Wolfgang Kersting
03.09.2010 | 17:30 3

Gleichheit ist Glück?

Essay Der Common sense sagt, die Gesellschaft ist bekömmlicher, wenn in ihr Gleichheit herrscht. Die Autoren von "The Spirit Level" unterstützen diese These mit Statistiken

 Antike und Mittelalter glaubten noch, das Glück allgemeingültig bestimmen zu können. Die Moderne vermag diesen Optimismus nicht mehr zu teilen. In der Moderne ist das Glück subjektiviert worden, verwandelte sich der Glücksbegriff in eine Sammelbezeichnung für die Befriedigung individueller Präferenzen. Und diese sind zum einen unterschiedlich, zum anderen - auf Grund der strukturellen Knappheit aller Glücksgüter - konfliktuell. Deshalb läßt sich auf dem Glück keine Ordnung errichten.

Mehr haben und mehr bekommen

Denn jede Ordnung muß der fundamentalen neuzeitlichen Legitimationsbedingung allgemeiner Zustimmungsfähigkeit genügen. Daher ist es notwendig, die Glücksebene zu transzendieren und einen unparteilichen Standpunkt einzunehmen, von dem aus nur noch verallgemeinerungsfähige Interessen in den unparteilichen Blick geraten. Die Instabilität eines Glücksfundaments zeigt folgende Überlegung. Gehen wir von einem Verteilungszustand V zum Zeitpunkt t1 aus, dann können wir annehmen, dass einige mehr haben als andere. Die, die mehr haben, möchten noch mehr haben, oder zumindest das, was sie haben, behalten; die, die weniger haben, möchten ebenfalls mehr haben, am besten so viel wie die anderen, Besserverdienenden, Talentierteren und vom Schicksal auch sonst Verwöhnteren. Egalisierende Maßnahmen müssen daher notwendigerweise zugleich Glück und Unglück hervorrufen. Denn den Mehrhabenden wird genommen und den Wenighabenden wird gegeben. Da nun ein und dieselbe Egalisierungsaktion den Egalisierungsopfern Unglück, den Egalisierungsnutznießern hingegen Glück bringt, ist es wenig sinnvoll, sich bei sozialstaatlichen Gleichheits- und Ungleichheitsdiskussionen auf den schwankenden Boden des Glücks zu stellen. Nirgendwo steht geschrieben, daß das Glück der Neider, Benachteiligten und Wenighabenden ein größeres moralisches Gewicht besitzt als das der beati possidentes.

Wenn nun dem Glück der Habenichtse kein größeres moralisches Gewicht zukommt als dem der Besitzenden, dann – so könnte der Eudämonist argumentieren – bestünde Gerechtigkeit eben darin, jedem gleiches Glück zu garantieren. So wären Glück, Gerechtigkeit und Gleichheit in einer Formel vereinigt – wie in dem plakativen und völlig fehlübersetzten deutschen Titel des hier zu besprechenden Buches. Aber dieser Vorschlag taugt nichts. Bereits die Wendung „gleiches Glück“ ist unverständlich, da individuelle Befriedigungszustände nicht vergleichbar sind. Es gibt keine Taxonomie der Präferenzerfüllung. Daher macht es auch keinen Sinn, Gerechtigkeit als Glücksgleichheit zu bestimmen. Wenn wir Glücksgleichheit als Gerechtigkeitskriterium einführen, erhalten wir außerdem Ergebnisse, die mit unseren Gerechtigkeitsvorstellungen kollidieren. In der Literatur spricht man von dem Problem des teuren Geschmacks. Man stelle sich vor, die eine Hälfte der Gesellschaft bestünde aus Seltersmenschen, die andere Hälfte aus Champagnermenschen. Um Champagnermenschen glücklich zu machen, muß weitaus mehr aufgewendet werden als zur Befriedigung der Seltersmenschen. Hier für Gerechtigkeit, für Glücksgleichheit zu sorgen, verlangte also von den Seltersmenschen, den teuren Geschmack der Champagnermenschen zu subventionieren.

