Globale Perestroika

Synthese in grün Michail Gorbatschows Manifest für globale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung

Es war eine grandiose Show, die im letzten Oktober anlässlich der Verleihung der "4. World Awards" im Hamburger Atlantic Hotel abging. Die Sektprominenz war fast vollzählig vertreten, und einer überstrahlte alle: Michail Gorbatschow, der Award-Präsident und Leiter von "Green Cross International". 15 Jahre nach Glasnost und Perestroika elektrisiert der ehemalige Staatschef der Sowjetunion noch immer sein Publikum, auch in einem Hamburger Nobelschuppen, wo er mit stehenden Ovationen empfangen wurde.

In seiner Heimat allerdings haftet ihm eher der Ruf des Verräters an, der Russland ins Elend gestürzt hat. Dennoch: Seine Verdienste um Glasnost und Perestroika sind mitsamt dem Friedensnobelpreis 1990 einen schönen Eintrag ins Geschichtsbuch wert. Das Kapitel Gorbatschow könnte man seitdem als abgeschlossen betrachten. Doch der Ex-Staatschef überrascht seither weiter. Nicht mehr in dieser Rolle, sondern in jener des engagierten Mahners. 1992 gehörte er zu den Mitbegründern der nichtstaatlichen Organisation Green Cross International (GCI) und wurde deren erster Präsident.

Hinter diesem Wandel vom roten Zar zum grünen Aktivisten steckt kein Saulus-Erlebnis, vielmehr, wie Gorbatschow nun in seinem Buch Mein Manifest für die Erde erzählt, ein früh angelegter, seit Jahren gereifter Prozess. 1931 im Nordkaukasus geboren, wuchs er in Armut auf dem Land auf: "in einer traditionellen Hütte mit Sandfußboden". Er wurde als Junge Zeuge der Kollektivierung, des Krieges, der stalinistischen Verfolgung. Vor allem ein Satz sei ihm über all die Jahre in Erinnerung geblieben, ein Ausspruch des Agronomen Iwan Mitschurin: "Wir dürfen keine Geschenke von der Natur erwarten - unsere Aufgabe ist es, ihre Gaben an uns zu reißen!" Trefflicher lässt sich der zivilisatorische Ingrimm des Sowjetsystems kaum formulieren.

1970 durfte Gorbatschow als neu gewählter Abgeordneter des Obersten Sowjets Platz im Ausschuss für Umweltschutz nehmen, wo er immerhin beschränkten Einblick in erschütternde Umweltdossiers erhielt: ruinierte Fischbestände, abgeholzte Wälder, austrocknende Seen, verseuchte Böden. Mit Glasnost, also Offenheit, verband Gorbatschow daher ab 1985, nunmehr als Generalsekretär der KPdSU, auch die Hoffnung, die "erwachende Bürgergesellschaft" würde zur Kritik an der Umweltmisere ermuntert.

Sein Wissen und sein Engagement rettete er in seine neue Aufgabe hinüber. Das "Grüne Kreuz" hat sich die Beseitigung der globalen Umweltprobleme auf die Fahne geschrieben. Mit besonderem Nachdruck widmet es sich der ökologischen Kriegsfolgen sowie der gerechten Verteilung der knappen Wasserressourcen. Im Jahr 2000 hat es auch die "Erd-Charta" mit initiiert, die aus einem Grundsatz-Katalog für globale Verantwortung und nachhaltige, gerechte Entwicklung besteht. Unter den zahlreichen ökologischen NGOs nimmt das "Grüne Kreuz" eine besondere Stellung ein. Entsprechend dem Rang ihres Präsidenten entfaltet es seine Sponsor-Aktivitäten in den höheren Sphären des politischen und gesellschaftlichen Lebens. Mitglieder und Freunde bilden ein "Who is Who" des gehobenen Weltestablishments. Bei diesen Herrschaften findet man weder Jute noch Ökosandalen.

Dieser Kontext färbt auch auf Gorbatschows "Manifest" ab. Seine "Analyse", wenn es denn überhaupt eine ist, glänzt nicht durch philosophische oder soziologische Reflexionen, sondern durch eine eher summarische, wenn auch triftige Bestandsaufnahme der globalen ökologischen Situation. Originalität ist nicht Gorbatschows Sache. Der Bezug auf Lenins radikale Programmschrift im Kapitel Was tun! bleibt reines Zitat. Dennoch: Seine Forderungen sind beherzigenswert: "Die Demokratie muss heute beweisen, dass sie nicht nur als Gegengewicht zum Totalitarismus existiert", sondern aktiv am Ziel von Gerechtigkeit und Gleichberechtigung arbeiten will. So harmlos können Utopien klingen.

Gorbatschows Auftreten, sein Manifest verraten noch immer den ehemaligen Staatschef, der um die diplomatischen Gepflogenheiten weiß und nicht frei von Selbstgefälligkeit mit den Führern der Welt wie mit Seinesgleichen verhandelt. Doch klingt es durchaus glaubhaft, wenn er schreibt, dass ihn sein Engagement "gleichsam zu einer Synthese meines Lebens" geführt habe. Kollegen aus alten Tagen wie Nursultan Nasarbajew oder Eduard Schewardnadse demonstrieren, dass sich im Alter Dümmeres anstellen lässt als ein Manifest für die Erde. Und wo Gorbatschow Recht hat, hat er Recht: "statt Aquädukte zu bauen und Methoden zur Erhaltung, Säuberung und effektiveren Nutzung des Wassers" würden im Nahen Osten bis heute bloß Milliarden für Waffen ausgegeben - nicht zuletzt, weil das Wasser knapp ist. Die Forderung, den "Zugang zum Wasser" als Menschenrecht zu installieren, ist daher von einiger und mit Sicherheit noch immer unterschätzter Brisanz.

Im Nachwort zu seinem Manifest fällt schließlich auch die staatsmännische Zurückhaltung weg. Gorbatschow hat es nach dem Johannesburger UN-Weltgipfel im Herbst 2002 verfasst. Seine vorhin professionell optimistische Haltung verwandelt sich hier in spürbare Enttäuschung über staatliche Eigeninteressen und schale Kompromisse. Der Elan, den der Wandel 1990 hervorgerufen habe, sei verpufft, konstatiert er bitter. Und in Bezug auf das dringliche Wasserproblem sei entschieden zu wenig erreicht worden. "Wenn wir nichts als ein Vermächtnis leerer Versprechungen und verpasster Gelegenheiten hinterlassen, haben wir ein gnadenloses Urteil verdient." Es bleibt zu hoffen, dass es nicht soweit kommt. Sondern dass sich die Vision des kämpferischen, engagierten Gorbatschow bewahrheitet, und nicht die verheerende Politik eines Bush junior. Denn ökologisch wird nichts mehr zu retten sein, sollte Amerikas Exploration des Mars zynischerweise sogar einen Sinn ergeben: als Testgelände für ein Überleben auf der Erde, wenn die Menschheit so weiter macht wie bisher.

Michail Gorbatschow: Mein Manifest für die Erde. Aus dem Russ. von Bernd Rullkötter. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2003. 156 S., 17,90 EUR

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00:00 13.02.2004

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