Goldene Zeiten

Porträt Schorsch Kamerun hat den Punk vom Mackertum befreit und in Hamburg den Pudel Club mitgegründet. Außerdem macht er Theater. Jetzt erst recht
Goldene Zeiten
Horsti heißt sein Alter Ego im Roman „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“

Foto: Peter Granser für der Freitag

Irgendwo hinter den sieben Dünen, jenseits gut durchfeuchteter Marschen liegt an der Ostsee das Städtchen Timmendorfer Strand – der Geburtsort von Schorsch Kamerun. Ein westdeutsches Idyll, in dem Rentner aus Nordrhein-Westfalen gerne Strandspaziergang, Mittagsschläfchen und frühes Abendessen miteinander verbinden. Für junge Punker muss es eher ein repressiver Sandkasten gewesen sein. Rocko Schamoni hat in seinem Roman Dorfpunks ein ähnliches Szenario beschrieben, saftig überzeichnet, angesiedelt nur ein paar Dörfer weiter. Schamonis Jugendfreund Schorsch Kamerun spielt in seinem kürzlich erschienenen Buch grundsätzlicher mit dem Thema: Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens (Ullstein) ist ein halb autobiografischer, halb ausgedachter Roman, der nicht einfach nur die üblichen Punker-Abenteuer nacherzählt, sondern auch viel verrät über die künstlerischen Strategien und politischen Haltungen, die Kamerun daraus entwickelt hat: Von den subventionierten Stadttheatern bis hin zum kulturellen Biotop des Hamburger Golden Pudel Club – immer geht es um die Selbstermächtigung eines fröhlichen Dilettanten.

Anti-Stil als Marke

Schon früh ist der Schulabbrecher Kamerun aus Timmendorfer Strand – das im Buch Bimmelsdorfer Strand heißt – nach St. Pauli geflüchtet. Dort, auf der etwas weniger gentrifizierten Seite der Reeperbahn, wohnt der 53-Jährige heute noch, inzwischen mit Frau und Kind. Wir treffen uns in einem rumpeligen Café namens Kraweel, was nach Krawall klingt, aber bevölkert ist von jungen Müttern und bärtigen Spätaufstehern. Der Schorsch, wie ihn in Hamburg alle nennen, legt nicht so viel Wert auf ein dandyeskes Auftreten. Anders als sein Bandkollege Ted Gaier oder der ehemalige Zitronen-Schlagzeuger Ale Dumbsky, der nach seinem Ausstieg zeitweise sogar als Model arbeitete. Dafür hat der Schorsch einen definierten Anti-Stil zu seiner Marke gemacht. Meist guckt ein Hemdkragen aus einem gemusterten Pullover, der aussieht, als sei eine karitative Kleidersammelstelle der Shop seiner Wahl.

„Das Geschmackvolle an der Verklärung zurückliegender Epochen geht mir auf den Zeiger, das mag ich einfach nicht“, sagt der Schorsch und rührt in einer Tasse Tee. „Ich wollte keinen popkulturellen Roman schreiben und auch keine Autobiografie, so etwas ist doch elend. Mein Ansatz ist eher eine Art Chronik, aus einem Leben herausgerissene Beschreibungen.“ Stattdessen erzählt er ungeschliffen, aber unterhaltsam von einem Alter Ego namens Horsti, der sich schon bald „Tommi from Germany“ nennt: „Wer sich nicht fühlte wie Morten, Stephan und Horsti oder Kathrin, Tanja und Martina, der musste auch nicht länger so heißen“, schreibt Kamerun. Noch heute trägt das Umfeld des Pudel-Clubs solche Quatschnamen voller Stolz: von Rocko Schamoni bis zu Heinz Strunk.

