Gleiches Recht für alle

Freiheit Noch bevor die Philosophie eine theoretische Begründung liefern konnte, waren sie schon in der Welt: Eine kurze Geschichte der Menschenrecht

1. Die Sache ist älter als der Begriff

Das Menschenrecht gibt es länger als das Wort, mit dem es bezeichnet wird. Wer sich nur für das Wort interessiert, hat es leicht. Er braucht lediglich bis ins sechzehnte Jahrhundert zurück zu gehen, in dem es erstmals bei einem spanischen Dominikaner Verwendung findet. Es bezeichnet die originären Rechte der indianischen Ureinwohner des wenige Jahrzehnte zuvor entdeckten amerikanischen Kontinents, und es wurde geprägt, um die „Indios“ vor der Raub- und Mordlust der Konquistadoren zu schützen. Das war kein ungefährliches Unterfangen. Wer in dem unter kirchlicher Herrschaft stehenden Spanien für die Belange der ungetauften „Wilden“ eintrat, geriet in Verdacht, das christliche Missionsgebot zu unterlaufen, ganz abgesehen davon, dass er die Eroberung erschwerte. Also musste er damit rechnen, das Interesse der Inquisition auf sich zu ziehen.

Doch der Begriff wird geprägt, in diesem Fall: „las reglas de los derechos humanos“; wörtlich: „die Prinzipien der Rechte der Menschen“. Bartholomé de Las Casas verwendet den Ausdruck 1552 in einem Schreiben zur Verteidigung der peruanischen Ureinwohner an den mit der Sklavenfrage befassten „Indienrat“. Die Eingabe ist ohne Erfolg, aber der Begriff wird nicht mehr vergessen. 1612 nimmt ihn der Jesuitenpater Francisco Suárez wieder auf und erkennt in ihm das Fundament der Demokratie, an die seit dem schändlichen Ende des ersten Experiments mit dieser Staatsform in Athen niemand mehr zu glauben wagte.

2. Rasche Popularisierung des Begriffs

Zwischen Suárez und den Revolutionären des Englischen Bürgerkriegs, der 1642 zur Flucht des Königs und 1649 zu dessen Hinrichtung führt, liegt kaum mehr als eine Generation. Der Kampf wird wesentlich mit einem neuen Vokabular geführt, zu dem nicht nur Freiheit, Gleichheit und Toleranz, sondern auch die originären Rechte des Menschen gehören. Die Forderungen nach uneingeschränkter Öffentlichkeit, gerechter Verteilung des Eigentums, direkter Mitwirkung an den Belangen des Staates und Glaubensfreiheit werden durch die neuen Erzeugnisse der Presse wirkungsvoll verstärkt und finden breite Aufmerksamkeit. Die Menschenrechte werden praktisch eingefordert, noch ehe die Philosophen Zeit gefunden haben, eine ausgereifte theoretische Begründung vorzulegen.

Besonders profiliert sind die „Gleichmacher“, die Levellers, die sich auf die angeborene Gleichheit der Menschen und mit ihr auf die Freiheit eines jeden berufen. Dazu gehört das Recht auf persönliches Eigentum: „Alle Menschen sind von Geburt an gleich, und sie leben gleichermaßen, um ihr Eigentum sowie ihre politische und persönliche Freiheit (liberty and freedom) zu lieben“ – so heißt es 1646 in Richard Overtons Streitschrift Ein Pfeil gegen alle Tyrannen.

Von da an steht die Politik des aufstrebenden Bürgertums im Zeichen des Menschenrechts. Die Philosophen, allen voran John Locke, sind bemüht, es allgemein verbindlich zu begründen. Und es dauert keine hundert Jahre, bis das Wort zum Fanal einer politischen Bewegung wird, in deren Tradition wir bis heute stehen.

Der republikanische Impuls der Neuenglandstaaten, der in kurzer Zeit zur Erhebung gegen die Englische Krone führt, den Befreiungskampf beflügelt, auf Frankreich übergreift und mitten in den Ereignissen von Thomas Paine auf den Begriff der Rights of Man verdichtet wird, bleibt nicht auf die Schauplätze des Geschehens beschränkt, sondern wird weltweit wirksam.

