Glücks-Strähnchen

Im Kino "Chanson d´amour" von Xavier Giannoli zeigt Gérard Depardieu in einer Glanzrolle

Sie ist ein Allerweltsphänomen: diese unbestimmte Sehnsucht nach dem, wie es früher einmal war. Am zuverlässigsten wird sie ausgelöst von populären Liedern vergangener Jahrzehnte. Von Schlagern wie Pour un flirt etwa, der selbst Menschen, bei denen man es nie vermuten würde, zum augenblicklichen Mitsingen veranlasst: Pour un flirt avec toi je ferais n´importe quoi, wird man deshalb nicht erst nach dem Film Chanson d´Amour so manchen Kinogänger vor sich hinsingen hören.

Gérard Depardieu spielt hier einen Musiker, der mit solchen Oldies seinen Lebensunterhalt verdient. Seinem Publikum verhilft er damit zu genau jener reuig-sehnsuchtsvollen Gefühlslage, die es ermöglicht, sich trotz geschwundener Jugend zum Tanzen und vor allem zum Flirten aufzuschwingen. Die Welt der Tanztees und "Einsame-Herzen-Bälle", in der Depardieus Alain auftritt, ist das Gegenteil von "hip". Während der ersten Szenen des Films ist man deshalb versucht, den Film als Parodie zu nehmen. Man lacht über die Peinlichkeit des Ganzen: über die Abgeschmacktheit der Musikauswahl genauso wie über die pseudojugendlichen Satinhemden des Sängers und die ungeschickt-schwungvollen Gesten der ältlichen Tänzer. Schnell aber vergisst man die Lächerlichkeit, das Provinzielle und Abgetakelte des Ganzen und findet sich völlig gefesselt von Depardieus Charakterdarstellung.

Um Depardieus Leistung als Schauspieler zu würdigen, wünscht sich, man hätte viele Worte noch nie vorher benutzt: "Authentisch" zum Beispiel. Denn Depardieu verleiht seinem in die Jahre gekommenen Sänger Alain eine fast schmerzende Echtheit; in keiner Sekunde sieht man den großen Schauspieler sich über die Figur des Provinzmusikers erheben, der seine eigene Zweitklassigkeit selbst schon lange eingesehen hat. Oder auch "vielschichtig". Denn mit jeder Szene, mit jeder Aktion fügt Depardieu seinem Charakter eine Nuance hinzu, so dass es nie langweilig wird, den völlig alltäglichen Handlungen des Films zu folgen. Wie überhaupt der "Plot" nur eine Art Gelegenheit darstellt, um dem Zuschauer mit diesem Alain vertraut zu machen: Ein Bekannter führt eines Abends seine neue Mitarbeiterin zu Alains Konzert aus. Marion (Cécile de France) scheint sich zu amüsieren - aber mehr über als mit dem Sänger. Provoziert vom süffisanten Hochmut der jungen Frau, beginnt Alain mit ihr zu flirten. Dabei ist er das, was sie zuletzt von ihm erwartet: entwaffnend ehrlich. Dass er sich das schon etwas schüttere Haar mit blonden Strähnchen auf jugendlich trimmt, scheint sie mehr zu stören als ihn: In einer frühen Phase der Bekanntschaft trifft sie ihn einmal in seiner Wohnung an, als er mit Frisierumhang und viel Alufolie am Haupt gerade alles andere als eine gute Figur macht. Höflich will sie sich abwenden, doch ohne jede Schüchternheit oder Scham bittet er sie herein. Es ist diese Illusionslosigkeit sich selbst gegenüber, die den Zuschauer für Alain ungeheuer einnimmt.

Marion jedoch lässt ihn zunächst immer wieder abblitzen. Dann steigt sie doch für eine Nacht zu ihm ins Bett - um allerdings noch im Morgengrauen kopfschüttelnd davonzuschleichen. Alain gibt dennoch nicht auf: Er beauftragt sie als Maklerin, ihm ein neues Haus zu suchen und erzwingt auf diese Weise bei den diversen Besichtigungen ein erneutes Sich-Näher-Kommen.

Ob Alain Marion am Schluss tatsächlich erobert oder nicht, ob das ungleiche Paar überhaupt zusammenpasst, ob eine dauerhafte Liebe zwischen ihnen vorstellbar ist, das alles muss der Zuschauer für sich selbst entscheiden. Regisseur und Autor Xavier Giannoli zeigt lediglich die ersten Etappen dieser Liebesgeschichte - ohne das "ganz normale" Umfeld seiner Figuren je aus dem Blick zu verlieren. So ist Chanson d´amour ein sehr lebensweiser Film geworden, der sich weniger für das oft verklärte Mysterium der Liebe interessiert als für die kleinen alltäglichen Balance-Akte, die das herkömmliche Über- und Weiterleben so ausmachen. Provinzsänger Alain sieht aus wie einer, der schon viele Krisen gemeistert hat, und dabei jenen Weg des Erwachsenwerdens eingeschlagen hat, der im Kleiner- und Bescheidener-Werden besteht. Die wichtigen Lektionen seines Bühnenberufs hat er gelernt und verzichtet nun lieber auf die exzesshaften Hochs, um an den sicher folgenden Tiefs nicht kaputt zu gehen. Sympathisch macht ihn außerdem, dass er die Angst, die ihm trotz all der eroberteren Stabilität im Nacken sitzt, nicht verleugnet. Denn schließlich ist er nicht mehr der Jüngste und die zunehmende Popularität des Karaoke bedroht ihn und seine Live-Kunst.

Dem nostalgischen Charme des Liedguts, das Alain - und durch ihn der Film - so zielgenau einzusetzen weiß, kommt man im Lauf der 90 Minuten immer mehr auf die Spur: Es ist der Mut zur kleinen Geste und die Tatsache, dass die Moden von heute schon morgen geschmacklos erscheinen können, aber niemals die Sehnsüchte, die dahinterstehen.


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00:00 19.01.2007

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