Glücksspiel

A–Z Wer richtig Geld hat, wirft es in Monaco zum Fenster raus. Kleinverdiener kreuzen Lottokästchen an oder zocken online – was nun verboten werden soll
| Ausgabe 40/2014

A

Automatenwirtschaft Das Glücksspiel hat mindestens zwei Gesichter. Rote Teppiche, Berge von Jetons und die großzügige Tempelarchitektur in Las Vegas oder Monte Carlo: Das ist die glamouröse Seite. Auf der anderen Seite gibt es die tristen Spielhallen mit Neonreklame und die Spielautomaten in den einfachen Eckkneipen. Da stehen dann einsame Menschen vor dem Einarmigen Banditen und verzocken Münze für Münze ihr Geld, in der – oft vergeblichen – Hoffnung auf den ganz großen Gewinn. Wo Verlierer sind, muss es auch Gewinner geben. In diesem Fall ist es die Automatenwirtschaft, die jedes Jahr satte Umsätze einstreicht. Laut einer Studie des Ifo-Instituts lagen diese allein im Jahr 2013 bei knapp 4,4 Milliarden Euro. Eine Menge Geld – für die nicht einmal das Glück herausgefordert werden muss. Benjamin Knödler

B

Bingo Warum man sich entblöden muss, diesen Ruf – „Bingo!“ – erschallen zu lassen, um den Gewinn beim langweiligsten Glücksspiel aller Zeiten anzuzeigen, ist ein ewiges Geheimnis. Genauso unerklärlich ist es, warum etwas Dröges wie Bingo für so viele Leute ein Vergnügen darstellt. Beim Lotto kaufe ich ein Los – und gut. Hier wird aber die Ziehung der Zufallszahlen zur zähen Sitzung. Angeblich ist es der Gemeinschaftseffekt, der die Menschen dazu bringt, gemeinsam einsam an Tischen zu hocken und dem Conférencier beim Zahlenaufsagen zu lauschen.

Bullshit-Bingo hingegen ist sehr lustig, weil es Dummheit hübsch zur Schau stellt. Es handelt sich um Listen mit typischen Leserbrief- oder Kommentarplattitüden. Sie helfen, die Trolle und Trottel dieser Welt leichter zu ertragen: „Man wird ja wohl noch sagen dürfen ...“, „Ich bin kein Rassist, aber ...“ Tobias Prüwer

D

Dostojewski, Fjodor Deutschland brachte Dostojewski kein Glück. In den Jahren 1867 bis 1871 kehrte der russische Schriftsteller zwanghaft immer wieder nach Baden-Baden, Wiesbaden und Bad Homburg zurück – der Casinos wegen. Ja, er war dem Spiel verfallen (➝ Spielsucht). Immerhin brachte ihn das auf den Stoff für Der Spieler. Sein Romanprotagonist Aleksej hat dasselbe Problem wie der Autor: „Kaum fange ich an zu gewinnen, gehe ich gleich ein Risiko ein – ich kann mich nicht beherrschen!“ Die Handlung spielt in Roulettenburg, einem Amalgam aus den drei Casinostädten. Aleksej will beim Kugeldreh Geld beschaffen, um seine große Liebe auszulösen. Aber die Sucht hat ihn bald fest im Griff. Dostojewski selbst soll sich irgendwann, auch durchs Schreiben, davon befreit haben. Tobias Prüwer

K

Kino Mehrfach ist der Roman Der Spieler von 1867 (➝ Dostojewski, Fjodor) verfilmt worden. Überhaupt ist das Glücksspiel ein beliebter Topos für die Leinwand. So begab sich Jean-Luc Godard 2010 mit seinem Film Socialisme auf die Suche nach dem maschinellen Glücksversprechen (➝ Automatenwirtschaft). Er drehte auf dem später spektakulär gesunkenen Kreuzfahrtschiff Costa Concordia. Viele Filme tragen das Spiel schon im Titel, etwa der James-Bond-Streifen Casino Royale (2006), Martin Scorseses Casino (1995) oder das Neo-Noir-Werk Croupier (1998) von Mike Hodges, das den furchtbaren deutschen Untertitel Das tödliche Spiel mit dem Glück verpasst bekam. In guten wie in schlechten Western ist zudem die Pokerszene, aus der sich eine Schlägerei entwickelt, ein Muss. Videoaufnahmen sind in Casinos übrigens nicht gern gesehen. Das hat weniger mit der Angst vor Systemspielern zu tun, als (vielmehr) mit der Privatsphäre der Spieler. Tobias Prüwer

