Glauben Gespenster eigentlich an Gespenster?

Sachbücher Seltsame Zufälle, Wunder und Geisterfahrer. Prof. Dr. Schütz meint: Muss man ernst nehmen
Erhard Schütz | Ausgabe 40/2015

Im Durchschnitt soll der Mensch bis zu viertausend Gedanken pro Tag haben, die Träume nachts nicht gerechnet. Darunter negative, befremdliche, beschämende Gedanken. Nicht wenige davon seien also geistiger Ballast, meint, in britischem Understatement, der bekannte Wissenschaftsjournalist David Adam. Ausgehend vom eigenen Zwang, sich wahnhaft vor AIDS schützen zu wollen, gestärkt durch eine Therapie, entwickelt er höchst lebendig und mit Ironie und Selbstironie, wie es ist, wenn man in die Welt der Zwänge verstrickt ist – Putz- und Waschzwang, Sammelwut und Messietum, sexuelle Obsessionen.

Obsessive Gedanken und Handlungen, circa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leiden darunter in krankhaftem Maße ... Von außen gesehen, mag das recht lustig sein, Graf Zahl in der Sesamstraße, der zwanghaft zählende Vampir, oder Adrian Monk, der Privatdetektiv, der zwanghaft Symmetrie zu erzeugen versucht. Anders sieht es für die Betroffenen und die aus, die mit ihnen zu leben versuchen. Adam verbreitet bei aller Heiterkeit nicht allzu großen Optimismus, was die Aussichten angeht, das loszuwerden. Der „Affe in meinem Rücken“ bleibt als Begleiter auch nach erfolgreicher Therapie. Denn die „unerwünschten Gedanken“ sind ja letztlich auf vertrackte Weise für den, der sie hat, auch erwünscht. Im Teufelskreis von Kontrollsucht und Kontrollverlust.

Magisches Denken gehört zur Grauzone des Zwanghaften. Aber wie zwanghaft ist es, wenn wir nicht glauben können, dass Unwahrscheinliches nur Zufall sein kann? Der Mensch als zum Sinn gezwungenes Wesen hält schlecht aus, dass zwei zufällig gleichzeitige Ereignisse nicht miteinander in Verbindung stehen sollen. Insoweit ist das ein psychisches Phänomen, das von Quacksalbern jeglicher Provenienz gern ausgenutzt wird. David J. Hand ist emeritierter Statistik-Professor und arbeitet nun für einen Hedgefonds. Sein ungemein gut lesbares Buch entwickelt an vielen geduldigen Beispielen, dass für Mathematiker der Zufall gar nicht so zufällig ist, dass das Unwahrscheinliche mehr als nur wahrscheinlich ist.

Er beginnt mit Borels Gesetz, nach dem hinreichend unwahrscheinliche Ereignisse unmöglich sind, um dann zu Ausnahmen zu kommen, die wiederum mathematisch erklärt werden können. Unwahrscheinlichkeitsprinzip nennt er das und geht auf dessen Elemente ein. Das sind, abgesehen von der psychologischen Komponente: das Gesetz der Unvermeidlichkeit. Es ist unvermeidlich, dass beim Würfeln irgendwann eine Sechs oben liegt. Dann das Gesetz der großen Zahlen. Was geschehen kann, wird auch geschehen, wenn es oft genug unternommen wird: Wer sich ständig im Freien aufhält, hat die Chance, mehrfach vom Blitz getroffen zu werden.

