Gleichheit

Linksbündig Den Familienwerten der türkischen Einwanderer ist man zu lange mit falscher Toleranz begegnet

Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen werden in der Türkei pro Jahr mindestens 200 Ehrenmorde begangen. Kurz vor dem Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen im Dezember 2004 verabschiedete das türkische Parlament eine Strafrechtsreform, um diesem Verbrechen ein Ende zu setzen. Wie viele andere, Hals über Kopf gemachte Zugeständnisse an das Ziel der Europäisierung des Landes - wie immer man sie auch verstehen mag - wird auch dieses Gesetz zunächst einmal auf tönernen Füßen stehen. Denn nun werden die Justizbehörden in der Südosttürkei mit einer höheren "Selbstmord"-Rate unter den jungen Frauen zu tun haben. Solange auf dem Weg nach Europa die Bereiche Bildung und Religion ausgeklammert werden, wird es für die Mörder auch ein leichtes sein, solche Gesetzesänderungen zu umgehen.

45 Ehrenmorde wurden in Deutschland zwischen 1996 und 2004 gezählt. Das hat bislang kein besonderes Aufsehen erregt. Nach den spektakulären Ehrenmorden von fünf Männern türkischer Abstammung an ihren Frauen in Berlin war das anders. Denn der Streit um die Bluttaten fiel zusammen mit der Veröffentlichung des Buches der Hamburger Soziologin Necla Kelek Die fremde Braut. Die Aufsehen erregenden Thesen der 1975 in Istanbul geborenen Frau, die in Deutschland Volkswirtschaft und Soziologie studiert hat, sind nicht so neu. Das Desinterssse der Immigranten an der Kultur des Landes, in dem sie leben, ist kein neues Argument. Die Tatsache, dass eine türkischstämmige Frau dies öffentlich anprangert, macht die Vorwürfe so brisant. Die "türkischen" Rezipienten fühlen sich in ihrer "Ehre" gekränkt. Die Kritik an der Verletzung der Würde junger Menschen wurde von diesen bis jetzt hingenommen, ja oft genug selbst betrieben. Sie sähen es lieber, wenn Kelek ihre Kritik an den Missständen, die sich in der Parallelgesellschaft im Namen der Religion und der Tradition abspielen, ebenfalls hinter verschlossenen Türen artikulierte. Denn Keleks Kritiker stellen die Ehre der Gemeinschaft vor die Würde des Individuums.

Die Reaktion des türkischen Publikums ist jedoch nicht der einzige Grund, weswegen Keleks Buch der etwas ziellos dahin vegetierenden Diskussion um die Integration vermutlich eine neue Dynamik verleihen wird. Die Autorin stellt das milde Urteil eines Bremer Gerichts im Falle eines Ehrenmords in Frage, das mit den "stark verinnerlichten heimatlichen Wertvorstellungen" begründet wurde. Dieses Beispiel ist aber nur eins von mehreren für die falsche Toleranz, die bei den deutschen wie den türkischen Demokraten zu einer Ignoranz gegenüber den Ehrenmorden sowie Freiheitsberaubungen und Zwangsverheiratungen führte. Wenn jedes Jahr massenweise 16-, 17-jährige Mädchen und Jungen in den Sommerferien in die Türkei geschleppt werden, um sie zu verheiraten, oder umgekehrt von den Müttern gekaufte Bräute hierhin gebracht werden, um diese dann von der deutschen Gesellschaft vollkommen isoliert gefangen zu halten, ist dies ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Wenn diese Missstände im Namen des Respekts gegenüber anderen Lebensweisen und Kulturen geduldet werden, schlägt das Romantisieren der sogenannten "intakten Familienwerte" der Immigranten irgendwann in Missachtung der Werte der Zivilisation um. Dieser Fehler liegt nun offen zu Tage.

Es mag provozierend klingen: Aber blendeten vielleicht nicht doch ein paar Feministinnen, Grüne und Sozialarbeiter bei dem einen Teil dieser Begriffe wie "Zwangsheirat" und "Ehrenmord", nämlich "Heirat" und "Ehre", die andere Hälfte dieser Worte, nämlich "Zwang" und "Mord", unbewusst aus? Weil das libertäre Milieu eine fremde "Kultur" nicht gern drangsalieren wollte? Die Verantwortlichen in Politik, Justiz und Bildungsinstitutionen haben immer da versagt, wo sie alles, was in ihren Augen auf den ersten Blick mit humanistischem Miteinander nicht zu vereinbaren war, durch eine kulturalistische Brille sehen wollten. Warum müssen deutsche Kinder an einer Klassenfahrt teilnehmen, während türkische Mädchen oft genug mit einer dubiosen Bescheinigung religiöser Vereine vom Schwimmunterricht befreit wurden?

In einer Zeit rigider Grenzziehungen sollte man sich davor hüten, jetzt alte Feindbilder vom "unzivilisierten" Türken neu zu beleben. Aber vermutlich wären wir nicht nur in Sachen Integration ein Stück weiter, sondern hätten auch viele junge Menschen real geschützt, wenn sich alle Verantwortlichen einfach an das Grundgesetz und seine Gleichheitsverpflichtung gehalten hätten.


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00:00 04.03.2005

Ausgabe 39/2020

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