L

Las Vegas Eine verruchte Dame mit enormer Stromrechnung: Las Vegas ist das zur Stadt gewordene Spektakel. Ein Ort, bei dem man sich eigentlich nicht sicher sein kann, ob er wirklich existiert, so viele Mythen ranken sich um ihn. Pokerchips als Währung, etwa 200.000 Einarmige Banditen und alle paar Meter eine Wedding Chapel für Leute, deren Abendgestaltung nach der David-Copperfield-Show eine Ad-hoc-Heirat beinhaltet. Dort kann man sich von Elvis-Imitatoren trauen lassen, die den Glanz von mit Strass besetzten Jumpsuits und den Charme des überdimensionierten Stehkragens am Leben halten. Rien ne va plus – und dabei ist so viel Geld im Spiel. Den Gewinnrekord strich 2003 ein Mann aus Los Angeles ein. Im Excalibur Casino gewann er 39,7 Mio. Dollar (rund 31 Mio Euro), nachdem er ein paar Münzen in einen Automaten (➝ Automatenwirtschaft) geworfen hatte. Das Geld wird ihm jährlich in Raten von 1,5 Mio. Dollar ausgezahlt. Nächstes Jahr feiert Las Vegas seinen 110. Geburtstag. Viva, viva, viva Las Vegas! Felix-Emeric Tota

Lotto Mittwoch und Samstag sind Lottotage in Deutschland. Die staatliche Lotterie mit der Ziehung von 6 aus 49 und von Zusatz- und Superzahl gehört zum Wochenrhythmus wie die Fußballbundesliga. Auf deren Spiele kann man beim staatseigenen Fußball-Toto setzen. Mit den Erlösen wird vor allem der Breitensport gefördert. Ab Herbst 2014 soll es zusätzlich eine eigene Sportlotterie zur Förderung von Olympiaathleten geben. Ein Teil der staatlichen Gelder fließt auch in Kulturprojekte. Das klingt gut – aber: Eine Studie des Max-Planck-Instituts ergab, dass Lottospieler eher aus niedrigeren sozialen Schichten kommen, während die geförderten Programme eher den lottofaulen Angehörigen höherer sozialer Schichten zugutekommen. Auch eine Art von Umverteilung. Leider keine gute. Benjamin Knödler

M

Mathematik Man muss kein Mathe-Genie sein, um zu verstehen, dass man beim Glücksspiel auf Dauer verliert. Ein simpler Beleg: Wäre es anders, hätten die Casinos längst dichtgemacht. Etwas Wahrscheinlichkeitsrechnung schadet trotzdem nicht. So lässt sich ermitteln, wo ein Spieler am meisten draufzahlt. Während man beim Roulette im Schnitt rund 95 Prozent des eingesetzten Betrags wiederbekommt, sind es an Automaten oft nur 85 Prozent. Beim Lottospiel 6 aus 49 liegt die sogenannte Auszahlungsquote gar nur bei rund 50 Prozent. Kann man die Mathematik auch überlisten? Nein. Aber manchmal ist der Jackpot so groß, dass sich der Kauf eines Lottoscheins doch lohnt. Der rumänische Mathematiker Stefan Mandel ist so Millionär geworden. Es gibt auch andere Tricks: Roulettescheiben sind nie ganz eben, manche Fächer sind tatsächlich „heißer“ als andere. Aber genau darum werden die Scheiben auch sehr oft ausgetauscht. Felix Werdermann

R

Russisch Roulette Poker, Baccara, Blackjack: All das sind im Grunde nur Lightversionen des Glücksspiels. Denn da ist ja noch der Klassiker, bei dem nicht (nur) Geld auf dem Spiel steht, sondern mal eben so das Leben: Russisch Roulette. Das Spiel, bei dem ein Revolver mit einer Patrone in der Trommel reihum wandert, verkörpert wie kein zweites die Verruchtheit, die dem Glücksspiel zugerechnet wird. Der englische Schriftsteller Graham Greene (1904 – 1991) behauptete, sich als Jugendlicher damit vergnügt zu haben. Fest steht: Ein Russisch-Roulette-Raum ist in Casinos aus gutem Grund nicht zu finden. Ob Russisch Roulette tatsächlich aus Russland stammt, ist übrigens nicht ausreichend belegt. Benjamin Knödler