Schließlich das Gesetz der Selektion, das zur psychischen Disposition hinführt, nämlich zur Neigung, erwünschte oder anschließbare Informationen zu verwenden und andere auszuschließen. Wir konzentrieren uns auf das Erwartete und blenden das Unerwünschte aus. Hand scheut sich dabei nicht vor exemplarischen Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Tabellen, doch es ist unwahrscheinlich, dass ein Nichtmathematiker ihnen nicht folgen kann.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass Gespenster an Gespenster glauben. Jacques Derrida aber schon, denn er meinte, dass das Phantom des Kommunismus auch weiterhin geistern wird. Das lässt sich naturgemäß auch von anderen Gespenstern behaupten. Und so gibt es nun schon eine schön wissenschaftlich klingende Hauntologie. Die handfesten Gespenster und Dämonen, die durch die Menschheitsgeschichte geistern, kehren ja auch als Medien der Medien immer und immer wieder. Da ist es recht nützlich, eine Inventur zu machen und die so schwer Fassbaren in eine ordentliche Systematik einzusperren. Also die Dämonen der Alten wie die Götter, Kobolde und Geldmännlein, Kornmuhmen und Butzemänner, Wasser- und Feuergeister, Frau Holle und Klabautermann, dämonische Liebhaber und wilde Jäger, Poltergeister und Schatzhauser, nicht zuletzt Zwerge, Feen und Aliens ... Sie werden von Christa Agnes Tuczay fein ordentlich durchsortiert und etikettiert. Nur der Geisterfahrer fehlt, aber das ist vielleicht auch gut so.

Und nun noch ein Gespensterschmankerl, ebenso an Geistern reich wie geistreich. Gespenster sind nicht gerade das, woran man die üblichen Kriterien exakt-empirischer Wissenschaft anlegen kann, schon weil sie, so Roger Clarke, meist nur ein einziges Mal gesehen werden. Was aber Clarke nicht anfocht, sich ihnen forschend zu widmen. Seit seiner Kindheit, erzählt er, sei er ihnen auf der Spur. Aber zu seinem Leidwesen habe er bisher lediglich mal in einem fremden Haus unerklärliche Geräusche gehört. Er hat jedoch eine einfache, einfach umwerfende Formel: „Grundsätzlich gilt, dass es Geister gibt, weil Menschen ständig berichten, dass sie Geister sehen.“ Als „Felder emotionaler Energie“ sind sie unabweisbar. Und so erzählt er frohgemut Gespenstergeschichten und Geschichten von Leuten, die Geister sahen, nicht ohne erst einmal in gut wissenschaftlicher Manier eine Taxonomie zu erstellen. Es folgt die Geschichte der Gespensterjagd und der prominentesten Jagdgenossen. Und nun die exemplarische Geschichte von solchen, die vom Friedhof kommen, bis hin zu steinewerfenden Poltergeistern und verhexten U-Booten.

England hat weltweit die größte Geisterdichte pro Quadratmeter, ein Umstand, den seit geraumer Zeit die Immobilienindustrie nutzt, indem sie Most Haunted Houses anpreist. Die Gespenstergeschichte ist „Englands großes Geschenk an die Welt“, aber sie ist eigentlich ein Import aus Deutschland. Im frühen 19. Jahrhundert rotteten sich im englischen Plebs nicht selten Geistermobs zusammen, zum Leidwesen der Ordnungshüter. Und dann erst das Tischerücken!

Eine große Erleichterung bei der Produktion mehr denn Reproduktion von Geistern war natürlich die Fotografie. Röntgenge-räte nicht zu vergessen. Es gibt allerlei Erklärungsversuche für alles, was nicht so einfach nach- oder von der Hand zu weisen ist, am Ende aber steht die Botschaft Houdinis aus dem Jenseits: „Glaube.“ Im Diesseits, und das zweifelsfrei, ist dies eine wundervolle, hinreißende Lektüre! Und feinst ausgestattet ohnehin.

Info

Zwanghaft. Wenn obsessive Gedanken unseren Alltag bestimmen David Adam dtv 2015, 300 S., 16,90 €

Die Macht des Unwahrscheinlichen. Warum Zufälle, Wunder und unglaubliche Dinge jeden Tag passieren David J. Hand C. H. Beck 2015, 288 S., 21,95 €

Geister, Dämonen – Phantasmen. Eine Kulturgeschichte Christa Agnes Tuczay marix 2015, 252 S., 5 €

Naturgeschichte der Gespenster. Eine Beweisaufnahme Roger Clarke Matthes & Seitz 2015, 333 S., 38 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 16.10.2015

Kommentare