Nicht für immer Fun-Punk

Die Goldenen Zitronen wurden 1984 in Hamburg gegründet, von der Urbesetzung sind heute noch Ted Gaier und Schorsch Kamerun dabei. Aus dem Fun-Punk-Quartett von einst ist inzwischen ein sechsköpfiger Verbund geworden, dem auch die Musiker Mense Reents, Enno Palucca, Stephan Rath und Julius Block angehören. Mit einem Diagramm sämtlicher Nebenprojekte dieser sechs ließe sich mühelos eine ganze Zeitungsseite füllen. Den Durchbruch erlebten die Goldies, wie die Band auch genannt wird, 1986 mit der Single Am Tag, als Thomas Anders starb – einer satirischen Abwandlung von Juliane Werdings Hit Am Tag, als Conni Kramer starb. Die Single verkaufte sich rund 40.000 Mal. 1987 erschien das erste Album der Goldenen Zitronen: Porsche, Genscher, Hallo HSV. Seit dieser Zeit hat die Band nicht nur in den Plattenläden, sondern auch in den Musikabteilungen der Elektromärkte ein eigenes Fach mit ihrem Namen.

Live setzte die Band seit jeher auf größtmögliche Irritation, so dass zu keiner Zeit die Gefahr einer Verwechslung mit anderen Fach-Inhabern wie den Ärzten oder gar den Toten Hosen bestand.

Elf weitere Alben sind seither erschienen, darunter Das bisschen Totschlag, mit dem sie dezidiert politisch wurden und die Anschläge von Mölln und Hoyerswerda sowie die damalige Stimmung in der Bevölkerung kommentierten. Auf Who’s Bad (2013) setzten sie sich zuletzt vor allem mit der Stadt(planungs)politik in Hamburg auseinander. 2015 erschien Flogging a Dead Frog, auf dem sie ausgewählte Songs auf Englisch neu interpretierten, darunter auch If I Were a Sneaker (s.o.), der nun wie Faust auf Auge zur aktuellen Debatte um den Umgang mit Flüchtenden passt. Christine Käppeler

„Die Dogmen der eigenen Szene brechen, das war uns immer sehr wichtig“, sagt Kamerun, den nur noch seine Mutter und Teile der Verwandtschaft Thomas Sehl nennen. „Als wir 1984 in der Hafenstraße unsere ersten Konzerte spielten, war Punk in Form und Haltung enorm mackerhaft. Da stand auf Lederjacken pseudoironisch: ‚Harte Männer tanzen nicht‘. Was für ein Schrott!“ Die Zitronen reagierten darauf mit Fun-Punk, machten sich lustig über die harten Kerle und Slogans wie „Zu Bullen hart, zu Frauen zart“.

Die Musiker lebten damals zu viert in einer Wohnung in der Buttstraße am Hamburger Fischmarkt, für die sie lächerliche 150 Mark bezahlten. In einem Hinterzimmer betrieb der Musiker Knarf Rellöm die Boutique Idiot – einen Haufen alter Klamotten, die er für zwei Mark das Stück verkaufte. „Es war scheißkalt, zu Futtern war auch nichts da, trotzdem fanden wir das alles einfach nur befreiend“, erinnert sich Schorsch. „Es war das exotische Gefühl, eine Grenze zu überschreiten. Als würde man neben einer brennenden Mülltonne einschlafen und sich dabei ein bisschen verwegen vorkommen.“ Er stoppt kurz, weil ihm aufgefallen ist, dass solche Storys immer ein wenig nach kernigem Männerabenteuer klingen: „Ich mag dieses maskuline Ausbreiten nicht.“ In seinen Texten für Die Goldenen Zitronen, die er heiser und in hohem Tempo herausschleudert, geht es oft um Details und Zwischentöne. Der Song 0:30, gleiches Ambiente beschrieb schon 1996 die supercoolen und dabei doch so stumpfen jungen Konsumenten, die inzwischen erst recht die einschlägigen Viertel bevölkern. Auch Wenn ich ein Turnschuh wär ist heute aktueller denn je: „Über euer Scheißmittelmeer käm ich, wenn ich ein Turnschuh wär. Oder als Flachbild-Scheiß – ich hätte wenigstens einen Preis.“

