Glückauf! 100 Jahre im Revier

Sportplatz "Null Vier" lautet das Signalwort in Großbuchstaben auf einem Spruchband an der Stirnseite des Musiktheaters im Revier von Gelsenkirchen. Geworben ...

"Null Vier" lautet das Signalwort in Großbuchstaben auf einem Spruchband an der Stirnseite des Musiktheaters im Revier von Gelsenkirchen. Geworben wird für ein abendfüllendes Kicker-Musical der Königsblauen. Am 4. Mai vor 100 Jahren wurde der Kultclub gegründet, gefeiert wird am Muttertag, 9. Mai. Seit über 50 Jahren sind die Blau-Weißen Zweiter in Westfalen hinter den Gelb-Schwarzen von Borussia Dortmund.

Aber Schalke ist eine Legende aus der Urzeit des Revierfußballs, davon geblieben ist die marode Glückauf-Kampfbahn. Der Stadtteil Schalke bezeugt den Niedergang von Kohle und Stahl. Die immer noch so genannten Knappen spielen inzwischen aber nicht mehr in Schalke, ihre Arena liegt im Emscherbruch an der Grenze zur Stadt Herten.

Vom Musiktheater im Revier führt eine linealgerade Straße direkt nach Schalke. Hier heißt sie Kurt-Schumacher-Straße und durchschneidet mit ihren insgesamt vier Spuren plus Straßenbahnschienen den Stadtteil wie ein Messer. Aus der Bahn sieht der Besucher als erstes Signal das Wirtshausschild "Vereinslokal Schalker Fan-Club Verband." Der Frühjahrswind zerrt an dem darüber hängenden Spruchband "Auf Schalke da sind wir zu Haus." Ernst-Kuzorra-Platz heißt die Haltestelle auf dem Weg zur Glückauf-Kampfbahn. Das Vereinslokal von Schalke 04, eine einfache Kneipe, liegt direkt neben den verschlossenen Eingängen. Das Stadion ist derart marode, dass die Regionalligaelf von Schalke 04 hier nicht spielen durfte.

In der Geschichte des Clubs gibt es reichlich bunte Fußnoten. Der Westdeutsche Fußballverband verweigerte dem Bergmannsverein die Aufnahme. Deshalb schloss er sich einem Turnverband an. Im Ersten Weltkrieg führte eine Frau den Club. In den Räumen der Vorsitzenden, einer Wirtin, zogen sich die Spieler um. Was besonders pikant ist: die Königsblauen kickten in ihren Gründerjahren in Schwarz-Gelb. Und die verhassten Borussen in Blau-Weiß.

Die Elf von Schalke 04 galt als von den Nationalsozialisten gehätschelt. Es wurden Schriften auf den Markt gebracht, in denen der Aufstieg der Nazis mit dem Erfolg der Königsblauen ideologisch auf eine Stufe gestellt wurde. Erst Jahrzehnte später erfuhren die Fans, dass ihr Spieler Fritz Szepan Wahlaufrufe für die NSDAP unterschrieben hatte. Während des Krieges wurden Schalker Spieler nicht eingezogen. Die Elf blieb fast komplett zusammen, was auch ihre Stärke ausmachte. Die Zäsur erfolgte am 18. Mai 1947 im Herner Stadion am Schloss Strünkede beim Endspiel um den Titel Westfalenmeister. Bei strömendem Regen unterlagen die Königsblauen den Schwarz-Gelben aus Dortmund mit 3:2. Die Enttäuschung beim Westfalenmeister seit 1933 war so groß, dass die Männer um Ernst Kuzorra nicht zur Siegerehrung erschienen. Es war die Geburtsstunde einer tiefen sportlichen Feindschaft. Der Sport am Sonntag schrieb: "Es war ein Triumph des stärkeren Siegeswillens über die unbestreitbar immer noch reifere Spielkultur." Die Rhein-Ruhr-Zeitung titelte fast empört: "Schalke nicht mehr Westfalenmeister" statt "Dortmund Westfalenmeister". Die Borussia wurde in dem vergangenen halben Jahrhundert mehrfach Deutscher Meister, Schalke nur noch einmal. Schwarz-Gelb gewann den Weltpokal, Schalke nur den des DFB. Unabhängig von der aktuellen Bundesligatabelle sind die Dortmunder Spitzenreiter bei den Zuschauerzahlen.

Das Vereinslokal wird erst am Abend geöffnet, wann genau gilt offensichtlich als bekannt, denn ein Hinweisschild fehlt. Für eine Frikadelle zahlt der Gast 1,30 Euro, zwei Bratheringe mit Bratkartoffeln kosten 5,90. Die Bundesligaspiele werden "alle" live übertragen. Das Gläschen "Weizenjunge", im Revier als ein Pinken Schnaps bekannt, geht für 1,10 Euro über die Theke. Links neben ihr saß an einem runden Tisch das Idol Ernst Kuzorra und musste immer wieder die alten Dönekes erzählen. Spielzüge stellte er mit Bierdeckeln nach. Fußballspiele dauern 90 Minuten, hier in der Erinnerung dauern sie 50 Jahre. Schon 1974 hatte der Club die Geburtsstätte verlassen. Da zogen sie ins Richtung Herten gelegene Park-Stadion, das im Gegensatz zur Glückauf-Kampfbahn inzwischen abgerissen wurde. In den Räumen unter der Tribüne der alten Spielstätte sind die Geschäftsstellen des Fan-Beauftragten und von DJK Teutonia Schalke-Nord untergebracht.

Gelsenkirchen nannte sich einst die Stadt der tausend Feuer. Auch das Stahlwerk Schalker Verein gibt es nicht mehr. Die Feuer sind erloschen, die Schächte verfüllt. Der bisherige Zweite aus Westfalen, Schalke 04, will nach em Geburtstag zumindest die Nummer drei in Deutschland werden. Die Zuschauereinnahmen sind gewissermaßen auf 15 Jahre verpfändet. Von dem geliehenen Geld wurden große Spielernamen verpflichtet. Der Brasilianer Ailton sagte in einem Interview: "Alles, was ich bisher über Gelsenkirchen gehört habe, ist ein Desaster." Wird er jemals den Geburtsort seines Arbeitgebers Schalke 04 betreten, würde er sich in seinem Urteil bestätigt sehen.


00:00 07.05.2004

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