Glauben ist nicht Wissen

Religionsunterricht Nach der Volksabstimmung in Berlin wird die Schule ideologischer. Der EKD-Vorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, verwechselt in seinem Eifer Information und Mission

Anno 1524 schrieb der Reformator Martin Luther „An die Bürgermeister und Ratsherren aller Städte in deutschen Landen“. Die Kommunalpolitiker, so forderte Luther, sollten Schulen einrichten für Jungen und Mädchen und dazu Bibliotheken mit allen erreichbaren Büchern aus Wissenschaft und Kunst; Werke aller „Dichter und Redner, ohne Rücksicht darauf, ob sie Heiden oder Christen sind“.

Der Aufruf zeigte Wirkung. Der Alphabetisierungsrad in den deutschen Landen stieg bis zum Jahre 1600 von einem auf zehn Prozent. Natürlich nicht bei den Katholiken. Denn die hatten ja im Jahre 1564 den Index librorum prohibitorum, den Index der verbotenen Bücher, eingerichtet. Die Wirkung des unterschiedlichen Umgangs mit Bildung und Wissenschaft ist nachhaltig. Noch heute, so Ludger Wößmann vom ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München, haben hierzulande die Protestanten ein höheres Bildungsniveau, „im Durchschnitt fast ein ganzes Bildungsjahr mehr“.

Das würde dafür sprechen, die frommen Berliner Bildungsenthusiasten – vorneweg der evangelische Bischof Wolfgang Huber – zu unterstützen, die den Religionsunterricht an den Schulen via Volksentscheid „Pro Reli“ zum Pflichtfach machen wollen, alternativ zum jetzt konfessionsübergreifend eingerichteten Fach Ethik. Könnten doch die Schüler von kompetenten Lehrern authentisch erfahren, was denn die Grundlagen sind für ihren christlichen Glauben.

Mission der Endzeit

Dummerweise ist die evangelische Kirche ebenso wenig wie die katholische daran interessiert, diese Grundlagen im Lichte der Erkenntnisse der Wissenschaften kritisch zu reflektieren. Anders als noch vor 100 Jahren, zu Zeiten eines Adolf von Harnack, des Gründers der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der Vorläuferin der Max-Planck-Gesellschaft, oder eines Albert Schweitzer, der neben anderen Großtaten auch eine „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ verfasst hat, spielen heute Theologie und kritische Theologen in der öffentlichen Diskussion keine Rolle.

Der Berufsethiker Bischof Wolfgang Huber, der gleichzeitig Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche (EKD) ist, agiert nämlich nahezu ausschließlich als Moralapostel. Moralische Fragen aber sollten in der Schule in direkter Auseinandersetzung der religiös unterschiedlich sozialisierten Schüler behandelt werden. Ein Volksentscheid im Frühjahr wird Aufschluss darüber geben, wie die Mehrheit aller Berliner das sieht.

Der unglückliche Missionsbefehls

Huber behauptet, das Evangelium selbst gebiete der Kirche, zu „Grundfragen des politischen und gesellschaftlichen Lebens Stellung zu nehmen“ – also etwa zu Bildungsfragen. Als Begründung für dieses „Gebot“ des Evangeliums zitiert er im Vorwort zu einer Denkschrift des Rats der EKD mit dem netten Titel „Das rechte Wort zur rechten Zeit“ allen Ernstes das Matthäus­evangelium, Kapitel 10, Vers 7, mit dem Jesus zugeschriebenen Satz: „Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“

Mit dieser Prognose hat sich Jesus bekanntlich geirrt. Auch wenn das angeblich nahe Weltende seither von Sektierern zu jeder Jahrhundert- und noch dringlicher zur Jahrtausendwende beschworen wird. US-Präsident Ronald Reagan hatte einst einen Evangelikalen, James Watt, zum Innenminister gemacht. Dieser hielt den Umweltschutz bereits deshalb für überflüssig, weil die „Endzeit“ unmittelbar bevorstehe.

Wolfgang Huber zitiert als Begründung für gesellschaftspolitisches kirchliches Engagement auch noch den „Missionsauftrag“ nach dem Matthäusevangelium. Dieses Evangelium dürfte in den Jahren 80-90 entstanden sein, also weit mehr als ein halbes Jahrhundert nach Jesu Tod. Im ältesten Evangelium, dem des Markus, ist von diesem Auftrag noch nicht die Rede. Vielmehr ist dieser dem Markus-Evangelium erst im 2. Jahrhundert hinzugefügt worden.

Der so verstandene Tauf- und Missionsbefehl war in der Kirchengeschichte Begründung für viel Unglück, das im Namen Jesu über die Menschheit gebracht wurde, bereits den von Karl dem Großen zwangsgetauften Sachsen, vor allem aber den Völkern Lateinamerikas bei ihrer Zwangsmissionierung. Von Jesus stammt der Satz nach heutigem Wissen sicher nicht.