Am Ende eine Demo

Aber was tun, angesichts eines überkomplexen Kapitalismus, der den Hamburger Kiez ebenso umpflügt wie den Rest der Welt? Schorsch hat keine Antwort: „Hindert nicht die Frage ‚Was tun?‘ oft den Prozess des Machens?“, kontert er. „Vielleicht liegt es daran, dass ich mich an meiner eigenen Biografie abarbeite und meine Ideale – die vielleicht gar nicht mehr nur zutreffend sind – ständig überprüfe. Ich fühle mich jedenfalls drin, im Prozess und im Diskurs.“ Wo Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow gern Theoretiker wie Alain Badiou oder Donna Haraway zu Rate zieht, reagiert sein Zitronen-Kollege eher auf konkrete Ereignisse und schöpft aus dem eigenen Umfeld. Selten 1:1 ausformuliert, meist eher kunstvoll verschleiert, mit gelegentlichem Hang zum Kryptischen.

Seit 2000 arbeitet Schorsch Kamerun auch als Regisseur am Theater. Davor, sagt er, sei er nur zweimal dort gewesen: Im Rahmen des Deutschunterrichts sah er Heinrich Kleists Der zerbrochene Krug – „entsetzlich!“. An Peter Zadeks Musical Andi interessierte ihn in erster Linie die Musik der Einstürzenden Neubauten. Als die Dramaturgin Stefanie Carp Kamerun 1999 darum bat, für das Marthaler-Stück Die Spezialisten einen Text der Goldenen Zitronen beizusteuern, entwickelte sich daraus eine langjährige Zusammenarbeit.

Die Theaterinszenierungen von Kamerun funktionieren eher wie Versuchsreihen in einem Labor der Möglichkeiten. Sein jüngstes Projekt, Die disparate Stadt, hatte im März im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses Premiere. Es ist der Versuch einer Auseinandersetzung mit gegenkultureller Widerspenstigkeit in Hamburg, von der Swing-Jugend der 30er Jahre bis zu den aktuellen Auseinandersetzungen um den Golden Pudel Club. Eine Mischung aus Performance und Spektakel, mit der Opernsängerin Rosemary Hardy, dem St.-Pauli- Archiv, der Gruppe Hallo Festpiele, einer Avantgarde-Jazz-Band und dem Verkauf von hochprozentigen Getränken an einem improvisierten Tresen. Am Ende gehen Publikum und das grell verkleidete Ensemble gemeinsam auf die Straße, um für den Erhalt des Pudel-Clubs zu demonstrieren. Wer vergleichbare Arbeiten von SIGNA oder Rimini Protokoll kennt – deren Produktionen allerdings auch sechsstellige Beträge kosten –, fühlt sich bisweilen etwas veralbert. Man spürt bei solchen performativen Installationen allerdings auch die langjährige Freundschaft zu Christoph Schlingensief, der noch mehr Rampensau war, aber in seiner Arbeit ähnlich gegenwärtig und unvorhersehbar: „Christoph hat sich immer voll in den Schmerz geworfen. Er hat die Gräber aufgemacht und alle rausgeholt. Ich kann das schon nachvollziehen, aber ich habe keine Lust, wenn es um Nazis geht, auf der Bühne den Hitlergruß zu zeigen. Christoph konnte das, ohne zu zögern.“