Ein Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit, Gleichheit und Glück?

Aber von all diesen Überlegungen läßt sich der Common sense nicht sonderlich irritieren. Er ist davon überzeugt, daß zwischen der Gerechtigkeit, der Gleichheit und dem Glück ein Zusammenhang besteht, daß eine Gesellschaft bekömmlicher ist, wenn in ihr Gleichheit herrscht und sie darum auch als gerecht, zumindest als gerechter bezeichnet werden kann. Und diese Common-sense-Überzeugung erfährt durch Richard Wilkinson und Kate Pickett starke Rückendeckung. Denn die beiden Autoren sind Datensammler, die in den letzten Jahren die Statistiken der Industriegesellschaften durchforstet haben, auf der Suche nach Korrelationen zwischen Einkommensverteilungsmustern und dem Ausmaß sozialer und gesundheitlicher Probleme. Und obwohl im Hintergrund immer der Verdacht lauert, dem alle Statistiker ausgesetzt sind, nämlich Korrelationen mit Kausalitäten zu verwechseln, ist ihr Befund einleuchtend: ein Gleichheitszuwachs kommt der Gesamtgesellschaft zugute, vermindert die Kosten der durch Armut erzeugten sozialen und gesundheitlichen Probleme. Diese Probleme – soziale Desintegration, psychische Erkrankungen, gesundheitliche Mängel und sinkende Lebenserwartung, wachsende Unbildung, Anstieg von Gewalt und Drogenkonsum, Überbelegung der Gefängnisse, mangelnde soziale Mobilität, fehlende Möglichkeit sozialen Aufstiegs, Zukunftsverlust und lebensethische Apathie – sind soziale Krankheitsherde; sie liefern daher die Kriterien, mit denen das Autorenpaar die Bekömmlichkeit und Unbekömmlichkeit von Gesellschaften mißt. Und sie sind allesamt, dies die diagnostische These, Auswirkungen der Ungleichheit, können also durch angemessene Umverteilungsmaßnahmen, durch Anheben des Durchschnittseinkommens erfolgreich bekämpft werden.

Autoren wollen die Gesellschaft nicht sozialistisch Umstürzen

Obwohl das Buch auf Halden von Daten beruht, ist es nicht mit Zahlenreihen angefüllt. Die Autoren haben sich auf übersichtliche – freilich aufgrund mangelnder Zahlenbefunde nicht nachprüfbare – Diagramme beschränkt, in denen ihre Wasserwaagenmessungen der Abhängigkeit zwischen Einkommensungleichheit und dem Ausmaß verschiedener sozialer und gesundheitlicher Problemfelder anschaulich dargestellt wird. Und der Text besteht im wesentlichen in der Interpretation dieser Diagramme, die in einer leicht verständlichen und erfreulich unaufgeregten Sachbuchsprache vorgetragen wird. Ärgerlich ist nur der deutsche Titel, der offensichtlich vermutete egalitaristische Instinkte der deutschen Sozialstaatsmentalität bedienen möchte. Wörtlich übersetzt lautet der Originaltitel: Wasserwaage . Warum gleichere Gesellschaft fast immer besser dran sind. Diese Formulierung ist weitaus zurückhaltender und vermeidet die Großworte des Glücks und der Gerechtigkeit. Auch im Text ist von Glück und Gerechtigkeit nicht die Rede, sondern nahezu ausschließlich von den unterschiedlichen sozialhygienischen Auswirkungen unterschiedlicher Einkommensverteilungsmuster. Ein Bezug zum Glück besteht hier nur insofern wie ein soziales Umfeld, das nicht mit den genannten Problemen belastet ist, den einzelnen Individuen im Durchschnitt eine günstigere Lebensentwicklung ermöglicht. Eine kriminalitätsarme Gesellschaft wird darum einer kriminalitätsverseuchten Gesellschaft vorzuziehen sein. Aber nicht nur das Glück ist hier auf das Niveau allgemein vorzugswürdiger gesellschaftlicher Zustände reduziert, auch die Rede von der Gleichheit bleibt – trotz der starken Titelmetapher "Spirit Level" –zurückhaltend. Nichts sozialistisch Umstürzlerisches haben die Autoren im Sinn. Der Modus des Komparativen, Graduellen wird nie verlassen. Immer geht es nur um mehr oder weniger Gleichheit. Daher müssen die konzeptuellen Anstrengungen, die die Daten zum Sprechen bringen, auch das bescheidene Theorieniveau des Common sense nicht übersteigen. Das Buch leistet das, was man bestenfalls von Statistiken erwarten darf: eine Bestätigung dessen, was der wirklichkeitsaufmerksame Alltagsverstand mit einiger phänomenologischen Begabung ohnehin immer schon wußte.

