Go Pop

Neue Musik Das Festival UltraSchall verschreibt sich offenen Ohren

Dass Neue Musik und Pop in einem widrigen Verhältnis stehen, ist nicht neu. Während sich große Teile der Hörer und Produzenten von Pop nicht einmal der Existenz der Neuen Musik bewusst sind, beäugt die Gemeinde der Neuen Musik den Pop mit seiner Breitenwirkung meist skeptisch.

Beim diesjährigen UltraSchall-Festival vom 14. bis 23. Januar in Berlin allerdings konnte von Berührungsängsten der Neuen Musik mit der Popkultur nicht mehr die Rede sein.

Besondere Aufmerksamkeit galt Irin Jennifer Walshe, der ein Porträtkonzert in den Sophiensaelen gewidmet war. Wie zwei Pole, an denen sich ihr Oeuvre entlang hangelt, bildeten Kurt Schwitters Ursonate und eine Adaption des Beatles Klassikers Happiness is a Warm Gun den Rahmen für ihre eigenen Stücke. Dabei stand Jennifer Walshe mit dem Ensemble Apartment House London selbst auf der Bühne. Ihre expressive Bearbeitung des Beatles-Klassikers ließ die Genregrenzen verwischen. Der collagenartige Song von John Lennon war in ihrer Version noch stärker zerfasert, fragmentarisiert und von still greinenden und geflüsterten Geräuschen durchsetzt, bis der Werbeslogan Happiness is a Warm Gun zum Schluss mit vorgehaltener Hand nur noch gehaucht auftrat.

Pop fungiert hier als Matrix. Als Vorlage für den eigenen Ausdruck. Er ist Teil ihrer Lebenswelt, aus der sich die Komponistin fast manisch bedient. Insgesamt ergibt sich ein melancholischer Eindruck der Rastlosigkeit, durchsetzt von dadahaftem Humor, der im Kern stärker an Buster Keaton, Andy Warhol oder The Clash erinnert als an die Klassiker der Neuen Musik.

Damit scheint die Frage nach kulturellen Identifikationsmöglichkeiten und Definitionen von Heimat zum Teil beantwortet, die zu Beginn des Festivals in einer Podiumsdiskussion mit dem Titel Neue Musik und Globalisierung aufgeworfen wurde: Für Jennifer Walshes Schaffen ist die Verwurzelung mit den Auswüchsen der westlichen Massenkultur zwischen Beatles und Barbie stilbildend.

Auf andere Weise lassen sich auch in den Werken des Berliner Komponisten Sebastian Claren Referenzpunkte aus der Popkultur feststellen. Sie zeigen sich weniger im klanglichen Erscheinungsbild als vielmehr in Titel und Konstruktion. So orientiert sich sein Stück Charms: Dub unter anderem an den Produktionsbedingungen jamaikanischer Dub-Musik, die ihrerseits auf fremde musikalische Vorlagen zurückgreift. Ein anderes Werk, Potemkin I: Baby-Baby, hat die Schnittfolgen aus Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin als Raster. Es seziert den Film in seinen Mikrostrukturen, gibt sich klanglich aber in keiner Weise einem revolutionären Pathos hin und bleibt dabei - im deutlichen Gegensatz zu den Stücken des ebenfalls vertretenen Filmkomponisten Michael Nymann - den Idiomen der Neuen Musik treu.

Das Festival beschränkte sich thematisch jedoch nicht auf die popkulturellen Tiefenwirkungen in der Neuen Musik. Auch Klassiker der Avantgarde wie Luciano Berio, Karlheinz Stockhausen und Hans Werner Henze standen auf dem Programm. Der Schwerpunkt allerdings lag auf der britischen Musikszene, und es galt das Konzept, viele verschiedene, auch konträre ästhetische Positionen nebeneinander gelten zu lassen. Ein facettenreicher und experimentierfreudiger Umgang mit den Errungenschaften der Avantgarde war greifbar, der allerdings auch zu Entgleisungen führte wie der zuckersüßen Berlin-Hippness-Inszenierung des ersten Teils der Oper "Kommander Kobayashi"

Während das große Berliner Musikfestival MaerzMusik die Hinwendung zum Pop längst vorangetrieben hat und auch mit Popmusikern zusammen arbeitet, vollzieht UltraSchall eine Annäherung gleichsam auf Umwegen, indem es Komponisten einlädt, die parallel zur Pop Art in der bildenden Kunst Massenmediales als Hintergrund ihrer Stücke nutzen.

Es gilt abzuwarten, in welche Richtung sich UltraSchall entwickelt. "Man sollte sich als Künstler nicht allzu sehr vor dem Schönen und vor der Ästhetik fürchten", meint der 74-jährige Komponist Dieter Schnebel, der bei dem Festival mit drei Werken vertreten war, "die Angst vor Soundsovielem, was nicht mehr geht, ist nicht ganz berechtigt. Wahrscheinlich geht alles."

Aufzeichnungen von allen Konzerten des Festivals werden bei DeustchlandRadio Berlin und bei Kulturradio gesendet. Das Porträtkonzert von Jennifer Walshe ist am 10. 2. bei DeutschlandRadio Berlin zu hören.


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00:00 28.01.2005

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