Kamerun hat sein Theater aus der DIY-Haltung eines Punks heraus entwickelt, so wie eigentlich alle seine Projekte: „Einfach probieren, eine Idee durchsetzen. Manchmal hab ich vor den Möglichkeiten des Theaters gesessen wie ein Kleinkind vor dem Zauberkasten.“ Sein Regiedebüt, eine Adaption von Hubert Fichtes Roman Die Palette, spiegelte seine eigene Rolle als Exponent einer nachgewachsenen Subkultur. Denn was die legendäre Kellerkneipe Palette in den späten 60er und frühen 70er Jahren war, ist heute der Golden Pudel Club. Seit 1994 ist der von ihm mit Rocko Schamoni und dem inzwischen verstorbenen Norbert Kahl gegründete Amüsierbetrieb der Inbegriff einer eigenwilligen, nichtkommerziellen Ausgehkultur. „Wir haben das extra spielerisch angefangen, als Reaktion auf die Professionalisierung auf dem Kiez. Und dann konnte man gar nicht Nein sagen zu dem Ding da unten am Hafen. Wir mussten nichts dafür tun, nichts dafür zahlen und haben umgekehrt auch nie eine Wertschöpfung betrieben“, sagt Schorsch. Doch 2004 stieß Wolf Richter zur Pudel-Crew, ein Bruder des Malers Daniel Richter und ein Jugendfreund von Rocko Schamoni. „Der Typ“, wie ihn Schorsch konsequent nur nennt, war anders drauf als die DJs, Musiker und Künstlertypen, die im Pudel arbeiteten und sich ausprobierten. Er drängte auf Ausbau und Renovierung des Gebäudes, legte selbst Hand an, und als die Stadt Hamburg dem Betreiber-Kollektiv den ehemaligen Schmugglerknast zum Kauf anbot, schlug seine Stunde. Seit 2008 gehört das Haus Wolf Richter und Rocko Schamoni zu gleichen Teilen – eine Zäsur in der Geschichte des Clubs mit dem kauzigen Namen und der eigenwillig ironischen Sprache. 2010 beginnt ein zermürbender Kleinkrieg zwischen Richter, der im oberen Stockwerk ein kommerzielles Café betreibt, und den politisch argumentierenden Pudel-Leuten. Zunehmend sind Anwälte und Gerichte involviert, am 20. April sollte eigentlich eine Teilungsversteigerung stattfinden. Doch dazu kommt es vorerst nicht, denn in der Nacht zum 14. Februar ist das Dachgeschoss des Clubs komplett ausgebrannt – Brandstiftung, sagen Polizei und Sachverständige. Der Wert des Gebäudes muss jetzt neu ermittelt werden; der Club, der das Feuer weitgehend unbeschadet überstanden hat, bleibt geschlossen.

Schorsch Kamerun ist mit all dem sehr unglücklich, will aber nicht für das Kollektiv sprechen. Aus dem operativen Geschäft hat er sich schon länger zurückgezogen, doch seine Haltung zu all dem ist klar und unmissverständlich: „Wir sehen den Pudel als einen Ort, der uns allen gehört, wo es sich gemeinsam ausprobieren lässt. Labels sind hier entstanden, Musiker und DJs haben sich getestet. Am Anfang gab es auch eine Galerie, die Nomadenoase, eine Art gegenakademische Einrichtung für Institutionshasser.“ In einem von Events und Professionalität geprägten Umfeld werden die Möglichkeiten zunehmend geringer. Die letzten Schmuddelecken auf dem Kiez verschwinden, eine große Leere macht sich breit: „Mir fällt es schwer, zu den FC-St.-Pauli-Spielen zu gehen“, sagt der Kiez-Veteran etwas ratlos. „Ich halte das nicht aus mit der Totenkopffahne. Sie ist auch Symbol letzter Rauheit, die hier zur Marke wird – auch wenn der Verein grundsätzlich cool ist.“ Der Buchtitel Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens scheint nicht nur ein ironischer Gag zu sein, dahinter steckt wohl auch eine melancholische Wahrheit.

Bleibt die „Elbphilharmonie der Herzen“, wie der Pudel-Club auch liebevoll genannt wird: „Wir akzeptieren nur eines“, heißt es auf der Webseite. „Die angestammte Behausung des Hundes mit dem struppigen Fell wird dem Kapitalmarkt entzogen und geht in eine Stiftung über.“ Falls es anders läuft, sagt Schorsch vor der Tür des Kraweel, dann sollten die neuen Besitzer möglichst stressresistent sein. Denn St. Pauli ist – noch – nicht der Timmendorfer Strand.

06:00 11.05.2016

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