3. Das Beispiel des Sokrates

Die Rede von den Menschenrechten begleitet die Globalisierung, seit sie durch die Entdeckungen und Eroberungen der frühen Neuzeit unwiderruflich gemacht worden sind. Das gilt für das Wort, das in allen Weltsprachen Karriere gemacht hat. Doch die dadurch bezeichnete Sache ist um einiges älter. Dafür finden sich zahlreiche Belege, nicht nur in der Tradition des antiken Naturrechts, nicht nur in den Büchern des Alten und des Neuen Testaments, sondern auch in Beispielen aus anderen Kulturen. Wenn Japaner der Ansicht sind, dass sie das Menschenrecht bereits in den rituellen Formen ihrer Höflichkeit respektieren, oder wenn chinesische Denker empfehlen, die humanistischen Schriften des Konfuzius-Schülers Menzius zu lesen, können wir in der Tat entdecken, dass der Grundimpuls des Menschenrechts keine Entdeckung der vor sich selbst erschreckenden modernen Europäer ist.

Einen der schönsten und in seiner existenziellen Bedeutung eindrucksvollsten Belege für die lange Tradition des mit dem Menschenrecht verbundenen Anspruchs findet sich in Platons Kriton. Dieser Dialog besteht aus dem Gespräch, das der treue Schüler Kriton mit dem zum Tode verurteilten Sokrates führt, um den Lehrer zu bewegen, aus dem Gefängnis zu fliehen. Der Plan birgt keine Risiken: Das Geld für die Bestechung der Wärter steht zur Verfügung und für einen bequemen Aufenthalt außerhalb Athens ist gesorgt. Doch Sokrates weigert sich. Er will den Gesetzen der Stadt Athen, auch wenn sie zum Schauprozess gegen ihn missbraucht worden sind, nicht zuwiderhandeln. Sie haben ihn sein Leben lang geschützt, für sie hat er sich als Bürger eingesetzt. Ihnen will er nicht untreu werden, nur weil andere sie missverstehen.

4. Freiheit als Grundrecht

In der Weigerung des den Tod nicht fürchtenden Sokrates liegt das bewegendste Bekenntnis zur Demokratie, das aus der Geschichte Athens überliefert ist. Und mit dem Argument, das Sokrates schließlich verwendet, wird es zum Ausgangspunkt einer sich im Gang von zwei Jahrtausenden allmählich klärenden Begründung für das Menschenrecht. Der Ausgangspunkt ist so leicht zu verstehen wie das Argument selbst: Die Gesetze Athens gestehen jedem Bürger die Freiheit zu, zu gehen oder zu bleiben, wie der Einzelne es will. Wenn er aber aus freien Stücken bleibt, dann hat er auch die Freiheit und die Gleichheit zu achten, die im Recht bewahrt ist, das alle zu schützen hat.

Für Sokrates ist die Freiheit des Einzelnen der Ursprung jeder rechtlichen Verpflichtung. Mindestens darin sind alle Bürger gleich. Deshalb kann es ein Recht nur geben, wo die Freiheit und Gleichheit des Einzelnen anerkannt sind. Dafür hat jeder mit seiner Freiheit ein Beispiel zu geben, auch wenn andere sie missverstehen.

Im Jahre 399 v. Chr. ist Sokrates vermutlich der Einzige, der dieser Schlussfolgerung praktische Geltung einräumt. Aber wenn wir sehen, dass der Ursprung des Menschenrechts in nichts anderem als in der politischen Garantie der Freiheit und der Gleichheit des Individuums liegt, ist sofort zu erkennen, dass in den 2000 Jahren bis zur öffentlichen Begründung des Menschenrechts durch John Locke nur ein kleiner systematischer Schritt zu bewältigen war.

5. Europa ist nicht der Nabel der Politik

Es besteht kein Anlass, die Bedeutung der modernen Genese des Menschenrechts zu schmälern. Wir bewundern die Leistung eines Thomas Paine, der aus den Rights of Man ein wirkungsvolles Instrument im antikolonialen Kampf für die amerikanische Unabhängigkeit gemacht hat. Wir schätzen Kants Neubegründung des Menschenrechts, nach der niemand das Recht haben darf, mit seiner Freiheit ein Hindernis für die Freiheit eines anderen zu sein. Und wir möchten Kants Schrift Zum ewigen Frieden nicht missen, in der das Menschenrecht erstmals zur Grundlegung einer friedlichen Weltordnung herangezogen wird. Kant ist es auch, der die Erhebung der amerikanischen Kolonien gegen das englische Mutterland von Anfang an begrüßt und im Kolonialismus der Europäer einen schweren Verstoß gegen die Grundrechte der Menschen beklagt.