S

Schere, Stein, Papier Laien denken vielleicht, diese elaborierte Version der Kneipenschlägerei sei ein reines Glücksspiel – Profis wissen dagegen: Rock-Paper-Scissors (RPS) erfordert psychologisch-taktische Höchstleistungen, nicht nur am Tresen. Bei den Weltmeisterschaften in Toronto winken 10.000 Euro Preisgeld. Wem die Dreifaltigkeit der Entscheidungsfindung zu trivial ist, der kann sich an der Variante orientieren, die in der TV-Serie The Big Bang Theory gepflegt wird: Da spielen neben Schere, Stein und Papier auch noch eine Echse und Mr. Spock mit. Die Regeln: Die Echse vergiftet Spock, und Spock verdampft den Stein. Wesentlich einfacher ist die Variante aus dem vierten Teil der Werner-Filme. Da genügt eine einzige Figur: das Obi-Hörnchen. „Das kann alles fressen, ist doch aus dem Baumarkt.“ Simon Schaffhöfer

Spielsucht „If you like to gamble, I tell you I‘m your man / You win some, lose some, it‘s all the same to me“, heißt es im Motörhead-Klassiker Ace of Spades („Pik-Ass“). Bei aller Zocker-Romantik: Spielsucht ist eine Krankheit. Musste man früher noch in verrauchte Spielotheken, ins Wettbüro oder einen Imbiss, um sich vor ein Gerät (➝ Automatenwirtschaft) zu setzen oder zu stellen, kann man seine Sucht heute von zu Hause aus befriedigen. Im Internet gibt es Tausende von virtuellen Glücksspielmöglichkeiten, bei denen man ganz reales Geld gewinnen kann. Doch nun wollen mehrere Bundesländer gegen die in- wie ausländischen Anbieter vorgehen. Aktuell laufen 28 Verbotsverfahren, die die Überweisung von Spieleinsätzen ins Ausland blockieren sollen. Begründung: Spielsucht müsse viel stärker bekämpft werden. Die Glücksspielbranche wirft der Politik indes vor, bloß dem sinkenden Umsatz der staatlichen Toto- und Lottogesellschaften (➝ Lotto) entgegenwirken zu wollen. Felix-Emeric Tota

W

Warhol, Andy Manche finden ja, auf dem Kunstmarkt gehe es eh längst wie im Casino zu. „Art Flipper“ nennt man etwa jene Käufer, die Kunst erwerben, um auf Wertsteigerung und Weiterverkauf zu spekulieren. Da passt es, dass zwei Warhol-Bilder, die am 12. November bei Christie‘s in New York versteigert werden, der Westdeutsche Spielbanken GmbH & Co. KG gehören. „Four Marlons“ (1963) und „Triple Elvis“ (1966) wurden einst als Dekoration angekauft, die Elvisse hingen bis in die 2000er Jahre im Casino Aachen. Die Gesamttaxe liegt nun bei 130 Mio. Dollar. Grund für den Verkauf sei „der Erhalt des Glücksspielangebots für die Bevölkerung“. Christine Käppeler

Wetten Wer wird neuer FAZ-Herausgeber? Wie oft wird Joachim Sauer 2015 öffentlich zu sehen sein? In England sind solche Wetten gang und gäbe. Bei ladbrokes.com kann man etwa auf den Nachwuchs von William und Kate wetten. Wer auf Zwillinge setzt, bekommt das 20-fache des Einsatzes. Und das soll bei uns also verboten sein? Spekulanten dürfen derweil ungestraft auf Nahrungsmittelpreise wetten und damit ganze Volkswirtschaften ruinieren. Hallo? Michael Angele

Z

Zinker Vielen gilt der Edgar-Wallace-Film Der Zinker (1963) als Meditation über das Falschspiel. Gezinkte Karten und Asse im Ärmel kommen darin aber gar nicht vor. Im Film „zinkt“ ein Gauner andere bei der Polizei an, weil sie ihr Diebesgut nicht billig an ihn verhökern. „Zinken“ kommt aus dem Rotwelsch und meint, geheime Zeichen auszusenden, seien es markierte Karten, Blicke oder Gesten. Beim Hütchenspiel macht eine Mischung aus Taschenspielertricks und Schauspiel durch eingeweihte Umstehende den Erfolg aus. Vor Manipulation sind auch Automaten nicht gefeit: Die Affenklaue brachte es zu einiger Berühmtheit. Mit dieser mechanischen Vorrichtung konnte ein US-Krimineller durch den Auszahlungsschacht in die Geräte eindringen. Komplett sicher vor Betrug ist nur, wer gar nicht spielt – bei null Prozent Gewinnchance. Tobias Prüwer

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