müder Abklatsch früheren Glamours. In den USA wird dieser Trend am deutlichsten. Die Golden Globes, die kleinen Schwestern der Oscars, verloren im Januar diesen Jahres 40 Prozent ihrer Zuschauer. Die Quoten der Grammys, die Auszeichnungen der Musikindustrie, sackten um 28 Prozent ab.

Diese Tendenz wird in den amerikanischen Feuilletons, wo Kommentare über Einschaltquoten und Box-Office-Ergebnisse zu den Hauptanliegen gehören, mit Argwohn beobachtet. Denn mit dem zunehmenden Misserfolg der Award-Shows deutet sich an, dass diese nicht nur als Anzeiger künstlerischer Expertise, sondern inzwischen auch als Barometer der Populärkultur belanglos geworden sein könnten.

Die Golden Globes, die von der Vereinigung der in Hollywood vertretenen Auslandspresse verliehen werden, zogen ihre Bedeutung bisher aus der Doppelstrategie, Fernsehschauspieler und TV-Serien ebenso auszuzeichnen wie Leinwandstars und Kinofilme. Neuerdings leidet die Reputation des Preises sowohl unter der vorgezogenen Oscar-Verleihung als auch unter der Umstrukturierung des amerikanischen Fernsehens. Dort werden immer weniger konventionelle Formate gezeigt. Stattdessen beherrscht das Reality-TV mit Stars den Bildschirm, deren Ruhm nicht einmal mehr jene berühmten fünfzehn Warhol-Minuten anhält. Die Grammys indessen haben mit dem Wegfall des traditionellen MTVs zu kämpfen. Musikvideos sind inzwischen fast nur noch auf seinem Pay-TV-Ableger MTV 2 zu sehen. Die Dauerbeschallung, die auch milde talentierte Musiker zu Stars machen konnte, gehört nun also der Vergangenheit an.

Vor einem solchen Verlust des Star-Charismas ist auch die Oscar-Verleihung nicht gefeit. Um dem Quotenrutsch entgegenzutreten, versuchte man, die Zeremonie im Kodak Theatre ein bisschen aufzupeppen, indem man das langatmige Programm zeitlich raffte. Nicht alle Auszeichnungen fanden auf der glitzernden Bühne statt. Einige Preisvergaben wurden voraufgezeichnet. Andere Trophäen wurden im Zuschauerraum übergeben. Ebenso wie der Underdog-Humor des neuen Moderators Chris Rock, dem durch die gesetzlichen Redebeschränkungen und die redaktionelle 5-Sekunden-Verzögerung bei der Fernsehübertragung des Senders ABC die Schärfe genommen wurde, wirkte dies eher deplaziert in der um Noblesse bemühten Veranstaltung. Diese verlor im Vergleich zum Vorjahr viereinhalb Prozent ihrer Zuschauer.

Die Schönheitskorrekturen konnten dabei nichts am alten Dilemma der Academy ändern. Die meisten Filme, die in Hollywood produziert werden, besitzen kaum eine größere kulturelle oder kreative Bedeutung als ein Auto-Werbespot. Die Multiplex-Blockbuster, die von Millionen Zuschauern gesehen werden, verdienen in der Regel keine Nominierung, es sei denn für technische Aspekte. Die anspruchsvollen Filme aber haben es auch unter den Academy-Mitgliedern schwer, überhaupt wahrgenommen zu werden. Mit den zahlreichen Nominierungen für Martin Scorseses Aviator, Clint Eastwoods Million Dollar Baby und Alexander Paynes Sideways gab man dieses Jahr dem anspruchsvollen Segment dennoch klar den Vorzug - mit der für alle Beteiligten bitteren Konsequenz, dass der Glamour-Faktor der Veranstaltung erschreckend niedrig war. Hillary Swank, die preisgekrönte Hauptdarstellerin aus Million Dollar Baby, mag eine hochbegabte, mitreißende Schauspielerin sein, doch Julia Roberts muss nur für wenige Sekunden auf der Bühne stehen und einen schüchternen Satz sagen, und für Swanks rückenfreies Kleid interessiert sich niemand mehr.

So kam nicht einmal auf der rituellen Modeschau des Red Carpets die richtige glamouröse Freude auf. Die Kleiderwahl war überraschend eintönig. Scheinbar hatten sämtliche Stylisten und PR-Berater das Modediktat von schulterfreien Roben im Tulpenschnitt ausgegeben. Stilbildend wirken längst andere. Mit den Salondamen Paris Hilton und Jessica Simpson, TV-Talkerin Oprah Winfrey und Pseudogangster P. Diddy hat nämlich eine neue, abgeschwächte Form des Glamours den roten Teppich erobert: Der fabrizierte, gar nicht übersinnliche Glanz, der auch in Casting-Shows, Kulturfestivals, Sportveranstaltungen, RTL-Programmen und Politikertreffen versprüht wird. Dieser mediokre Glamour, der die Möglichkeit suggeriert, dass ihn jeder für sich in Anspruch nehmen kann, solange man nur genügend Ehrgeiz, Geld und chirurgische Leidensfähigkeit besitzt, läuft der entrückten Star-Anbetung den Rang ab. Den imaginären Regeln des amerikanischen Traums zufolge, kann heute jeder ein Star sein, wenn er es will. Liegt die Messlatte dafür zu hoch, müssen die Ansprüche halt gesenkt werden. Und die Hollywood-Elite? Diese wird durch den reproduzierbaren Glanz des Mittelmäßigen langsam vom Glamour-Thron gedrängelt. Dessen Schillern benötigt keine Preise.


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00:00 04.03.2005

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