Doch die politische Geschichte setzt nicht mit der Moderne ein und die politische Theorie nimmt ihren Anfang nicht erst bei Thomas Hobbes oder bei John Locke. Das bezeugen diese Denker selbst, denn zu ihren Einsichten gelangen sie in kritischer Rezeption der antiken Philosophie und Historiographie. Es kommt daher einer Verfehlung ihres Gegenstandes gleich, wenn die heutige Politikwissenschaft die Geschichte ihres Gegenstands auf die vier oder fünf Jahrhunderte des Westens verkürzt, dessen politische Dominanz inzwischen selbst schon Vergangenheit ist. Wir haben zu erkennen, dass die politischen Traditionen weit in die Geschichte einer Menschheit zurückreichen, in der auch die griechische Polis und die römische Republik nur Etappen mit einer großen Vorgeschichte sind.

Die heute erkennbaren Spuren des Politischen führen über Europas Grenzen hinaus in die Kulturgeschichte des alten Orients. Es sind die Burgsiedlungen des anatolischen Hochlands, die Hafengründungen am westlichen Mittelmeer sowie die großen Reiche an Nil und Euphrat, in denen die bis heute nachwirkenden politischen Formen entwickelt werden. Die Rede von der europäischen Hegemonie wird somit bereits durch die Frühgeschichte der Politik widerlegt, deren Ursprünge im afroeurasischen Dreieck des Nahen Ostens, zwischen dem äthiopischen und persischem Hochland und der Ägäis liegen. Parallele Entwicklungen in den großen Flusstälern des Mittleren und des Fernen Ostens kommen hinzu. Und stets sind es zwei Kulturleistungen, die für den Aufbau einer Herrschaftsorganisation unerlässlich sind, nämlich die Schrift und das Recht.

6. Das Recht begründet die Politik

Das Unerhörte an den Grund- und Menschenrechten ist, dass es ihnen über die Verfassungen der modernen Staatenwelt gelingt, sich die Macht zu unterwerfen. Wenn Ideen Rechtskraft erhalten, können sie Monarchen zur Abdankung und Präsidenten zum Rückzug zwingen. Auch der Zusammenbruch des Sowjetkommunismus und seiner Satelliten hat mit dem Machtpotential des Menschenrechts zu tun. Es entfaltet sich, sobald eine wache Öffentlichkeit die garantierten konstitutionellen Formen kontrolliert. Eben das war 1989 in allen sozialistischen Ländern der Fall.

In einer von Macht und Gewalt dominierten Welt muss die Kraft, die von bloßen Ideen ausgeht, ganz unwahrscheinlich wirken. Erkennen wir jedoch, dass die Politik bereits in ihren Anfängen auf das Recht angewiesen ist und dass sich ihre Geschichte als ein fortgesetzter Kampf um das Recht darstellen lässt, erscheint das nicht mehr ganz so unglaubwürdig. Tatsächlich nimmt das Menschenrecht Einsichten auf, die von Anfang an mit dem Recht verbunden sind. In allen Fällen geht es um die Lebenssicherung von Individuen, denen die gleiche Freiheit zugestanden werden muss, wenn man sie als Untertanen vom Vorteil des Stillhaltens überzeugen oder als Bürger zur Mitwirkung gewinnen will.

Diese im Recht angelegte Logik nehmen die Menschenrechte auf und machen sie für alle politischen Systeme verbindlich. Angesichts der historischen Tatsache, dass die Politik schon immer auf das Recht angewiesen war, muss niemand befürchten, dass sie unter dem Anspruch des Menschenrechts eines Tages handlungsunfähig wird. Im Gegenteil: Es ist das Menschenrecht, das die Politik zum globalen Handeln befähigt.

Volker Gerhardt ist Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Philosophie/ Rechts- und Sozialphilosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Er ist Mitglied des Deutschen Ethikrats

14:50 25.08.2010

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