Goldkrone und Einschusslöcher

Ostukraine Wie ein deutscher Youtuber einen 21-jährigen Zocker aus dem Donbass aus Versehen berühmt machte
Goldkrone und Einschusslöcher
Via Internet zeigt Slavik der Welt seinen Alltag in der „Volksrepublik Donezk“

Screenshots: Youtube/Slavik 15622

Der selbst ernannte König des Internets sitzt meistens mit einer 24-Karat-Krone auf dem Kopf vor einer Webcam, klopft Sprüche und verprasst Kohle. Auf Youtube hat Jens Knossalla, Username Knossi, etwa 1,22 Millionen Abonnenten. Diese schauen ihm im Internet dabei zu, wie er echtes Geld am virtuellen Spielautomaten verzockt. Am Abend des 5. April will Knossi auf der Streaming-Plattform Twitch seinen Kumpel und deutschen Comedystar Mark Filatov, auch als „Slavik Junge“ bekannt, einladen. Auf einmal sitzt ein anderer Slavik da – der unerwartete Gast streamt gerade für ganze fünf Zuschauer aus seinem ramponierten Haus in der Stadt Donezk. Der König des Internets schaut völlig ahnungslos auf seinen Bildschirm. „Who du?“, fragt Knossi wiederholt, „Who du?“. Donezk kennt er nicht. „Da, wo Krieg ist“, sagt Slavik, der völlig die Fassung verliert. Plötzlich hat der Streamer aus dem ostukrainischen Hinterland Tausende von Zuschauern. Er greift zur Wodkaflasche, zieht sich eine Militärjacke an und tanzt vor der Kamera, während sich Knossi über die abgenutzte Tapete im Hintergrund wundert.

Slavik muss weinen

Seit diesem Abend streamt Slavik täglich live aus seinem Zimmer. Er sitzt vor der Webcam und beantwortet Fragen Hunderter Zuschauer. Sie fragen ihn nach seiner Situation oder wünschen ihm viel Glück für die Zukunft. Immer wieder ertönt eine Melodie, über den Bildschirm läuft ein blinkendes Symbol. Jemand hat 100 Euro gespendet. Slavik muss weinen.

Insgesamt haben ihm Hunderte auf diese Weise Geld geschickt. Wie viel genau dabei zusammengekommen ist, möchte Slavik im Interview nicht sagen. „In Donezk könnte ich mir davon ein Haus kaufen“, meint er. Dann schiebt er hinterher: Zwar kein großes und etwas entfernt vom Zentrum, aber zumindest ein Haus. Zunächst habe er mit dem gespendeten Geld dem Großvater seiner Freundin eine wichtige Magenoperation ermöglicht. Es fällt ihm schwer zu begreifen, wie schnell alles gegangen ist. Bevor er per Zufall auf einem der größten deutschen Streamingkanäle landete, hatte Slavik zahlreiche Jobs, „im Supermarkt, auf der Baustelle, bei der Autoreparatur“. Mehr als umgerechnet hundert Euro im Monat habe er nicht verdient, dafür musste er an manchen Tagen teilweise 13-Stunden-Schichten schieben.

Der 21-Jährige ist in der ostukrainischen Metropole Donezk geboren und hat die meiste Zeit seines Lebens dort verbracht. Als vor sieben Jahren der Krieg als Nachspiel zu den Maidan-Protesten ausgebrochen war, zog er für eine Weile zu Verwandten nach Kaliningrad, ins westlichste Oblast der Russischen Föderation. Nun will Slavik die unerwartete Aufmerksamkeit nutzen, um seine Karriere als Streamer voranzubringen. Er hat mehrere Youtube-Videos hochgeladen: „My life in the Warzone“ (Mein Leben im Kriegsgebiet), Teil eins und zwei. Dort führt er die Zuschauer auf den Spuren der Verwüstung durch Donezk.

Der erste Clip beginnt vor einem heruntergekommenen Lenin-Denkmal. Slavik läuft eine Straße voller verfallener Gebäude – größtenteils sind es nur noch Ruinen – entlang. Es weht ein offenbar rauer Wind; der Himmel ist grau. Früher lebten hier viele Menschen, die meisten seien geflohen, sagt Slavik in die Kamera. Vom Dach des baufälligen Hauses seiner Freundin zeigt er auf eine Hochhausruine im Hintergrund. „Dort darf man nicht hingehen, es ist verboten“, erklärt er. Es folgt der Hinweis auf mehrere Einschusslöcher in der Grundstücksmauer.

Sein eigenes Haus sei nicht derart zerstört, doch längst werde wieder jeden Tag geschossen. Als er an einem Schuttberg vorbeikommt, wirft er ein: „Das ist die Volksrepublik Donezk“ und lässt dabei die Bilder sprechen. Es ist einer der wenigen Augenblicke, in denen seine Aussagen einen politischen Unterton haben. Die Millionenstadt Donezk ist die Hauptstadt der sogenannten Volksrepublik Donezk, eine kleine Entität russischer Separatisten, gefangen irgendwo zwischen Russland und der Ukraine.

