Glück, Erfolg und Geld

Elite Scientology ist weder eine Kirche noch eine Sekte

Der CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla schimpfte: "Es ist unerträglich, dass sich Scientology in der Hauptstadt breit macht." Und Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands, warnte: "Im Namen einer Religionsgemeinschaft werden Menschen bedrängt und Geschäfte gemacht." Ursula Caberta, Leiterin der Arbeitsgruppe "Scientology" in der Hamburger Innenbehörde glaubt in der Eröffnung des Berliner Bürohauses ein weiteres Etappenziel einer "generalstabsmäßigen Gesamtplanung namens ›Kreuzzug Europa‹" zu erkennen. "Die Organisation führe Krieg gegen das demokratische System", so Caberta.

In Madrid, London und Brüssel sind Scientology-Zentren bereits am Werk. Für Scientology werben Hollywoodstars wie Tom Cruise, der Jazzpianist Chick Corea, John Travolta und Ann Archer. Cruise und seine dritte Ehefrau Katie Holmes ließen sich in Italien von Scientology-Führer David Miscavige trauen. Travoltas Ehefrau Kelly Preston erscheint auf der Internetseite des eigens für prominente Unterstützer eingerichteten Celebrity Centres in Hollywood mit dem australischen Popstar Kate Ceberano und Schauspielern wie Anoush NeVart, Marisol Nichols oder Vincent Caso. Die Strategie, über Leinwand- und Bildschirm-Idole in die Hirne der Menschen zu finden, stammt von Scientology-Gründer Ron Hubbard (1911-1986): "Eine Kultur ist nur so groß wie ihre Träume", schrieb der Autor von Science-Fiction-Romanen 1951, "und diese Träume werden von Künstlern geträumt."

Deshalb sollen weitere "Celebrity Centres" für Berühmtheiten entstehen, wie sie bereits in New York, dem Country-Mekka Nashville (Tennessee), London, Paris, Wien und Florenz existieren. Eine Reihe von Schauspielern, ausnahmslos Scientology-Mitglieder, spendierten Hillary Clinton für ihren Senatswahlkampf über 70.000 Dollar, Tom Cruise überreichte dem einstigen Vizepräsidenten Al Gore 5.000 Dollar, und John Travolta veranstaltete gemeinsam mit anderen Scientologen ein Gala-Diner zugunsten der Demokratischen Partei (Eintrittspreis: 25.000 Dollar). Auf einer Veranstaltung hatte Ex-Präsident Clinton Travolta öffentlich versprochen, die Verbreitung der Scientology-Ideologie auch in Deutschland zu unterstützen.

Scientology, von vielen Kritikern als Sekte beschimpft, ist bei genauerer Betrachtung aber keine Sekte oder Religionsgemeinschaft, sondern Teil einer spätbürgerlichen Ideologie, die um Vorherrschaft in der Welt kämpft. Ob Sekte oder Kirche, sie glauben an eine Offenbarung! Glauben heißt aber nicht zu wissen! Scientology glaubt an keine Offenbarung, sondern behauptet, wissenschaftlich zu sein.

Die frühbürgerliche Tradition von "Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!", ist den Führern dieser, sich wissenschaftlich nennenden Ideologie, ein Dorn im Auge. "Wir kennen unsere Feinde, ehe sie zuschlagen. Wir halten sie von wichtigen Positionen fern. Wenn wir einen zufälligerweise in eine Schlüsselposition bringen und er anfängt, Fehler zu machen, dann schießen wir schnell und sprechen später Recht. Und wir zählen dann zusammen, wer seine Freunde und Genossen waren", schreibt Ron Hubbard in seinem Handbuch des Rechts.

Wie und wer zuschlägt, zeigte sich am 27. Januar 1997. An diesem Tag verurteilte die Regierung in Washington die Maßnahmen Deutschlands gegen die Scientology-Organisation. Einige Tage später veröffentlichte das dem US-Außenministerium angegliederte Bureau for Democracy, Human Rights and Labor (BDHRL) seinen Jahresbericht zur Situation der Menschenrechte in der Welt. Darin wird Deutschland heftig angegriffen und in der Liste der Länder, welche die Religionsfreiheit missachten, gleich hinter China eingestuft. Der Bericht erschien zeitgleich mit einer Öffentlichkeitskampagne der Scientologen, die in verschiedenen Ländern mit Anzeigen gegen die Nichtanerkennung als Kirche protestierten. Scientology selbst verglich sich mit den verfolgten Juden im Faschismus.

Die groß angekündigte "Spiritualisierung der Welt", die Scientology weltweit organisiert, dient vor allem dem Zweck, die amerikanische Hegemonie auch in den Köpfen der Menschen abzusichern. Die Globalisierung der Märkte und der amerikanischen Werte, so das Institute on Religion and Democracy, das vom US-Außenministerium protegiert wird, sei den Vereinigten Staaten von der Bibel aufgetragen. Scientology soll helfen, die europäischen Köpfe zu reinigen. Die Europäer sollen nicht länger Voltaire, Hegel oder Marx studieren, sondern ihren "Thetan" (Geistwesen), den sie in Scientology-Kursen für den Kampf um Ansehen, Macht und vor allem Geld trainieren sollen. Dass die Scientologen für diese Kurse viel Geld kassieren, ist nur ein Nebenaspekt ihrer Aktivitäten. Vor allem wollen die Teilnehmer ihre Ängstlichkeit überwinden und selbst Elite werden.

