"Go" For Gold

Sportplatz Alltag

Vier Deckenlampen weißen dezenten Neonlichts erhellen einen quadratischen Raum im Berliner Hotel Intercontinental. Darin steht ein provisorisch aus acht Balken zurechtgezimmertes Holzgerüst, das eine Spielfläche begrenzt. Ein wenig mutet das Zimmer wie ein selbstgebautes Gefängnis an, was es in gewisser Weise auch ist, die Spieler werden sich hier für zwei Tage einschließen. Publikum ist unerwünscht, Konzentration und Selbstversenkung alles. Zwei Kameras, eine an der Decke, übertragen das Spiel nach draußen. Die Spieler sitzen auf der Erde in schwarzen Holzschalen, zur Linken befindet sich jeweils eine Armlehne. Im Zentrum des Raumes wartet das Spielbrett mit zwei Behältern von schwarzen und weißen Steinen. Das Spiel heißt Go.

Zwei Japaner, der Titelverteidiger Mr. Hane Naoki (9 Dan) und Mr. Yamashita Keigo (9 Dan), treten zum 30. Kisei-Titelkampf im Go gegeneinander an. Ein Spiel geht über sieben Runden (mit vier gewonnenen Runden erringt man den Titel), die erste findet traditionell außerhalb Japans statt - diesmal in Europa, in Berlin. Für die Japaner hat die Auftaktpartie eine Bedeutung, die für uns mit der Eröffnung der Fußball-WM vergleichbar ist. Professionelle Go-Spieler werden in Ostasien wie Popstars verehrt, die Preisgelder betragen bis zu 400.000 Dollar. Milliarden Menschen verfolgen den Titelkampf am Fernseher. Aus unserer Sicht nicht leicht nachvollziehbar, da doch nur ein paar Steinchen hin und her geschoben werden. Andererseits rennen beim Fußball ja auch lediglich 22 Spieler einem Ball hinterher. Die Spielregeln sind simpel, leichter als beim Schach, die Variationsmöglichkeiten jedoch immens. Bis heute kann kein Computerprogramm die Kompliziertheit der Züge ebenbürtig nachbilden. Ziel des Spiels ist es, auf einem Brett mit 361 Schnittpunkten waage- und senkrechter Linien mit den Steinen Areale abzustecken. Es gewinnt, wer am Ende das größere Gebiet besitzt.

Das 4000 Jahre alte Spiel wird in Ostasien als Schulfach gelehrt, es soll der Herausbildung von Kreativität, Intelligenz und Charakter zuträglich sein, weil es einen maßvollen Kampfeswillen verlangt. Es geht beim Go nicht darum, den Gegner zu vernichten oder die gesamte Spielfläche zu beherrschen. Egoistisches Besitzstreben scheint dem Erfolg beim Spiel entgegen zu stehen, ein "offener" Geist verspricht ihn. Angestrebt wird im Spiel der psychische Zustand von Kontemplation, vielleicht dem Schwebegefühl der Meditation vergleichbar. Einem ähnlichen Zweck dient die Schriftrolle, die an der Wand des Spielraums aufgehängt worden ist. Auf ihr ist das Motto von Meister Seigen Go zu lesen, dem einzigen noch lebenden der fünf berühmtesten Go-Spieler des vergangenen Jahrhunderts: "Ka wo mite susumu" - Die Möglichkeit absehen und dann vorwärts schreiten! Auf anderen Rollen stehen die persönlichen Leitsätze seiner toten Kollegen: "Hart im Kampf, doch nachher friedfertig und gelassen." Und: "Man vertiefe sich in das Go-Spiel, und alles verschwindet, sowohl sein eigenes Selbst als auch die Steine." Oder: "Das Wasser fließt in seinem eigenen Schritt und übereilt sich nicht."

Mr. Hane Naoki ist als junger Titelverteidiger (29) heiß umworben, artig antwortet er auf alle Fragen. Er wirkt lebhafter als sein Herausforderer, ein galanter und ebenfalls noch sehr junger Mann mit weichen Gesichtszügen, Mr. Yamashita Keigo (27). 2003 hatte er schon einmal den Kisei-Titel inne. Der Bitte, das Programmheft mit seinem Credo zu signieren, kommt Mr. Hane Naoki, der Titelverteidiger, zögerlich nach. Er will es erst nicht preisgeben, unterschreibt schließlich aber mit drei Zeichen, die jeweils für einen Begriff stehen: "Glaube - Nichts - Böses". Im Gegensatz zu den Lehrsätzen der alten Meister hat hier noch keine Exegese definitorisch eingegriffen. Es obliege jedem selbst, die Zeichen für sich zu interpretieren, erklärt ein Übersetzer. Sein Herausforderer, Mr. Yamashita Keigo, beschränkt sich gar nur auf ein Schriftzeichen: "Traum". Nicht unpassend, könnte man meinen, wenn man ihn im Presseraum sitzen sieht: An einem abgelegenen Tisch sinniert er allein so vor sich hin.

Nach zwei Tagen steht der Sieger der ersten Runde fest. Gewonnen hat am Ende der junge Herausforderer, Mr. Yamashita Keigo, obwohl Titelverteidiger Mr. Hane Naoki bei allen zwischenzeitlichen Analysen stets vorn gelegen hatte. Träume werden Wirklichkeit.

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00:00 20.01.2006

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