Glanzvoll wie die Mindestrente

Oper Frank Castorf castorfisiert Verdis „La forza del destino“ ohne ein Gespür für die Macht der Musik
Glanzvoll wie die Mindestrente
Die Bühne bietet den Vorteil, dass man den Frust über die öde Inszenierung laut heraussingen kann

Foto: Thomas Aurin

Drei Akte lang dümpelt die Macht des Schicksals mittelprächtig vor sich hin. Da reißt im vierten und letzten unversehens mancher Geduldsfaden im vor sich hin dämmernden Publikum. Ein eingeschobener Sprechtext, auch noch in englischer Sprache, löst Tumult aus: „Oh Jimmy, weshalb willst du nicht begreifen ...“ Jimmy kommt gar nicht vor in Verdis verstörendster Oper. Der längere Text stammt vielmehr aus Curzio Malapartes Roman Die Haut, der im Neapel des Jahres 1943 spielt, nicht wie die Oper zweihundert Jahre zuvor. Gejohle und Geschrei stoppen minutenlang die Aufführung.

„Kannst du nicht singen?“

„Das ist eine Oper!“

„Aufhören!“

Aus der Gegenpartei grölt einer: „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhab’n!“ – sprich: Streiten hier Opernreaktionäre gegen Avantgardisten?

So einfach ist es nicht. Hätte Frank Castorf sich doch nur mit der Personenregie so viel Mühe gemacht wie als Dramaturg und dem Publikum plausibel, was da warum vorgetragen wird. Das schwere Pathos der Zusatztexte aber wirkt unfreiwillig komisch. Solisten und Chöre stehen statisch an der Rampe. Was (sich) bewegt, flimmert allein über die bei Castorf sattsam bekannten Leinwände, live gefilmt in und hinter den Kulissen. Wir sind im faschistischen Italien kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner. Kriege sind auswechselbar.

Wie immer mit Drehbühne

Ergänzungen eines Theatertextes sind freilich etwas ganz anderes als Implantate in ein musikalisches Werk. Der Theaterregisseur Castorf hat damit auf der Berliner Volksbühne 25 Jahre lang Theatergeschichte geschrieben. Er hat auch auf der Opernbühne ungewohnte Impulse gesetzt, etwa in Bayreuth mit Wagners Ring-Tetralogie. Aber an Wagner hat er sich nicht vergriffen und deshalb auch nicht verhoben.

Zum ersten Mal inszeniert Castorf Oper in seinem Berlin, obwohl er schon vor mehr als zwanzig Jahren seine erste Opernregie wagte, damals in Basel, auch schon Verdi, nämlich Otello. Ob er es auf einen Skandal anlegte? Schon deshalb, weil der legendäre Opernneuerer Hans Neuenfels just an dieser Deutschen Oper mit einer radikal aktualisierten Macht des Schicksals bereits 1982 einen grandiosen Theaterskandal hinzauberte, der Castorfs Bemühen bei Weitem übertraf? Von dieser durch und durch langweiligen Inszenierung wird nicht viel mehr übrig bleiben als die Erinnerung an ein Skandälchen.

Die bekannten Zutaten der Castorf’schen Theaterwelt sind versammelt. Wie immer auch eine Drehbühne von Aleksandar Denić, die mehr als die halbe Miete ausmacht. Sie erzählt aus einem Labyrinth heraus mit hyperrealistischer Detailgenauigkeit selbst Geschichten. Castorf aber zeigt, dass er für Musik und ihren Fluss wenig Gespür hat. Er spielt weniger mit einer Geschichte als mit Gedanken. Das ist vor allem deshalb problematisch, weil die enormen Emotionen, mit denen Verdis Musik das Publikum überwältigt, vom Pathos der Zusatztexte nicht verstärkt werden können. Die Eingriffe verschaffen allenfalls ein gewisses intellektuelles Vergnügen. Etwa, wenn Castorf auch noch eine Heiner-Müller-Figur – „Ich bin ein Engel der Verzweiflung“ – als halb nackten Inka über die Bühne tanzen lässt. Aber der Oper hilft es nicht. Denn ihre Wahrheit steckt vor allem in der Musik. Umso betrüblicher, wenn auch die musikalische Qualität der Aufführung an diesem Premierenabend nicht die gewohnte Qualität erreicht. Der vorgesehene Dirigent Paolo Carignani hat offenbar im Konflikt mit dem Regisseur hingeschmissen. Ersatzmann Jordi Bernàcer fehlt es an Präzision, Drastik, der Tenor Russell Thomas als Don Alvaro muss die hohen Töne pressen, und María José Siri als Donna Leonora lässt ein unangenehm schrilles Vibrato hören.

Die Handlung ist schnell erzählt. Ein Anfang wie bei Don Giovanni. Nach der grandiosen Ouvertüre bringt ein Mann den Vater der Geliebten um. Nur, dass Giovanni den Boris Johnson der Oper gibt, während Don Alvaro den Schuss ungewollt löst. Die Macht des Schicksals übernimmt die Regie. Der lange Rest ist eine Rachegeschichte. Der Bruder des Opfers, Lokalmatador Markus Brück mit gewohnter Stimmkraft, verfolgt Alvaro durch Kriegswirren hindurch bis in ein stilles Kloster. Dabei gehen auf beiden Seiten die moralischen Maßstäbe verloren. Selbst Donna Leonora ist kein Engel (so wenig wie Donna Anna bei Mozart). Bei Verdi stirbt sie am Schluss, wie es sich im 19. Jahrhundert in der Oper gehört. Bei Castorf wird sie nicht bestraft, sondern allenfalls bekehrt. Auf gut katholische Art, der Castorf einiges abgewinnen kann, weil „der Mensch, der ständig sündigt, Vergebung bekommt“.

Nichts ist beherrschbar, zuletzt der Mensch, schon gar nicht mithilfe der Vernunft. Nur jemand wie „Frau Merkel glaubt es, wenn sie sagt: Wir schaffen das“. Frank Castorfs spöttische Zeitkritik ist wie so oft in seinen Interviews pointierter als im Geschehen auf der Bühne. Er polemisiert gegen die aktuelle „Greta-Mentalität“ und findet: „Unser Leben ist nicht Mindestrente.“ Da immerhin trifft er sich mit dem großen Realisten und Agnostiker Giuseppe Verdi. Der hadert mit der Religion. Castorf jongliert mit Ideologien. Er liebt die Ambivalenzen des menschlichen Daseins, die ständigen Widersprüche. Sie sind immer zu sehen, wenn er inszeniert, ob Goethe, Wagner oder Verdi.

Die Macht des Schicksals aber gerät zu einer surrealistischen Oper von Frank Castorf über die Ohnmacht des Glaubens mit Musik von Verdi.

Info

La forza del destino Giuseppe Verdi Frank Castorf (Regie), Deutsche Oper Berlin

06:00 14.09.2019
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