Huber in guter Gesellschaft

Die Methode, einzelne Sätze aus der Bibel ohne Rücksicht auf den Kontext als jeweils aktuelle Gebrauchsanweisung zu nutzen, ist im kirchlichen Leben nach wie vor sehr beliebt. Seit 1731 wird die Bibel zu „Losungen“ für den Tag verzettelt, ohne Rücksicht auf den geschichtlichen Zusammenhang, in dem sie entstanden sind. Seit über hundert Jahren werden darüber Witze gemacht. Etwa, indem die Mitteilung aus dem Matthäus-Evangelium, Judas „ging fort und erhängte sich“ mit einem Satz aus dem Lukas-Evangelium kombiniert wird: „So geh hin und tu desgleichen!“ Natürlich ist der Kontext jedes Mal ein anderer.

Die historisch-kritische theologische Forschung lehrt seit 150 Jahren: „Die Bibel ist von Menschen geschrieben, sie ist ein menschliches Buch“ (so 1960 der Theologe Heinz Zahrnt). Das heißt, die Verfasser der biblischen Texte versuchten damit zugleich, die Welt nach ihrem Verständnis zu deuten. So ähnlich wie die EKD heute mit ihren „Denkschriften“ und „Handreichungen“, oder der Papst mit seinen Enzykliken.

Seit wenigen Jahrzehnten wissen wir aus der Gehirnforschung, dass der Mensch das natürliche Bedürfnis hat, hinter Fakten, die nichts miteinander zu tun haben, Absichten, Intentionen zu sehen und damit Zusammenhänge künstlich herzustellen. Doch bis zu Wolfgang Huber hat sich das anscheinend noch nicht herumgesprochen. Er befindet sich damit freilich in guter Gesellschaft der katholischen Kirche. Auch diese unterstützt ja Pro Reli in Berlin.

Lehre in der Unfreiheit

Während die theologische Forschung auf evangelischer Seite in Deutschland zwar ziemlich frei, aber ziemlich mutlos und schon gar nicht im interdisziplinären Gespräch ist, ist diese Forschung auf katholischer Seite, entgegen dem Wortlaut des Grundgesetzes, prinzipiell unfrei. Denn hier sorgt ein Lehramt im Vatikan dafür, dass „die gesunde theologische Forschung nicht beeinträchtigt werde“, wie dies die Glaubenskongregation anno 2007 formuliert hat.

Ein Konkordat bestimmt, dass ein Wissenschaftler auf einen theologischen Lehrstuhl nur berufen wird, wenn gegen ihn „hinsichtlich seines katholisch-kirchlichen Standpunktes“ keine Einwände bestehen. Das gilt nicht nur für die Theologen, sondern in Bayern zum Beispiel für die Inhaber weiterer 21 Lehrstühle für Philosophie, Pädagogik, Soziologie und Politikwissenschaft. Einer jener Philosophen auf einem Konkordatslehrstuhl, Wilhelm Vossenkuhl an der Universität München, behauptete jüngst, wer sage, dass es aus naturwissenschaftlichen Gründen keine Wunder gebe, verkünde einen Aberglauben (KNA 19.11.2008).

Die Gewissheit widerspricht der Freiheit

Welche Chance hätte eine Kirche heute, wo fast niemand mehr hineingeht, wenn sie ihre Arbeitsgrundlage, die Bibel, als ein Buch ernst nehmen würde, in dem sich „Dichtung und Wahrheit“ als Beleg für die jeweiligen Deutungen ihrer Verfasser finden! Ein bisschen weniger Gewissheit und mehr Zweifel würden den Intentionen der Heiligen Schrift eher entsprechen, als einzelne Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen und damit dann angebliche Handlungsnotwendigkeiten zu begründen. Das Abwägen könnten schon die Kinder in der Schule lernen. Die Gläubigen könnten lernen, zu akzeptieren, dass es – außer in der ganz persönlichen Lebensdeutung – keine Gewissheit geben kann und auch nicht geben muss. Denn Gewissheit widerspricht tatsächlich der Freiheit, sich auf eine Deutung einzulassen oder eben auch nicht.

Fundamentalisten, wie sie – übrigens gemeinsam mit Bischof Huber – letztes Jahr beim sogenannten Christival in Bremen auftraten und (ohne ihn) gegen die angebliche Sünde der Homosexualität wetterten, haben nicht die Freiheit, abwägen zu können. Religionsunterricht an den Schulen könnte auch diese lehren. Denn er fände, wie der Berliner Landesschulrat Hans-Jürgen Pokall jetzt betont, unter staatlicher Schulaufsicht statt, und läge nicht mehr, wie bisher der freiwillige Unterricht, in der Verantwortung der Kirchen. Allerdings müsste es die richtig ausgebildeten Lehrer dazu geben.

Martin Urban hat 1968 die Wissenschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung gegründet und 34 Jahre lang geleitet. In seinen Büchern versucht er, Konsequenzen der Erkenntnisse der Forschung für unser Weltbild zu zeigen. Zuletzt erschien von ihm Wer leichter glaubt, wird schwerer klug. Wie man das Zweifeln lernen und den Glauben bewahren kann (Eichborn Verlag 2007).

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07:00 12.02.2009

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