Glaube, Lüge, Hoffnung

Gesellschaft Ob für Autos, Mode oder Parteien: Jeder wirbt heute mit Glaubwürdigkeit. Wir sind skeptisch
Andrea Roedig | Ausgabe 51/2016 5

Das wohl bekannteste Kapitel in Jean-Paul Sartres heute nahezu unlesbarem Schinken Das Sein und das Nichts handelt von der mauvaise foi, von Unaufrichtigkeit. Um das Phänomen zu fassen, beschreibt Sartre verschiedene Situationen: eine Dame beim Flirt, die charmiert, ohne eindeutige Absichten zu hegen; einen Kaffeehauskellner, der nur spielt, Kaffeehauskellner zu sein; einen „Champion der Echtheit“, wie es in der ersten Übersetzung hieß; einen Homosexuellen, der meint, er sei irgendwie auch nicht homosexuell.

Sartre schrieb jenen Text Anfang der 40er Jahre, unter dem Eindruck von Faschismus und Stalinismus. Das Kapitel über die Unaufrichtigkeit lässt Leserin und Leser jedoch verwirrt zurück, denn Sartre zeigt, dass auch die Ehrlichkeit im Kern unaufrichtig ist, und bevor er die Frage beantwortet, was die wahre Aufrichtigkeit, die „Authentizität“, sei, flüchtet er sich ins nächste Kapitel. Das Bewusstsein „ist ein Sein, für das in seinem Sein Bewusstsein vom Nichts seines Seins ist“, heißt es bei ihm. Das bedeutet: Es gibt da im Menschen einen unaufhebbaren Riss, ein ewiges Fang-mich-Spiel von „etwas sein“ und „nicht sein“.

Das Zauberwort „Vertrauen“

Was ist Glaubwürdigkeit – und wie stark bedarf sie der Fakten? Das ist eine schwierige Frage. Denn was als „Fakt“ gilt, ist so klar nicht immer zu bestimmen. Der ungläubige Thomas legte den Finger in die Wunde des auferstandenen Christus, um sich zu überzeugen, wen er da vor sich hatte. Was auch als Prüfstein zählt, Glaubwürdigkeit setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: dem Glauben und einer von ihm unterschiedenen Basis, aufgrund derer wir jemanden, etwas oder uns selbst des Vertrauens „wert“ oder würdig erachten. Wie die Wahrheit, so ist auch die Glaubwürdigkeit nicht aus einem Stück gegossen, sondern ein hybrides Gebilde, eine Konstellation, in der sich verschiedene Momente zu einer Ganzheit fügen. Das Motto „Selig, die nicht sehen und doch glauben“ gilt vielleicht fürs Paradies. Auf Erden jedenfalls hat auch Jesus erst ein paar handfeste Wunder vollbringen müssen, um die Menschen zu überzeugen.

Vielleicht war die Glaubwürdigkeit immer schon in der Krise, heute aber ist sie es in besonderer Weise. Denn der mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert entstandene Anspruch, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, ist ins nahezu Absurde gekippt. Niemand ist mehr in der Lage, die für eine Entscheidung relevanten Fakten gänzlich zu überprüfen, genügend Spezialwissen zu erwerben, sich wirklich allumfassend zu informieren. Die Werkzeuge wären da, nur hat der Einzelne wenig Zeit, sie sich anzueigenen – und zudem tendieren Sachverhalte dazu, komplexer und damit widersprüchlicher zu werden, je mehr man über sie weiß.

„Vertrauen“ ist also ist das Zauberwort der Epoche, und alle werben damit oder dafür, Parteien, Produktmarken, Banken, Ärzte, Dienstleister. Vertrauen sollen und müssen wir zum Beispiel, dass VW bei den Abgaswerten nicht mehr schummelt, dass der Arzt die Laborergebnisse richtig deutet und dass hoffentlich nichts Schlimmes in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Softwaredownloads steht, die man da gerade per Mausklick als gelesen bestätigt hat. Oft möchte man vor lauter Überforderung den Kopf in den Sand stecken.

Ein herausragendes Kriterium für die moderne Auffassung von Glaubwürdigkeit ist sogenannte Authentizität. Authentisch, das meint „echt“, „original“, aber auch „wahrhaftig“, im Sinne es Selbst-Seins. Martin Heidegger nannte das seinerzeit dramatisch „Eigentlichkeit“. Auch das ist ein Erbe der Aufklärung, und es hängt eng zusammen mit der Idee der Autonomie. Ein Individuum und im vollen Sinn verantwortlich bin ich erst, wenn ich mir das Gesetz meines Handelns selbst gebe, beziehungsweise wenn ich die Regeln meines Handelns frei übernehme, aus eigener Entscheidung. Diesen schönen Gedanken gibt es nicht erst seit der Aufklärung, aber hier hat er sich demokratisiert und zu einem Anspruch erhoben, den die Romantik weiter ausbaute: Wahrhaftig ist, wer sich selbst ausdrückt, unmittelbar. Wichtig ist die Übereinstimmung mit sich, eine beständige Homogenität des Ich als einer Einheit. Wer tut, was er für richtig hält, wie Luther mit seinem „Hier stehe ich und kann nicht anders“, wirkt glaubwürdig. Helden verkörpern dieses Prinzip auf besondere Weise, weil sie mit ihrer ganzen Person für eine Sache bürgen.

