Go West(Berlin)!

Nicht nur Ostberlin ist verschwunden Impressionen von einer verlorenen Heimat

Lange habe ich gedacht - oder vielleicht auch nur von mir erwartet -, dass Heimat für mich eine Kategorie ist, mit der ich, ebenso wie mit dem Begriff Vaterland, wenig anfangen kann. Und das, obwohl sich schon bald - ein oder zwei Jahre nach dem Abitur, in einer Zeit, als wir von nichts anderem als der großen Weltreise träumten - abzuzeichnen begann, dass mir lange Reisen keinen besonderen Spaß machen. Nach drei, höchstens vier Wochen habe ich genug, ich möchte nach Hause, und dabei spielt es keine Rolle, ob ich, wie früher, trampe oder per Interrail unterwegs (gewesen) bin oder ob ich, wie heute, auf eher gewöhnliche Weise reise.

Dieses Heimweh, denn so muss ich es wohl nennen, das kein sonderlich schmerzliches Gefühl, aber als Unlust oder als gewisser Überdruss deutlich spürbar ist, hat, glaube ich, vor allem einen Grund: Egal wo ich bin, immer habe ich rasch den Eindruck, ich würde allenfalls an der Oberfläche des mich umgebenden Geschehens kratzen, ich hätte keinen Zugang zum Alltag der Leute, zu ihren Empfindungen, zu ihrer Art, sich selbstverständlich in der mir eben fremden Gegend zu bewegen: Sie kennen alle Einzelheiten ihres Lebens, ich werde sie nie kennen lernen, sie sind und fühlen, was ich mir höchstens, und dennoch immer unvollständig, erklären lassen kann, sie verbinden mit den Orten, durch die sie sich bewegen, Geschichten - ihre Geschichte, ich nicht.

Dabei bin ich gerne unterwegs, egal ob zu Fuß oder mit einem Fahrzeug, es ist ein Zustand, der mich entspannt, der mich ruhig werden lässt. Aber kaum soll ich mehr als ein paar Tage an einem Ort bleiben, beginne ich unruhig zu werden. Ich merke, wie ich eine ähnliche Forderung an mich zu stellen beginne, wie es die meisten anderen (Mit-)Reisenden offenbar unwillkürlich tun oder doch tun werden: Ich möchte den Ort schön finden - oder wenigstens interessant. Ich finde ihn bestenfalls anders, und das schon wird immer seltener, so dass sich das Reisen auch deshalb kaum mehr lohnt.

Was hat das mit Heimat zu tun und mit röhrenden Hirschen? Viel - denn Reisen - oder, eher noch, die neuerdings wieder so mächtig besungene Mobilität -, die Suche nach der Fremde jedenfalls ist ein Gegensatz zu jeder Form von Heimat. Und meine Heimat, das habe ich nicht nur durch das Schreiben gelernt, lag in Berlin-Schöneberg, ist die Gegend rings um das Rathaus gewesen, sind die Straßen und Parks meiner Kindheit, ist, genauer noch, das alte und wenn auch nur langsam verschwindende Westberlin.

Wenn ich meinem früheren Schulweg folge, ist meine Heimat trotz aller Veränderungen noch erkennbar: Aus dem ehemaligen Einzelhandelsladen, beinahe ein Supermarkt war das damals (eines der vielen Geschäfte, in denen es Rabattmarken zum Einkleben in Heftchen gab), ist ein indisches Restaurant geworden, eine der zahlreichen Kneipen in der Nähe des stillgelegten Straßenbahnhofs beherbergt ein Tattoo- und Piercing-Studio, die Bank am John-F.-Kennedy-Platz hat sich nach mehreren Metamorphosen zu einem Bettgeschäft gewandelt und aus der Drogerie, in der es auch einige Spielwaren gab, ist der obligate Laden für ein rundum versorgtes, vermeintlich natürliches Leben geworden.