Stalin grüßt

Die Führungsriege dort gibt sich viel Mühe, einen sowjetnostalgischen Traum der „Befreiung vom Faschismus“ zu inszenieren. Wer auf dem Landweg von der Ukraine aus anreist, wird beim Grenzübergang Marjinka von einem überdimensionalen Stalin-Plakat begrüßt. Die Hauptstraßen werden durch Zitate des 2018 ermordeten Präsidenten Alexander Sachartschenko (1976-2018) geschmückt, sein rauchendes Konterfei begleitet die pathetischen Worte: „Wir lieben unsere Heimat und sind bereit, dafür unser Leben zu geben.“ Anerkannt wird Donezk nur von Russland, der zweiten „Volksrepublik“ rings um die Stadt Luhansk und anderen nicht anerkannten De-facto-Republiken wie Südossetien südlich des Großen Kaukasus, früher ein Teil Georgiens. Die Republiken Donezk und Luhansk wurden auf der Schwelle zum 2014 begonnenen Ukraine-Krieg ausgerufen, nachdem in Kiew der Präsident Janukowitsch gestürzt worden war (siehe Glossar), beide sind wirtschaftlich sowie politisch von Russland abhängig. Und noch immer wird um dieses Gebiet Krieg geführt. Mittlerweile haben mehr als 13.000 Menschen ihr Leben verloren.

In seinem neuesten Video führt Slavik zu einer zerstörten Brücke und der Ruine eines Krankenhauses. Im Hintergrund hört man Artilleriebeschuss. Slavik zuckt kurz zusammen und erzählt dann weiter. Nachdem eine ausgehandelte Feuerpause im Juli 2020 dazu geführt hat, dass auf beiden Seiten Militärverbände zurückgezogen wurden und es kaum noch Kampfhandlungen gab, nehmen die Spannungen seit Mitte Februar 2021 wieder zu. Die Beobachtungsmission der OSZE zählte allein am 22. April nahezu 500 Verstöße gegen den geltenden Waffenstillstand. Die Situation ist und bleibt unberechenbar.

Im Stil eines Journalisten führt Slavik im Video Interviews mit jungen Menschen, fragt sie nach ihrem Alltag in der nicht anerkannten Volksrepublik. Die Antworten derer, die noch nicht geflohen sind, klingen zumeist knapp und traurig. Dabei sind bei Slaviks Aufnahmen die Gesichter der Interviewten verpixelt, nicht ohne Grund. In den beiden Volksrepubliken ist die Pressefreiheit stark eingeschränkt. Nur selten berichten ausländische Journalisten von dieser anderen Seite jenseits der Frontlinie. Auch gibt es kaum Darstellungen, die nicht auf staatliche Medienkanäle zurückgehen.

Umso mehr muss erwähnt werden: In Donezk gibt es starke Kontraste. In der Innenstadt scheint der Krieg weit entfernt zu sein: Es gibt einen großen Freizeitpark, umgeben von sauberen Straßen und zierlichen Blumenrabatten. Hier kann man einkaufen, im Grünen flanieren und Kaffee mit Sirup trinken. Es müssen viel Geld und viel Mühe investiert worden sein, um das Bild eines normalen Lebens in einer modernen Stadt zu vermitteln. Hier gibt es alles wie sonst auch, nur in eigener Version: Statt McDonald’s gibt es „Donmak“, statt Starbucks „Bearbucks“.

Doch mit diesem Leben haben die meisten Menschen in Donezk nichts zu tun. Auch Slavik nicht, Sohn „einer normalen Arbeiterfamilie“, wie er sagt. Er lebe in einem ramponierten Viertel an der Peripherie. Allen, die es interessiert, zeigt er auf seinem Kanal „Slavik15622“ sein Haus. Es liegt im Kiewer Bezirk, im Norden von Donezk, unweit des durch Kämpfe schwer zerstörten Flughafens. Seine Habseligkeiten hat Slavik in Boxen verpackt. Bei Beschuss kann er damit schnell fliehen. In seinem Zimmer steht der Gaming-Computer – „Marke Eigenbau“, wie Slavik auf deutsch präzisiert. Neben dem Bildschirm liegt eine selbst gebastelte Krone, wie sie der bekannte deutsche Streamer Knossi hat.

Zu politischen Fragen möchte sich Slavik nicht konkret äußern, in Donezk sei es gefährlich, seine Meinung zu sagen. Er könne seine ganze Geschichte erst dann preisgeben, wenn er im Ausland und in Sicherheit sei. Auch in seinen Interviews fragt er Gesprächspartner in der Regel nicht nach ihrer Meinung, sondern nach ihrem Alltag und den Zukunftssorgen. So berichten ihm zwei junge Männer von Bombardements der ukrainischen Armee und einer strengen Ausgangssperre, von häufigem Stromausfall und abgestelltem Wasser. Eine junge Frau stellt die Frage, die wohl jeden in dieser abtrünnigen Gegend umtreibt: „Wird der Krieg zu Ende gehen und wenn ja, wann?“

Präsident Wolodymyr Selenskij war 2019 mit dem Versprechen zur Wahl angetreten, den Konflikt in der Ostukraine schnell überwinden zu wollen. Gelungen ist ihm das nicht. Sein Angebot, sich mit dem russischen Präsidenten im Donbass zu treffen, lehnte Wladimir Putin am 20. April ab. Wenn Selenskij über die Zukunft des Donbass verhandeln wolle, solle er sich mit den Führern der „Volksrepubliken“ treffen. Slavik selbst wagt keine Zukunftsprognose, ein Haus in Donezk will er sich nicht kaufen, obwohl er das jetzt könnte. Er habe bei Freunden gesehen, wie deren Haus aufgebaut und wieder zerstört wurde. Stattdessen möchte er im September nach Deutschland kommen. Knossi, der König des Internets, durch dessen Versehen sich Slaviks Leben binnen Sekunden änderte, hat ihn zu einem Konzert eingeladen.

Robert Putzbach und Philip Malzahn arbeiten als freiberufliche Journalisten und haben 2018 gemeinsam aus der „Volksrepublik Donezk“ berichtet

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 17.05.2021

Ausgabe 24/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 6