Das Ideal der Authentizität nahm im 20. Jahrhundert erst richtig Fahrt auf. Natürlich gibt es berechtigte Kritik an der Vorstellung eines „wahren“ Kerns des Selbst und seiner Unmittelbarkeit. Und verflixterweise verwickelt sich das Ideal leicht ins Paradox, denn auf authentische Weise authentisch sein oder wirken wollen, das funktioniert nicht recht. Man kann sich Authentizität nicht als Projekt „vornehmen“. Auf den Hund gekommen ist das Konzept auch durch zu viel Abnutzung. Jede Werbung zielt heutzutage ins „Authentische“, selbst dort noch, wo sie ironisch das Künstliche bis zur Unmäßigkeit steigert – Gucci als Marke ist „echt“, selbst wenn (oder gerade weil) die Models posieren wie Aliens. Köstlich in dieser Hinsicht ist auch die staged authenticity, die „inszenierte Authentizität“, ein Verfahren des Ethno-Tourismus, das zahlenden Besuchern die Natur, Kultur und Bevölkerung eines Landes vorführen will. Einheimische tanzen und singen, als seien sie ganz unter sich. Wenn sich das für Zuschauer authentisch anfühlt, ist es dann nicht auch authentisch? Was waren noch mal die Kriterien für Glaubwürdigkeit und worin lag der Unterschied zwischen einem echten Rembrandt und einer perfekten Fälschung?

Staged authenticity kann sich das Individuum im Spätkapitalismus auch auf die eigenen Fahnen schreiben. Längst ist klar, dass der Arbeitsmarkt uns als Rohstoff ganz und gar will, mit Haut und Haaren, als Persönlichkeit, die authentisch rüberkommt und an sich arbeitet, um ihre employability, den Marktwert, zu erhalten. Die Paradoxien dieser Situation haben Otto Penz und Birgit Sauer in ihrem Buch Affektives Kapital (Campus 2016) gut zusammengefasst. Unter dem hegemonialen Verdikt der Verkaufbarkeit korrumpiert sich der letzte Rest von Authentizität. Selbstgesetzgebung? Autonomie? Freiheit? All das verlangt eine gewisse materielle und geistige Unversehrtheit. Und eben auch: Unabhängigkeit.

Der Politikwissenschaftler Hartmut Rosa markierte schon 2010 eine „institutionelle Entankerung von Autonomie und Authentizität“ – will heißen, dass die Basis für Authentizität, nämlich die Kontrolle über den eigenen Lebenslauf und gesicherte Verhältnisse, für viele Menschen längst zerbröckeln. Rosa illustriert das mit einem Bild, das er bei dem Psychologen Kenneth Gergen borgt: Wir sind nicht mehr Schwimmer im Meer, sondern Surfer. Da lenkt man vielleicht noch, aber die Richtung gibt die Welle vor. Das ist die Schwundstufe der Selbstgesetzgebung. Rosa vermutet, dass unter solchen Lebensbedingungen vor allem zwei Charaktertypen entstehen: Der „Depressive“, der sich erschöpft und verzweifelt zurückzieht, und der „religiöse und politische Fundamentalist“, der ganz auf Autonomie verzichtet.

Unaufrichtigkeit als Droge

Kommt Donald Trump authentisch rüber? Ja. Man nimmt ihm ab, dass er meint, was er sagt – auch wenn man weiß, dass er bewusst lügt. Warum aber glauben Menschen jemandem, der nicht glaubwürdig ist? Weil es hier nicht um Lüge oder Wahrheit geht, sondern um die Unaufrichtigkeit der Sucht – die immer versucht, Umwege zu sparen und direkt ans Ziel der Träume zu kommen. Die Droge ist ein Surrogat für etwas, das nicht existiert. Sie spielt mit einem unerfüllbaren Versprechen und wir kaufen es um den Preis einer Klarsicht, die möglich wäre, aber eben nicht ganz so schön. Frei nach Sartre: „Ich weiß, dass es nicht stimmt, aber es ist mir egal.“ Der spätere, kommunistische Sartre würde ergänzen, dass dies nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche Haltung sei. Unter totalitären Bedingungen kann es nur Verzweiflung oder blinden Glauben geben, aber keine Glaubwürdigkeit.

06:00 22.12.2016

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