Ihnen wird versprochen, dass sie selbst viel Geld kassieren werden, ohne dabei das Gefühl zu haben, viel Geld zu besitzen sei unmoralisch. "Jeder in einer Gesellschaft sollte zwar bedingungslos das Recht haben, soviel zu verdienen, wie er kann," schreibt Hubbard in seinem Buch Die Wissenschaft des Überlebens von 1983, "da dies ein grober Maßstab seines Wertes für die Gesellschaft ist (und man sollte nie den Fehler machen, etwas anderes zu glauben); aber durch Erbschaften und seltsame Möglichkeiten, die sich aus Geld herausholen lassen, kann es als Maßstab stark verfälscht werden. Wenn es verfälscht wird, so werden die Reichen von einer Gesellschaft verurteilt und zum Sündenbock für alle Krankheiten der Gesellschaft gestempelt, obschon ein recht großer Prozentsatz dieser Menschen die eigentlichen Grundpfeiler sind, auf die sich das Leben der Gesellschaft stützt."

Hubbard zeigt sich hier ganz als Stratege. Er ermuntert die nach Anerkennung und Sinn hechelnden Mitglieder nicht nur geldgierig zu werden, sondern erkennt die Gefahr für die Reichen, wenn sie zu schnell und ohne eigenen Einsatz reich werden. Dann treten nämlich die "Sozialneider" auf den Plan! Hubbard macht kein Hehl daraus, wie sehr er den Kapitalismus schätzt, für dessen Expansion er eine unglaublich gestelzte Theorie entwickelt hat, mit der er die Köpfe der vielen, von den großen Religionen enttäuschten und nach Orientierung suchenden vereinzelten Menschen, gewinnen will. Ihnen allen verspricht die Scientology-Ideologie Glück, Erfolg und viel Geld.

Anders als die Buddhisten, aus deren Reihen viele zu den Scientologen wechseln, verspricht Scientology das ewige Leben durch wissenschaftliche Analyse und Methode erreichen zu können, wenn man denn genügend für seinen "Thetan" tut. Scheinbar steht nur das Glück des einzelnen Menschen im Vordergrund der scientologischen Idee. Doch das ist nur der Köder, mit dem die Menschen für einen aggressiven Kapitalismus gewonnen werden sollen. Hubbard, der seine Bücher zur Zeit der McCarthy Ära schrieb, erkannte sehr wohl in dem "dialektischen Materialismus" seinen Gegner, den er ernst nehmen musste, wenn er den Kampf um die Köpfe der Menschen gewinnen wollte "Der ganze Kult des Antikapitalismus", schrieb Hubbard in Scientology - Die Grundlagen des Denkens, "ist durchaus keine brauchbare philosophische Grundannahme, aber doch um einiges mehr als nur ein plumpes Ansprechen jener, die keinen Besitz und keine Aussicht haben, irgendwelchen Besitz zu erlangen." Also wird so getan, als hätte man selbst mit keiner Regierung etwas zu tun, sondern wolle lediglich den einzelnen Menschen helfen, sich selbst wieder zu finden. "Scientology ist nicht politisch." Vielmehr komme es darauf an, "Politik zu vergessen und die Vernunft zu suchen".

Daher die Idee, sich als Scientology-Kirche vom Staat anerkennen zu lassen, um unverdächtig die Strategie der Eroberung des Bildungs- und Kommunikationsmarktes umsetzen zu können. In den USA ist Scientology längst als Kirche anerkannt. Dort zählt Scientology zu den großen Anbietern auf dem Bildungsmarkt und unterhält zudem Lehrerfortbildungsinstitute, die von sehr vielen Pädagogen aufgesucht werden. In Deutschland gibt es bereits mehr als 30 Nachhilfeeinrichtungen für Schüler (Schwerpunkt Hamburg). "Will man ein Volk regierbar machen", so Hubbard, "ist es notwendig, Erziehung und Ausbildung mit Wohlwollen zu betrachten sowie Erzieher und Erziehungsmethoden zu respektieren. Ein Land mit Waffengewalt zu erobern, ist nicht notwendigerweise ausreichend." Hier zeigt sich Scientology auffällig kompatibel mit der Militärstrategie der USA. Doch Hubbard weiß, dass militärische Intervention nicht reicht, um ein Land ausbeuten und unterdrücken zu können. "Nach der Einnahme", setzt er seinen Gedanken fort, "müsste eine Bildungskampagne starten, um sowohl unter den Leuten selbst als auch zwischen ihnen und den Eroberern irgendeine Art von Einverständnis zu erzielen. Nur dann kann man eine Gesellschaft oder Zivilisation schaffen oder - wie wir in Scientology sagen - ein reibungslos funktionierendes Spiel erzeugen." Der Krieg, die Eroberung, der Kapitalismus, die menschlichen Beziehungen sind für die Scientologen ein "Spiel".

Scientology fischt nach Seelen, die einerseits die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben treibt, die aber andererseits Erfolg, Geld und elitäres Denken mit dieser Sehnsucht verbinden. Deshalb suchen sie nach Wegen, um mit gutem Gewissen und manipulativem Geschick die eigenen Ellenbogen im Kampf ums "Überleben" einsetzen zu können. Es reicht daher nicht, Scientology den Status einer Kirche zu verweigern und sie vom Verfassungsschutz observieren zu lassen, was einige Mitglieder des Bundestages sogar für überflüssig halten, da sie Scientology bloß als brave Sekte einstufen. Die "Gefahr Scientology" darf man aber auch nicht den Sektenforschern überlassen. Man begegnet ihr am besten mit politischer Auseinandersetzung, einer Demokratisierung der Gesellschaft und der Kritik an ihrer Ideologie in allen öffentlichen Schulen und Einrichtungen, um den spätbürgerlichen "Thetan" an der menschlichen Wirklichkeit zu erden.


Verändern Sie mit guten Argumenten die Welt. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt kostenlos testen

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt kostenlos testen

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden