Glauben und Schweigen

Friedenspreis Habermas will die Sinnressource Religion retten

Die einen lesen, die anderen verändern die Welt." Der Spruch auf dem riesigen Werbeplakat eines Baumarktes direkt vor dem Eingang der Frankfurter Messe ventilierte ein uraltes Klischee. Doch wer sich vergangene Woche auf der Buchmesse bewegte, sah sich in dieser Vorurteilsnahme bestätigt. Ein Kollateralschaden dieses Krieges ist die schleichende Regression zur klassischen Arbeitsteilung zwischen Intellekt und Macht. Die einen räsonieren. Die anderen handeln. Zu mehr als solitären Feuilleton-Fanfaren wollen sich die Intellektuellen derzeit nicht aufschwingen. Ob es Günther Grass´ vertrauliche Gespräche mit dem Kanzler oder gedämpfte Gespräche an Frankfurter Verlagsständen sind. "Die Ereignisse" werden derzeit eher vertraulich, bilateral abgehandelt als im kollektiven Streit.

Mit einer gewissen Impertinenz fordert die Macht den Geist immer wieder symbolisch heraus. Im Frühjahr 1999 wollte sich in Leipzig zur Eröffnung der Buchmesse keiner von den Bombardements im Kosovo die gute Laune rauben lassen. Und gerade die paar hastig zusammengezimmerten bin Laden-Biographien und Reader zum 11. September 2001 diesen Herbst in Frankfurt zeigten, wie sich wieder alles hinter der Devise business as usual verschanzt. Der Krieg taugt höchstens zum Buch. Seine Messe wird gern als Vorschein des Dialogs der Kulturen, als friedliche Alternative zum Waffengang gepriesen. Im nächsten Jahr will sich der schnöde Markt mit dem Denkerforum "Futura Mundi" zum Davos des Buches adeln. Doch in der prekärsten Krise nach dem Zweiten Weltkrieg schaffte es eines der wichtigsten Foren der intellektuellen Weltöffentlichkeit nicht, auch nur eine Gesprächsrunde zum Krieg gegen Afghanistan zusammenzustellen. Von einer Messe der Nachdenklichkeit war wenig zu spüren. Eher von einer Normalität unter Schalldämpfer.

Zugegeben: die Lage ist schwierig. Nichts kennzeichnete den Zwiespalt, in dem sich Intellektuelle derzeit winden, besser als die amerikanische Fahne, die ein Berliner Verleger zum Defilee der Buchmessengäste demonstrativ vor seiner Frankfurter Villa aufziehen ließ. Aus "Solidarität mit den Opfern", wie er erklärte. Auf einem Bücherbord seiner Bibliothek fand die Festgesellschaft, vor der er unter den steinernen Blicken Joschka Fischers den Krieg als "notwendiges Übel" bezeichnet und sich von den "Kriegszügen der NATO" distanziert hatte, ein Bild von Che Guevara. Wieder einmal scheint die normative Kraft des Faktischen alle liebgewordenen Pazifizierungsformeln beiseite zu fegen. Ohne, dass man dem etwas entgegenzusetzen hätte. Auch wenn es keine Alternative zum Prinzip des "Kommunikativen Handelns" gibt, für das Jürgen Habermas mit dem Friedenspreis ausgezeichnet wurde. New York war auch ein Anschlag auf diese Formel. Das muss man erst mal verdauen.

Waren es dieser Zwiespalt, dieser Schock, die Angst vor irgendeiner Dolchstoßlegende, dass sich der Starnberger Aufklärer in Frankfurt nur im Pressegespräch zu der vagen Formel verleiten ließ, zu Beginn der Militärschläge auf Afghanistan habe er sich "nicht behaglich" gefühlt. Habermas versteckte seine unterschwellige Kritik am eigenen Lager hinter dem sanften Tadel an der Modernisierung à la Westen. Die vollzählig versammelte Staatsspitze quittierte diese historische Abstraktion von der aktuellen Lage mit spürbar erleichtertem Gesicht.

Habermas will den clash zwischen dem säkularen Westen und dem religiösen Osten entschärfen, indem er die Religion nicht bekämpft, sondern verwandelt, sozusagen umnutzt. Das steckte hinter seiner Paulskirchenformel von der "Säkularisierung, die nicht vernichtet". Mit seiner "dritten Partei" des "demokratisch aufgeklärten Commonsense" als Vermittler zwischen Wissen und Glauben propagiert der Tony Blair der Philosophie einen Dritten Weg der Modernisierung - jenseits von religiösem und szientistischem Fundamentalismus. Letzterer beginnt mit der entfesselten Gen- und Biotechnik sich auf seine Weise des einzigartigen Individuums Mensch zu entledigen, das auch den islamistischen Terroristen nichts mehr galt. Die Idee der "kritischen Anverwandlung des religiösen Gehaltes" hat in Zeiten, wo der Geist von den modernen Naturwissenschaften zum konditionierten Naturbündel ohne gesellschaftlichen Bezug herunterdefiniert wird, etwas Bezwingendes, wie Habermas´ Plädoyer für die Selbstbestimmung des Menschen zeigte, die er aus der "Geschöpflichkeit des Ebenbildes" Gottes ableitete.

In seinem neuen Roman 1979 lässt der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht seinen ob all des leeren Materialismus verzweifelten Helden das Purgatorium in chinesischen Umerziehungslagern suchen. Den Ausweg aus dieser Zwickmühle der westlichen Zivilisation suchte schon der Säulenheilige des Frankfurter Messeschwerpunkts, Nikos Kazantzakis, als er in den vierziger Jahren Buddhismus und Marxismus zu einem "channel of spirit" verbinden wollte. So verständlich also in diesen Tagen die wiederkehrende Suche nach den "Ressourcen der Sinnstiftung" ist und wir Jürgen Habermas natürlich glauben, dass er "religiös unmusikalisch" ist. Rehabilitiert nicht sein Paradoxon, "von der Religion Abstand zu halten, ohne sich deren Perspektive zu verschließen" ungewollt das Denken, das - nach einem Hebräer-Spruch - eine "gewisse Zuversicht" ist "des, das man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht"? Und Glauben und Hoffen, dass die Regierung Recht hat und nicht allzu sehr lügt, und alles nicht zu schlimm wird, was man nicht zu Gesicht bekommt, kennzeichnet schon die Haltung vieler Menschen in diesen Tagen. Die Schweigeminute auf der Buchmesse für die Opfer der New Yorker Anschläge verstärkte diese Zurückhaltung.

Habermas Waffenstillstandsangebot an die multireligiöse Welt hat den Nachteil, dass sie Respekt vor dem Anderen signalisiert, ohne das profane Ziel ganz aufzugeben. Gut gemeint, wie die Ankündigung des Schriftstellers Alban Nikolai Herbst, vor jeder Lesung eine Zeile aus dem Koran vorzutragen, weil der Islam mindestens so viel Kultur hervorgebracht habe wie das christliche Abendland. Doch wenn einer der Gründe für den "blockierten Geisteswandel" im arabischen Raum, den Habermas diagnostizierte, die Geringschätzung der Literatur und die Nichtakzeptanz der nichtreligiösen Sprache ist, wie arabische Intellektuelle in Frankfurt beklagten - warum dann nicht lieber mehr arabische Literatur vorlesen? Und ihre Verbreitung fördern? Mit dieser Arbeit schlüge die Stunde der Intellektuellen. So könnte Lesen die Welt verändern.

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00:00 19.10.2001

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