Lennart Laberenz
Ausgabe 5016 | 28.12.2016 | 06:00

Goldsteins Gewimmel

Abenteuerlich Vom Versuch, einen außer Rand und Band geschriebenen Roman zu lesen und zu verstehen – Alexander Goldsteins große Saga „Denk an Famagusta“

Goldsteins Gewimmel

In Baku: synästhetisch hangelt sich der Roman an den Rändern der UdSSR entlang

Foto: Tarik Tinazay/AFP/Getty Images

Nach knapp der Hälfte dieses Romans erinnert sich der Leser, wie er vor rund zehn Jahren einen Tag am Scheremetjewo verbracht hat. Wer damals am Inlandsterminal des Moskauer Flughafens wartete, der saß in einem Wimmelbild des postsowjetischen Russlands.

Mit ihm warteten Babuschkas mit Holzkörben, langbeinige Damen trugen festgefrorenen Unwillen im Gesicht, es roch nach Gurkensalat. Gesichter, die wohl mongolisches Klima zu Leder gerbte, Leopardenmuster auf allen Körperteilen, Männer in Anzügen aus Ballonseide, Männer in Anzügen aus Denim, Männer mit Kippa. Über dem Ausgang standen Versprechen ohne Zeitangabe: Samarkand, Almaty, Murmansk, Petropawlowsk-Kamtschatski.

Solch ein Gewimmel beschwört Alexander Goldsteins Roman herauf – man schaut zu, verliert sich, begreift erst mal nichts. Denk an Famagusta ist ein wunderbar aus der Form laufender Roman, dem zu folgen hohe Konzentration und Geduld einfordert. Man fährt mit Zügen und durch Zeiten, in denen putziges Personal Possen reißt, man ist bei brutalen Verhaftungen dabei, Erschießungen und Anschlägen, schaut einer zerrissenen Obdachlosenehe in Tel Aviv zu. Man geht ins Kino, man isst, man übersieht Märkte.

Und all das tut man in einer Weise, die völlig quer zu dem steht, was man so aus der Spiegel-Bestenliste gewohnt ist. Hier verdampfen sämtliche Plotregeln von Schreibkursen, all die Selbstfindungs- und Thesenromane, die Coming-of-Age-Dramen werden winzig. Goldstein baut Handlungsstränge auf und reißt sie plötzlich ein, durchkreuzt sie mit Gedankenströmen, Tagträumen. Beschreibungen verdichten sich zu Hypothesen, von dort schwebt der Blick fort, mit ihm wuchern die Beschreibungen weiter. Es geht kreuz und quer durch die aserbaidschanisch-armenisch-türkisch-iranisch-russisch-sowjetisch-israelische Geschichte.

Und das findet man in den Fetzen, die man aus diesem Roman aufklauben kann: Ein Mann namens Galperin flieht da einigermaßen gelassen, Dompteur wilder Tiere ist oder war er, und zu ihm führten brutale Schergen des Regimes, die gegen sexuelle Abschweifungen vorgingen. Ein Blutbad überlebt er, und er schreitet zum Sabunçu-Bahnhof. Hier stößt er auf einen dicken Mann „mit einem roten Haarrest auf dem Hinterkopf“, der Schallplatte und Grammofon verwaltet, aus dem Trichter klingt die Stimme Enver Paschas, des Ideologen des Genozids an den Armeniern.

In Tallinn

Dann endet die Rede: „Ein Aufschrei aus tausend Kehlen hackte die Worte ab, als er verklungen war, hörte man den Wind der Wüste, das Getöse ihres Schoßes, bereit, das durch das Sandsieb gefilterte Blut zu empfangen. Der Dicke weinte, Galperin war blass geworden und verzog das Gesicht, aber lassen wir Grammofon, Melonen, Porträts und Salzgurken, um die Ecke, links von der schartigen Richtstatt, der geköpften Platane, eröffnet sich ein Schauspiel, dessen Buntheit und Seltsamkeit Neugierde anzog. Hinter der Toilette trafen sich Atatürks Vertriebene, in denen das Imperium seine alte Kindheit hegte, die von Mustafa Kemal rausgeworfen worden waren. Die Opferlämmer der Enge, zu der die osmanische Vielstämmigkeit zusammengeschrumpft war, es gab die lieben Überreste nicht mehr; wie schade, Galperin schwebten die Gassen des Altyn-Basars vor, ob die, die ihn bevölkert hatten, sich wohl lange hier aufhalten würden.“

Atemlos geht es so weiter, und der Lesende denkt: Vielleicht hilft ein Blick in die Biografie. Und tatsächlich bietet das, was man über die Biografie des in Deutschland weitgehend unbekannten Autors erfahren kann, einen Zugriff auf den Stoff: Alexander Goldstein wurde 1957 in Tallinn in eine jüdische Familie geboren, noch als er ein kleines Kind war, zog die Familie nach Baku, 1991 siedelte er nach Tel Aviv um. Als Journalist verbrachte er auch hier sein Leben in der russisch-jüdischen Gemeinde, lernte kein Hebräisch, starb 2006 an Lungenkrebs. Denk an Famagusta ist einer von drei publizierten Romanen. Die biografische Randlage spielt unmittelbar in den Roman hinein: Er hangelt sich an den Rändern der Sowjetunion entlang, geografisch wie zeitlich.

Grob gesagt werden Begebenheiten in Aserbaidschan und Israel von den 1970er Jahren bis 2006 erzählt. Dann wiederum gibt es das Personal, das auf die Gründungsphase der UdSSR im Kaukasus blickt. Die Kulturgeschichte der Region gerät nach dem Ersten Weltkrieg weiter in Unordnung, als das Osmanische Reich vorrückt. Armenische Nationalisten wie Bolschewiken richten unter Aserbaidschanern Massaker an, die Islamische Armee des Kaukasus drängt ins Bild, englische Truppen, die im Iran stationiert sind, tun das Ihre, bis die Rote Armee Fakten schafft. Das Zerbrechen von Welten, das Zersplittern von Machtformen ist die Folie, über der Goldstein seine Figuren ausschüttet – manche real, manche fiktiv, viele zwischendrin.

Laut lesen

Darüber gerät die Lektüre zu einem bedrohlichen Akt, man zweifelt an der Wachheit gegenüber der Erzählung, schleppt den Band herum und beginnt schließlich, aus Not laut zu lesen. Und hier ergibt sich etwas Seltsames – noch immer liest man das Buch zum ersten Mal, aber in der Sprache des von Regine Kühn in über zweijähriger Arbeit großartig übersetzten Werks, findet sich plötzlich etwas, wie soll man sagen, Entlastendes. Die vorbeieilenden Welten, das vorübergleitende Personal, die vergangenen Zeiten und untergegangenen Welten verdichten sich nun zu einem kaum fassbaren, bunten, synästhetischen Ton.

Und jetzt stellt man fest, dass Denk an Famagusta in der besten Weise obskur ist: Der Autor hat einfach nie auch nur einen idiotischen Gedanken an den Leser verschwendet. Aber gerade deshalb wird Goldstein zu lesen zum (grausamen) Festmahl, man verschlingt den Wahnsinn des Jahrhunderts, seine von der Gewalt gezeichneten Gestalten. Und jetzt will man die anderen gewinnen: „Lesen Sie Goldstein!“

Info

Denk an Famagusta Alexander Goldstein Regine Kühn (Übers.), Matthes & Seitz 2016, 535 S., 30 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 50/16.