Hätte es sich freilich den Titel gegeben, den es in der deutschen Übersetzung erhalten hat, dann hätte dieser sorglose Umgang mit den Begriffen der Gleichheit und des Glücks kritisiert werden müssen. Dann hätte gefragt werden müssen, wie es denn in totalitären Gesellschaften, die – nach einem bekannten Wort Adornos – nichts dulden, was ihnen nicht gleich ist, um Glück und Gerechtigkeit steht. Dann hätte man sich mit dem Gleichheitsgradualismus nicht zufrieden geben können, eine genauere Bestimmung des Gleichheitsbegriffs und eine Klärung des Verhältnisses von Gleichheit und Gerechtigkeit verlangt. So aber kann sich das Buch mit einer generellen Bekräftigung des welfaristischen Status quo der marktwirtschaftlichen Demokratien begnügen und es bei einer freundlichen Mahnung an die Politiker des Westens, in den egalitaristischen Anstrengungen nicht nachzulassen und in harten Zeiten nur ja nicht nach Vorwänden für eine Minderung des Gleichheitsniveaus zu suchen, belassen.

Wolfgang Kersting ist seit 1993 Professor für Philosophie und Direktor am Philosophischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. In seinen Buchveröffentlichungen setzt er sich vor allem mit Kant, Hobbes und Rawls sowie den Begriffen Gerechtigkeit und Freiheit auseinander. Sein Buch "Verteidigung der Freiheit" wurde mit der Corine für das beste Wirtschaftsbuch 2010 ausgezeichnet. Der Essay erschien zuerst beim Progressiven Zentrum, mit dem der Freitag gemeinsam die Mitte-Links-Debatte organisiert.

Kommentare (3)

Verwendungszweck 05.09.2010 | 13:24

"... belassen"?

Hab' ich was verpasst? Europaweit müssen die "kleinen Leuten" und die Unterschicht für die Verfehlungen der Wirtschafts- und Polit-"Elite" bluten.

Egalitaristischen Anstrengungen gab's in Deutschland zuletzt in den 70ern. Seither üben wir den Rückfall in die Klassengesellschaft.

Eine Klassengesellschaft Version 2.0: Die, die das Sagen haben, nutzen ihren Einfluss, um noch weniger Steuern zu zahlen.

claudia 06.09.2010 | 10:15

Klarer wird es, wenn man statt des nebulösen "Gleichheits"-Begriffes sagt:
Alle Menschen sind gleichberechtigt zur Teilhabe am Kreislauf von Produzieren und Konsumieren. Wobei der Begriff "Produzieren" nicht eng industriell zu sehen ist, sondern als "gesellschaftlich nützliche Arbeit" im Rahmen der indiviuduellen Fähigkeiten. Und der Begriff "Konsumieren" alle Früchte der Arbeit einschliesst.

Wer garantiert, dass in diesem Recht kein/e Bürger/in schlechter gestellt wird als der/die andere ist demokratisch legitimiert.

Man kann daraus zwar ableiten:
"Der 'Genuss der Früchte der Arbeit' setzt voraus, dass die eigenen Fähigkeiten im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zum Nutzen der Allgemeinheit eingesetzt werden."
Aber diese Voraussetzung halte ich nicht für undemokratisch.