Aber es gibt noch: die Fleischerei (jetzt Bio-Land, aber bloß viermal die Woche geöffnet), das Reisebüro (hat alle benachbarten Läden geschluckt), den Friseur (heißt immer noch Intercoiffeur, hat jedoch leider das Haarteil, das mit einem seltsamen Druckknopfpatent am Resthaar befestigt werden musste und von uns während langer Jahre auf dem Schulweg bewundert wurde, aus seinem Schaufenster entfernt) und natürlich Grieneisen - Bestattungen und Särge.

Diese Geschäfte existieren noch, andere gibt es nicht mehr, wenngleich die Stellen, an denen sie sich einmal befanden, noch vorhanden und ohne Mühe aufzufinden sind. Verschwunden aber ist Westberlin als Ganzes. Und ebenso wie es offenbar nicht wenigen früheren DDR-Bewohnern erst im Nachhinein auffällt, dass sie etwas vermissen, mal mehr und mal weniger schmerzlich, ist mir erst nach und nach klar geworden, dass auch mir etwas fehlt. Und das sind nicht allein die Orte der Kindheit - auch die, mag sein - schon gar nicht die angeblich typischen Produkte, wie es sie für die DDR in Form von Spreewaldgurken, Bautzener Senf und, meinetwegen, dem Trabant tatsächlich gab - in Westberlin existierte derlei nicht.

Was aber ist dann verloren gegangen? Was hat Westberlin so einzigartig gemacht? Was hat die "Heimat" Westberlin begründet?

Befördert durch eine großzügige Subventionspolitik konnte sich im windstillen Schatten der sich - so wirkte es eine Weile - wenig bewegenden Weltmächte in Westberlin eine eigene Kultur herausbilden, die für jene, die daran teilhatten, den besonderen Charakter der Stadt ausmachte, einer Stadt, die im strengen Sinn weder vollwertige Stadt noch ein Land gewesen ist, aber vielleicht gerade deshalb, als Gebilde in einem Zwischenraum, zur Heimat werden konnte.

Spätestens mit dem Mauerbau waren große Teile des Bürgertums, und damit diejenigen, die - mehr oder weniger - Geld besaßen, aus Westberlin verschwunden. Und so wurde für viele ein Leben möglich, das mit mäßigem Komfort und ohne sonderliche Mühe auf niedrigem Niveau auskam, eine Art zu sein, die vor allem in weiten Teilen der Innenstadtbezirke nicht Gefahr lief, mit aufwändigeren Lebensstilen in Konkurrenz treten zu müssen und seitens derer dann zwangsläufig eine gewisse Verachtung zu spüren. Idyllische Zeiten.

Westberlin war eine künstliche Stadt, aber insofern auch ein Kunstwerk. Ein utopischer Ort, ein Nirgendwo, das nur während einer nicht allzu langen Zeitspanne, eben in einer Zwischenzeit, wirklich geworden war.

Und vielleicht ist genau damit auf die Schwierigkeit verwiesen, der sich der Begriff Heimat in unserer Zeit ausgesetzt sieht: Indem wir von Heimat reden, indem wir nach der Heimat fragen, beginnt uns das, was Heimat vielleicht einmal gewesen ist, zwischen den Fingern zu zerrinnen - diejenigen, die eine Heimat haben, kennen die Frage danach nicht.

Das Existieren des Begriffes deutet den Verlust schon an. In dem Moment, da Heimat, wohl oder schaurig klingend, besungen und beschworen wird, ist mit der Heimat etwas faul geworden. Der, der sie hat, besingt sie nicht. Zu selbstverständlich ist sie ihm. Niemand hätte von Westberlin behauptet, hier sei Heimat. Der Ort war vage, ein Konstrukt.

Das, was uns an Gesellschaft heute umgibt und oft genug umklammert hält, ist unangenehm wirklich und kennt keine Heimat mehr.

Michael Wildenhain, geboren 1958 lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien 1997 sein Roman Erste Liebe Deutscher Herbst.

00:00 12.03.2004
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